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Profilbild Ronnie Vuine auf lila/türkisem Hintergrund und dem Titel: Deep Tech Star IoT/Industrie4.0: micropsi industries

In Echtzeit lernen mit micropsi industries

19.07.2022

Wir haben uns den Deep Tech Star 2022 der Kategorie Internet of Things/Industrie 4.0 für ein Interview geschnappt und über deren Deep-Tech-Produkt, die Verleihung und anstehende Pläne gesprochen. Rede und Antwort steht uns Ronnie Vuine – Mitbegründer & Co-CEO von Micropsi Industries.

Zuerst möchten wir euch nochmal zu eurem Award gratulieren. Sicher steht euch nun ein ganz spannendes Jahr bevor! Wie habt ihr denn die ersten Wochen nach der Preisverleihung verbracht?

Danke, wir freuen uns wirklich sehr!

Das große Thema für uns war in den letzten Wochen die Automatica, die Fachmesse für Automatisierung in München. Es gab jetzt über zwei Jahre keine Messen, und für unser Geschäft sind Messen einfach immer noch wahnsinnig wichtig: Kund:innen wollen Roboter live sehen, sonst sind sie, oft zu Recht, skeptisch, ob die Technik sich wirklich weiterentwickelt hat. Wir haben also ziemlich spektakuläre Demos gebaut und dann auch einen ganz schönen Wind dort gemacht mit dem, was wir gezeigt haben.

Was meint ihr, wie hat eure Idee die Jury für sich gewinnen und andere mit nominierte Unternehmen übertreffen können?

Ich hoffe, dass es derselbe Grund ist, aus dem wir machen, was wir machen: Automatisieren ist so schwierig, wie es wichtig ist. Weltweit gehen die Geburtenraten zurück und das Bildungsniveau steigt. Das heißt, wir schauen in eine Zukunft mit weniger Menschen, die zu immer größeren Teilen Wissensarbeiter:innen sein möchten. Ein höherer Lebensstandard in dieser Zukunft wird nicht mehr durch billige Handarbeit in Asien zu erreichen sein, es wird billige Roboter-Arbeit im Westen sein müssen. Leider ist das schwer umzusetzen, aber wir haben mit unserem Produkt jetzt eben eine der Schlüsselkomponenten in der Hand.

Erläutert doch bitte einmal, wofür „MIRAI“ eigentlich genau steht und welche Lücke im Deep-Tech-Sektor euer Produkt schließt.

„Mirai“ heißt einfach „Zukunft“ auf Japanisch, wo Roboter ja bis in die Popkultur ein gutes Image haben. Wer unbedingt will, darf uns aber auch das Akronym „Micropsi Industries Robot Artificial Intelligence“ unterstellen.
MIRAI erzeugt Roboterbewegungen in Echtzeit aus Sensordaten und lernt diese Bewegungen von Menschen. In der Industrierobotik waren Roboterbewegungen bisher komplett fest vorgegeben – also sind ganz ohne Einfluss der Umgebung stur immer gleich ausgeführt worden. Oder man hat mal eine einzelne Messung gemacht und die feste Bewegung dann anhand der Messung einmalig leicht angepasst. Menschliche Werker:innen machen das aber ja nicht so, sondern sind viel flexibler: Die gucken einfach in die Welt und machen jedes Mal eine zum aktuellen Zustand der Welt passende, koordinierte Bewegung. Wir stellen mit MIRAI ein fertiges Produkt bereit, das man käuflich erwerben und mit dem man sofort loslegen kann. Dieses Produkt ist imstande, die genannten Fähigkeiten zu lernen, und erfordert von den Anwender:innen keinerlei KI-Vorwissen.

Dank eures Produkts arbeiten Mensch und Roboter Hand in Hand. Aber wird die Maschine durch selbstständiges Lernen und zunehmender Flexibilität nicht irgendwann den Menschen ersetzen können?

