Deep Tech Star Talk Noah Labs Big

Deep Tech Star Talk: Noah Labs

„Menschen zu helfen, die an einer wirklich schweren Krankheit leiden und deren Lebensqualität und Lebenserwartung eingeschränkt sind, ist das, was alle hier verbindet.“
– Dr. Leonhard Riehle, Chief Medical Officer

Die bahnbrechende KI-Technologie von Noah Labs, die allein anhand der Stimme eines Patienten eine Verschlechterung der Herzinsuffizienz erkennen kann, hat dem Team den Deep Tech Award 2025 in der Kategorie KI eingebracht. Diese Innovation ist ein großer Schritt vorwärts in der Ferndiagnostik und bietet ein leicht zugängliches, smartphone-basiertes Tool, das Krankenhausaufenthalte verhindern und frühzeitigere klinische Interventionen ermöglichen kann. In unserem Deep Tech Star Talk erzählen CEO Oliver Piepenstock und Chief Medical Officer Dr. Leonhard Riehle, wie der Award ihre Dynamik beschleunigt hat, was er für die klinische Validierung und Einführung bedeutet und wie das KI-Ökosystem Berlins ihre Mission unterstützt, die Patientenversorgung zu verändern.

Hallo Oliver, hallo Leonhard. Könnt ihr euch bitte kurz vorstellen?

Oliver: Mein Name ist Oliver, ich bin einer der drei Gründer und CEO des Unternehmens, das wir 2021 gegründet haben. Innerhalb des Gründungsteams bin ich für die geschäftliche Seite zuständig. Dazu gehören Personalwesen und alle Themen rund um die Personalbeschaffung sowie Vertrieb, Geschäftsstrategie und Geschäftsentwicklung – im Wesentlichen alles, was nicht medizinisch und nicht technisch ist, was meine beiden Mitbegründer abdecken.

Leonhard: Hallo, ich bin Leo, ebenfalls einer der drei Gründer. Ich bin ausgebildeter Arzt und habe zuvor in der Kardiologie gearbeitet. Bei Noah Labs bin ich als Chief Medical Officer tätig. Ich bin für alle klinischen Studien und Untersuchungen verantwortlich und stelle sicher, dass unsere Entwicklungen letztendlich einen echten Nutzen für die Patienten haben.

Was genau macht Noah Labs?

Oliver: Noah Labs hat die weltweit erste Technologie entwickelt, die Herzinsuffizienz anhand der Stimme eines Patienten erkennen kann. Wir analysieren Stimmproben, die mit einem Smartphone oder anderen Smart-Geräten aufgenommen wurden, und überprüfen sie auf Anzeichen einer sich verschlimmernden Herzinsuffizienz, also im Wesentlichen einer Schwächung des Herzmuskels. Wenn unser System etwas Auffälliges feststellt, senden wir eine Warnmeldung an den Arzt, um ihn darauf hinzuweisen, dass ein bestimmter Patient möglicherweise gefährdet ist, damit rechtzeitig Maßnahmen ergriffen werden können.

Gab es einen bestimmten Moment oder ein bestimmtes Problem, das Sie dazu inspiriert hat, Ihr Unternehmen zu gründen und Ihre Technologie zu entwickeln?

Leonhard: Wir konzentrieren uns derzeit auf Herzinsuffizienz als eine der wichtigsten Krankheiten, weil sie – was viele Menschen nicht wissen – tatsächlich die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte in Deutschland ist. Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leben mit Herzinsuffizienz, einer sehr schwächenden Erkrankung.
Die Prognose ist auch viel schlechter als bei vielen Krebsarten. Innerhalb von fünf Jahren sterben etwa 50 % der Patienten. Jeder Krankenhausaufenthalt verringert die Lebenserwartung erheblich, weshalb es unsere Mission ist, Patienten aus dem Krankenhaus fernzuhalten und diese Abwärtsspirale zu verhindern.

Kannst du erklären, was deine Lösung so besonders macht?

