Professor Holger Kohl, stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) und Leiter des Fachgebiets Nachhaltige Unternehmensentwicklung an der TU Berlin, zeigt, welches Potenzial Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft für den Industriestandort Berlin haben.
Professor Holger Kohl ist Ingenieur, Netzwerker und ein Visionär für die nachhaltige Transformation der Industrie. Er will Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit nicht gegeneinander ausspielen, sondern systematisch verbinden. „Die besten nachhaltigen Produkte helfen nicht, wenn sie niemand bezahlen kann“, sagt der stellvertretende Leiter des Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik. Seine Vision ist eine urbane Industrie, die Ökologie, Ökonomie und soziale Aspekte integriert denkt – und damit zukunftsfähige Arbeitsplätze schafft.
Kohl ist im Ruhrgebiet aufgewachsen – zwischen Zechen und Stahlwerken, „wo früher der Stahl floss und die Steinkohle aus der Erde geholt wurde“, wie er erzählt. „Ich habe die ersten Smog-Alarme miterlebt und wie weiße Wäsche, die zum Trocknen nach draußen gehängt wurde, grau wurde. Ich habe also schon sehr früh gesehen, was es bedeutet, wenn nicht nachhaltig gewirtschaftet wird.“ Als er Anfang der 1990er-Jahre nach Berlin zieht, hat er diese Eindrücke im Gepäck und die Frage: Wie kann man Wirtschaft und Technologie miteinander denken und wirtschaftliche Stärke mit ökologischer Weitsicht verbinden?
Forschung mit Wirkung
Er studiert Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau, teilweise auch in Berkeley in den USA. Nach dem Abschluss 1999 kommt er zum Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik. „Dort habe ich mich von Anfang an sehr stark mit Kennzahlensystemen beschäftigt, die Prozesse, aber auch den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen bewerten lassen – und parallel auch den Transfer von Best-Practice-Fällen ermöglichen.“ An der TU Berlin gab es bereits damals ein Projekt, das sich zukunftsweisend mit der automatisierten Demontage von Altgeräten beschäftigt hat – zu einer Zeit, als Kreislaufwirtschaft noch kein bekanntes Schlagwort war. „Dort wurden in unserem Versuchsfeld zum Beispiel Waschmaschinen automatisiert demontiert, um in weiteren Schritten zu prüfen und zu ermöglichen, wie einzelne Bauteile in einen weiteren Lebenszyklus überführt werden können“, so Kohl. „Die Kreislauffähigkeit ganzer Produkte und Bauteile wurde schon damals erforscht und vorgedacht, auch wenn sie erst viele Jahre später Eingang in industrielle Anwendung fand – und auch heute noch bei weitem kein Standard ist.“ 2013 tritt er eine Professur für nachhaltige Unternehmensentwicklung an der TU Berlin an. Dort untersuchen sein Team und er, wie Unternehmen befähigt und auch dafür interessiert werden können, sich verstärkt mit Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft zu beschäftigen. Und sie bilden junge Menschen aus, die das erworbene Wissen in die Industrie und in die Wirtschaft hineintragen können.