Portrait von Harald Zapp und Timo Kob

IT-Security und eine vernetzte Welt – Interview mit zwei Jurymitgliedern des Deep Tech Awards

12.04.2021

Welche Auswirkungen hatte die Covid 19-Pandemie auf die Entwicklungen von IoT und IT-Security Lösungen? Welche Rolle spielt Berlin für innovative Produkte und wie haben Lösungen für den DTA bessere Chancen? Harald Zapp und Timo Kob beantworten unsere Fragen.

Hallo Herr Zapp, hallo Herr Kob. Wir freuen uns, dass Sie als Jurymitglieder des Deep Tech Awards Zeit für dieses Interview gefunden haben.

Steigen wir doch gleich mit einem aktuellen Bezug ein. Noch immer ist unser Alltag von Einschränkungen und Lockdowns geprägt, doch ergibt sich dabei eventuell auch eine Chance für die Kernthemen IoT/Industrie 4.0 und IT-Security? Herr Zapp, welche Chancen haben sich auf dem Gebiet IoT/Industrie 4.0 während der Pandemie-Zeit ergeben?

Harald Zapp: Die Pandemie hat insbesondere im ersten Lockdown viele Unternehmen ausgebremst – allen voran die exportierenden und Investitionsgüter-Branchen. Doch gerade das hat den Weg zur Industrie 4.0 nochmal beschleunigt, denn Technologien wie IoT und Machine Learning ebnen den Weg aus der Krise: sie ermöglichen schlankere, effizientere Prozesse, schnelle datenbasierte Entscheidungen und die Absicherung gegen externe Schocks. In einem Jahr, in dem die Menschen physisch auf Distanz gehen mussten, hat IoT gerade im Hinblick auf die Machine Economy einen enormen Schub bekommen: Maschinen, Anlagen, Logistik und Produktion werden zunehmend vernetzt und interagieren miteinander – menschliche Eingriffe sind seltener erforderlich. Bei der NBT haben wir einen deutlichen Beratungsanstieg für vernetzte Technologien verzeichnet.

Herr Kob, was denken Sie, wie wichtig sind neue Lösungen in der IT-Security und eine gleichzeitig vernetze Welt – gerade in Pandemie-Zeiten?

Timo Kob: Ich würde hier den Pandemiebezug nicht zu sehr strapazieren wollen. Da bin ich doch zu optimistisch, dass die Pandemie dann doch Geschichte ist, bevor neue Lösungen am Markt sind. Interessanter ist die mittelbare Auswirkung der Pandemie auf das Thema Digitalisierung im Allgemeinen. Hier entsteht spürbar ein Sogeffekt und die Sorge ist, dass das Thema Sicherheit darüber vergessen wird oder übergangen wird, weil es eben nicht die passenden Lösungen gibt. Das sollte im Zusammenhang gedacht werden. Das bedeutet, sich die Frage zu stellen wo die Digitalisierung verstärkt anläuft und wo es hier vielleicht gesteigerten und noch nicht abgedeckten Security-Bedarf gibt. Diese Denkweise ist sicher ein Startpunkt für das Entstehen von neuen Innovationen.

Herr Zapp und Herr Kob, wie schätzen Sie beide die Bereitschaft zu mehr bzw. übergreifender Vernetzung innerhalb der Gesellschaft ein?

Harald Zapp: Im letzten Jahr gab es übergreifend einen starken Digitalisierungsschub – in Unternehmen, der Verwaltung, im Gesundheits- und im Bildungswesen. Das letzte Jahr hat gezeigt, was alles möglich ist, wenn es die Situation erfordert. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass Corona große Defizite aufgedeckt hat: Unternehmen, denen die grundlegende digitale Infrastruktur fehlt, Behörden, die nur eingeschränkt arbeitsfähig sind – von den Problemen beim digitalen Schulunterricht ganz zu schweigen. Digitalisierungsinitiativen zielen zu oft nur darauf ab, durch die Krise zu kommen – und nicht darauf, Prozesse nachhaltig zu verbessern, Innovationen zu entwickeln und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Als eine der weltgrößten Volkswirtschaften kann das aber nicht unser Anspruch sein. Zum Glück erkennen immer mehr Unternehmen, wie zentral digitale Prozesse und neue Technologien dafür sind, unseren Wohlstand zu sichern. Gerade in der Industrie bewegt sich hier viel.

Timo Kob: Als optimistischer Mensch hoffe ich, dass in 20-30 Jahren die Pandemie als „Digitalisierungsschub/Innovationsmotor“ gesehen wird, der die zögerliche Umsetzung der Digitalisierung beendet hat. Noch sieht man wie sehr wir hier Nachzügler:innen sind und wie sehr eine konsequente Digitalisierung hier helfen könnte. Der Pessimist in mir sagt dann aber auch, dass wir hier auch vorher ja keine neue Erkenntnis sondern ein Umsetzungsproblem der Digitalisierung hatten, es sich also auch durch die Sichtbarmachung der Probleme und Chancen nichts ändert. Hoffen wir, dass der Optimist recht behält.

Herr Zapp, werfen wir doch noch einmal einen Blick auf die IoT-Branche im Allgemeinen. Wie kommen die Entwicklungen auf diesem Feld der Vernetzung trotz Lockdown voran?