Leonhard: Wir haben einen Stimm-Biomarker entwickelt, der mit nichts weiter als einem einfachen Smartphone funktioniert. Die Patienten sprechen zu Hause in ihr Telefon, lesen ein paar Sätze vor und nehmen einen einzelnen Vokal auf. Diese Daten werden dann von unserem Algorithmus analysiert, der verschiedene Parameter und Merkmale der menschlichen Stimme untersucht, die auf eine Verschlechterung der Herzinsuffizienz hindeuten.

Kannst du das näher erläutern?

Leonhard: Man kann sich Herzinsuffizienz als ein Problem der Flüssigkeitsüberlastung vorstellen. Wenn das Herz, das als Pumpe fungiert, nicht mehr richtig funktioniert, hat es Schwierigkeiten, den Flüssigkeitshaushalt im Körper aufrechtzuerhalten. Bei Herzinsuffizienzpatienten sammelt sich oft überschüssige Flüssigkeit an, was die Atmung beeinträchtigen kann.

Das können wir an der Stimme erkennen. Zu viel Flüssigkeit in der Lunge verändert die Stimme einer Person, und die Stimmbänder können anschwellen. Ähnlich wie bei einer Gitarrensaite dämpft diese Schwellung den Klang und verändert die Frequenz, was in der Regel zu einer tieferen Stimme führt. Unser Algorithmus erfasst mehrere hundert dieser Merkmale und nutzt sie, um Ärzte zu alarmieren. So können Ärzte frühzeitig eingreifen – zum Beispiel durch eine Anpassung der Medikation.

Der Gewinn des Deep Tech Award 2025 ist eine tolle Anerkennung für eure Arbeit. Welche neuen Möglichkeiten, Kooperationen oder Sichtbarkeit hat das geschaffen?

Leonhard: Die Preisverleihung selbst war eine tolle Erfahrung, mit viel Energie und vielen anderen Unternehmern und Unternehmen. Manchmal wird diese Stärke übersehen, aber Berlin hat wirklich ein starkes Ökosystem mit vielen brillanten Köpfen.

Oliver: Absolut. Seit dem Gewinn des Deep Tech Award 2025 haben wir zwei wichtige Meilensteine erreicht. Erstens haben wir unsere Validierungsstudie abgeschlossen und damit gezeigt, dass unsere Sprachanalysetechnologie tatsächlich funktioniert. Diese Art der Validierung ist unerlässlich, und die Ergebnisse werden derzeit in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht, wo sie bald öffentlich einsehbar sein werden.

Zweitens sind wir in die Interventionsphase übergegangen. Zu Beginn analysiert man in der Regel Daten rückblickend, um zu sehen, ob Krankenhausaufenthalte hätten vorhergesagt werden können. Jetzt signalisieren wir Ärzten oder Gesundheitsdienstleistern aktiv, wenn ein Patient gefährdet ist, sodass sie Maßnahmen ergreifen können. In der Herzinsuffizienzversorgung bedeutet dies oft, die Medikamentendosis anzupassen, um einen Krankenhausaufenthalt zu vermeiden.

Was ist das Besondere am KI- und Medizintechnik-Ökosystem in Berlin?

Oliver: Für mich sind es vor allem drei Faktoren, die Berlin auszeichnen. Erstens hat die Stadt ein außergewöhnlich starkes KI-Ökosystem, vor allem im Bereich der medizinischen Anwendungen. Nur wenige Orte auf der Welt verbinden dies mit der wissenschaftlichen Strenge von Einrichtungen wie der Charité und anderen Krankenhäusern und ziehen gleichzeitig so viele internationale Talente an.

