Dass Schüler die Werke ihrer Lehrer spielen, war in früheren Zeiten Gang und Gäbe. Von etlichen großen Komponisten der Vergangenheit, die zugleich natürlich auch gefragte Lehrer waren, gibt es Stücke, die sie für ihre Schüler geschrieben haben. Die Inventionen von Johann Sebastian Bach gehören dazu, ebenso wie manche Variationszyklen und Sonaten von Ludwig van Beethoven oder vierhändige Stücke von Franz Schubert.
In den heutigen Zeiten bildet so etwas eher die Ausnahme. Zeuge dieser Ausnahme konnte man am 20.4.2026 im Manfred-Schmitz-Saal der Musikschule werden. Dort fand ein Portraitkonzert des Komponisten Tomasz Kamieniak statt. Der aus Katowice (Polen) stammende Musiker unterrichtet seit fast 10 Jahren an der Joseph-Schmidt-Musikschule. Kamieniak ist ein international gefragter Pianist, der sich auf ausdrucksstarke (und schwierige) Werke der Spätromantik spezialisiert hat. Stücke von Franz Liszt und Frederic Chopin gehören genauso zu seinem Repertoire wie die von eher unbekannten Komponisten wie Charles Valentin Alkan oder Walter Niemann, die er in Konzerten auf mehreren Kontinenten vorträgt. Im Lauf der Jahre hat unser Kollege, wie wir mit Stolz sagen dürfen, auch mehrere CDs eingespielt.
Aber Tomasz Kamieniak ist nicht nur ein begnadeter Interpret, sondern auch ein einfallsreicher und phantasiebegabter Komponist. Seine eigenen Werke atmen einen individuellen Geist, sind von sehr eindringlichem Charakter und besitzen ohne Zweifel das, was man die persönliche Handschrift eines Komponisten nennt. Sie tragen Titel wie „Buch der Illusionen“, „Walzer der Vergessenheit“, „Buch der Geheimisse“, „Schatten der Vergangenheit“ oder auch „Zirkusmusik“.
Am Abend des 20. April gestalteten Schülerinnen und Schüler seiner Klavierklasse einen Konzertabend mit Werken ihres Lehrers. Bei den schwierigsten Stücken nahm auch der Komponist selbst am Bösendorfer-Flügel Platz. Über die Dauer von fast zwei Stunden schwebte die Musik durch den Saal. Es entstand ein schillerndes Portrait der Klangschöpfungen Kamieniaks aus den letzten 20 Jahren. Angefangen von den Jugendwerken aus den 90er Jahren spannte sich der Bogen bis zu Uraufführungen kürzlich entstandener Stücke, wobei eine starke Entwicklung der Klangsprache und der kompositorischen Mittel deutlich und nachvollziehbar wurde. Hilfreich für den Zuhörer und sehr sympathisch wirkten die kurzen Einführungen, die unser Kollege jeweils vor dem Erklingen dem interessierten Publikum gab.
Es entstand eine dichte, nahezu andächtige Atmosphäre; die Kompositionen Kamieniaks sind von solcher Intensität, dass sie den Zuhörer unweigerlich in den Bann ziehen und in eine Art Parallelwelt entführen – eine Welt bunter Bilder, skurriler Begebenheiten, verträumter Illusionen und sanfter Melancholie. Beim Verlassen der Musikschule an diesem Abend sah die Welt anders aus als vorher. Das Rauschen des Windes, das Kräuseln der Wellen und selbst der Verkehrslärm – alles war zu Musik geworden.
Mark Anders, Fachgruppenleitung Tasteninstrumente