Ja, und wir sehen auch gar keinen Grund, da einen Eiertanz aufzuführen. Maschinen ersetzen menschliche Arbeit, seitdem es sie gibt. Dafür werden sie erfunden. Schubkarren, Webstühle, Autos, Roboter, Mobiltelefone: Technologie übernimmt Aufgaben, die vorher Menschen gemacht haben, und die Menschen ziehen weiter und machen interessantere Aufgaben. Die Folge: Insgesamt leben sie besser, weil sie sich von gleich viel Arbeit jetzt all die Sachen leisten können, die von den Maschinen gebaut werden. Die ganze Geschichte, dass Menschen mit Robotern in einem Wettkampf um eine feste endliche Zahl von Arbeitsplätzen stünden und dann arbeitslos werden, wenn die Roboter besser werden, ist einfach Unsinn. Sie wird auch seltsamerweise immer nur über Roboter erzählt, nicht über Mobiltelefone oder Staubsauger. Da machen einfach Leute mit der Angst vor dem Terminator Krawall.

Industrie 4.0 und IoT sind euer Steckenpferd. Wo liegen eurer Meinung nach die Herausforderungen für 2022 auf diesem Gebiet?

Die Antwort ist leider ein bisschen langweilig, aber sie stimmt: Lieferkettenprobleme. Ich kenne so viele Maschinenbauer:innen, die im Moment keine Maschine aus der Tür kriegen, weil einzelne Komponenten nicht lieferbar sind.

Was hat euch eigentlich davon überzeugt, euer Unternehmen in Berlin zu gründen? Was hat die Hauptstadt im Vergleich zum Rest Deutschlands zu bieten?

Es ist ein Pfadeffekt: Manche von den Gründer:innen haben hier studiert, „MicroPsi“ ist ja ein studentisches KI-Projekt an der HU gewesen, in den frühen 2000er Jahren. Und natürlich ist die Stadt attraktiv für Mitarbeiter:innen aus dem Ausland, die gern in Berlin leben, gut international essen und trotzdem beruflich was Relevantes und Spannendes machen wollen.
Arbeiten in Berlin ist aber nicht einfacher geworden in den letzten zehn Jahren. Wir haben gerade einen Berliner Preis bekommen und da soll man was Nettes über die Stadt sagen, aber ich werde ein schlechter Bürger sein und mahnen: Berlin hat keine ernst gemeinte, vorwärts gerichtete Idee mehr von sich selbst. Wir sind ein Themenpark geworden für die 1990er und führen politische Kämpfe über die Reste der Postwende-Coolness. Wir richten die Stadt darauf aus, möglichst viele junge Tourist:innen mit gepflegtem Mauer- und Nazigrusel (und viel Alkohol) zu versorgen, und jetzt haben wir auch noch ein plan- und geschmackloses Stahlbeton-Hohenzollernschloss in die Mitte der Stadt gestellt, vor dem wir wohl mit der Pferdekutsche hin- und herfahren sollen, wie die Wiener:innen, weil uns Nostalgie für die 90er noch nicht weit genug zurückreicht. Das ist alles einfach sehr traurig, symbolisch wie praktisch.

Wie würdet ihr die hiesige Deep-Tech-Szene beschreiben?

Tapfer.
Genau deswegen ist so ein Preis so wichtig!

Welche große Vision habt ihr für euer Produkt und euer Unternehmen? Inwieweit hat der Deep Tech Award euch dem Erreichen der Ziele etwas näher gebracht?

Wo immer Roboter Bewegungen lernen, auf Situationen reagieren und Entscheidungen treffen, muss die Künstliche Intelligenz von uns kommen und auf unserer Infrastruktur gerechnet werden. Das hat uns schon seit Studientagen interessiert: Was heißt das, intelligent zu reagieren? Woraus besteht es, wie geht es, wie macht man mehr davon?

Vielen Dank für das Interview!