Und schließlich ist da noch der geschäftliche Aspekt. Der Zugang zu Finanzmitteln ist für ein Start-up wie das unsere entscheidend. Wir sind auf finanzielle Ressourcen angewiesen, um unsere Technologie den Patienten zugänglich zu machen. Berlin bietet Zugang sowohl zu nicht verwässernden Finanzmitteln, wie Zuschüssen der Europäischen Union und lokaler Behörden, als auch zu verwässernden Finanzmitteln durch Risikokapitalinvestitionen. Bei Noah Labs haben wir uns bewusst darauf konzentriert, beide Ansätze zu kombinieren.

Wie stellst du sicher, dass deine Technologie ethisch und transparent eingesetzt wird? Welche Grundsätze oder Richtlinien prägen deinen Ansatz in Bezug auf KI?

Oliver: Der Schutz von Patientendaten hat für Noah Labs oberste Priorität. Wir arbeiten mit hochsensiblen Informationen, darunter Gesundheitsdaten und Sprachaufzeichnungen, die sehr persönlich sind. Wir treffen umfangreiche Vorkehrungen, um die Datensicherheit zu gewährleisten und sicherzustellen, dass die Patienten verstehen, was mit ihren Daten geschieht.

Transparenz ist der erste Schritt. Wir erklären klar und deutlich, wie und wo die Daten gespeichert werden – in unserem Fall auf Servern in Deutschland – und wie sie verarbeitet werden. Zum Beispiel segmentieren wir Sprachproben und versehen sie mit Anmerkungen, um anzugeben, ob sich ein Patient zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem stabilen oder instabilen Zustand befand. So können unsere Modelle für maschinelles Lernen effektiv lernen, und das müssen die Patienten von Anfang an verstehen.

Diese Offenheit hilft, Vertrauen aufzubauen, was wiederum zu einer stärkeren Beteiligung der Patienten und einem intensiveren Datenaustausch führt. Die Patienten bauen eine Beziehung zu uns auf und verstehen, dass unsere Arbeit letztendlich anderen Menschen zugutekommt, die an derselben Erkrankung leiden.

Künstliche Intelligenz entwickelt sich rasant. Welche Chancen sehen Sie derzeit – und wo liegen die größten Herausforderungen beim verantwortungsvollen Einsatz von KI?

Oliver: Bis vor kurzem waren KI-Entwicklungen in vielen Branchen sichtbar, aber das Gesundheitswesen stand vor erheblichen Hindernissen – sowohl auf Seiten der Patienten als auch auf Seiten der Ärzte und aus regulatorischer Sicht. Das ändert sich jetzt. Die Behörden haben das Potenzial der KI erkannt und Verfahren eingeführt, die Verbesserungen an bestehenden Medizinprodukten ermöglichen, ohne dass eine vollständige Neuzertifizierung erforderlich ist.

Ob im Rahmen der europäischen MDR oder durch die FDA in den USA – diese Änderungen haben den Weg für mehr KI-Anwendungen in der Medizin geebnet. In den letzten ein bis zwei Jahren haben wir eine deutlich höhere Akzeptanz sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten festgestellt.
Die Radiologie ist ein Paradebeispiel dafür. Heute nutzt fast jeder Radiologe KI, da die Software hervorragend darin ist, Muster in MRT- oder Röntgendaten zu erkennen und die Diagnose zu unterstützen. Die endgültigen Entscheidungen treffen nach wie vor die Ärzte, aber KI steigert die Produktivität erheblich. Das ist auch unser Ziel bei Noah Labs – Ärzten zu helfen, effizienter zu arbeiten, damit sie eine bessere Versorgung bieten und letztlich den Patienten ein gesünderes Leben ermöglichen können.

Was motiviert euch persönlich und als Team, jeden Tag an der Weiterentwicklung der KI zu arbeiten?

Leonhard: Was mich motiviert, ist der Grund, warum ich mich überhaupt für die Medizin entschieden habe: etwas bewegen zu wollen. Menschen zu helfen, die an schweren Krankheiten leiden und deren Lebensqualität und Lebenserwartung eingeschränkt sind, ist das, was uns alle hier verbindet.

Deep Tech Stars 2025 Noah Labs im Fokus

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