Harald Zapp: Natürlich sorgt Corona hier auch für Schwierigkeiten – einerseits im operativen Bereich, da Lieferketten unterbrochen wurden und physische Implementierungen erschwert werden. Dafür ist der derzeitige Mangel an Mikrochips das beste Beispiel. Zudem sorgt die wirtschaftliche Unsicherheit dafür, dass viele Unternehmen Investitionen in die Zukunft verschieben. Insgesamt überwiegt aber die schon beschriebene Beschleunigung solcher Initiativen in der Industrie durch Corona, wie auch eine neue Studie von IDC belegt: Knapp 40 Prozent der Unternehmen mit IoT-Plattformen geben an, dass sie wegen Corona ihre Investitionen in Industrial-IoT-Lösungen weiter erhöhen wollen, nur 18 Prozent wollen sie senken.

Herr Kob, was würden Sie denn sagen, wie schnell hat sich aufgrund der Pandemie, vielleicht sogar dank der Pandemie, etwas auf dem Gebiet der IT-Security getan? Haben wichtige Themen rund um IT-Security ihrer Meinung nach einen Schub durch das vermehrte Remote-Arbeiten bekommen?

Timo Kob: Ich würde das nicht zu sehr in Verbindung bringen. Ja, es sind viel mehr Leute im Home-Office. Ja, die Unternehmen verstehen – teilweise mit schmerzhafter Lernkurve – dass Home Office speziell zu schützen ist. Aber einen großen Schub speziell bei der IT-Security sehe ich nicht.

Da Sie beide in diesem Jahr Jurymitglieder für den Deep Tech Award sind, würde ich Ihnen hierzu gerne noch Fragen stellen. Herr Zapp, was erhoffen Sie sich von den Einreichungen für den Deep Tech Award 2021?

Harald Zapp: Als Jurymitglied für IoT/Industrie 4.0 bin ich natürlich besonders gespannt auf technisch anspruchsvolle Innovationen, die die Vernetzung der Industrie vorantreiben. Genauso interessieren mich aber auch die Einreichungen in den Bereichen Distributed Ledger Technologie (DLT), Pharma, Proptech und in der Konstruktionstechnik, denn diese stehen im Fokus des Entrepreneur in Residence-Programms der NBT, mit dem wir aufstrebende Unternehmer:innen gezielt fördern.

Herr Kob, gibt es etwas, dass Sie beim diesjährigen Deep Tech Award auf keinen Fall missen möchten?

Timo Kob: Im ersten Schritt genügend Wettbewerbseinreichungen. Im letzten Jahr konnte der Deep Tech Award in der Kategorie IT Security aufgrund fehlender Wettbewerbseinreichungen nicht vergeben werden. Ich erhoffe mir darüber hinaus Lösungen, die nicht nur den Rückstand zu anderen Ländern verkleinern, sondern die in neue Richtungen gehen. Gerade die Kombination IoT und Security bietet hier Möglichkeiten und liegt „uns Deutschen“ vielleicht auch aufgrund der Industrieaffinität eher als reine PC-Lösungen mit einer ansprechenden Oberfläche…

Herr Zapp können Sie bitte einmal kurz zusammenfassen, was eine optimale Lösung auf dem Gebiet IoT/Industrie 4.0 für Sie mit sich bringen muss?

Harald Zapp: Gute Lösungen im B2B-Segment orientieren sich stark an den Bedürfnissen des/der Kund:in – je exakter sie darauf zugeschnitten sind, desto eher haben sie Erfolg. Das ist keineswegs trivial, denn es setzt ein genaues Verständnis für den Einsatzbereich voraus. Daher muss schon bei der Entwicklung der Lösung der Fokus auf die Anwendung klar definiert werden.

Nicht alle Produkte oder Lösungen mit technologischem Schwerpunkt haben eine Zukunft in der Branche. Herr Kob, woran scheitern Tech-Lösungen für die IT-Security Ihrer Meinung nach am häufigsten? Was müssen zukunftsversprechende Lösungen und auch die Einreichungen für den DTA 2021 mitbringen?

Timo Kob: Oft scheitern Lösungen, weil nicht im gleichen Maße von der technischen Möglichkeit UND vom Nachfragebedarf des Marktes her gedacht wird. Vom Blickwinkel der Innovator:innen und Techniker:innen scheitern Lösungen nicht an der Qualität der Lösung, sondern weil es einfach nicht den ausreichend großen Bedarf auf dem Markt gibt. Ich schaue mir daher auch immer erst bei Anträgen an, ob die Erfinder:innen ihren Zielmarkt und dessen Bedürfnisse kennen und verstanden haben und beurteile erst danach die technische Innovationshöhe.

Welche Chancen sehen Sie denn in Bezug auf die prämierten Lösungen des DTA 2021 für den Standort Berlin, Herr Zapp?

Harald Zapp: In den letzten Jahren hat sich vor allem die Software Start-up-Szene stark weiterentwickelt, gerade im B2B-Bereich. Für die erfolgreiche Umsetzung der Software Start-up-Szene ist Deutschland aufgrund seiner historisch starken Position im B2B-Segment prädestiniert. Dass über den Deep Tech Award die besten und innovativsten Lösungen prämiert werden, kann Berlin überregional nachhaltig stärken.

Herr Kob, inwieweit glauben Sie, dass der Standort Berlin von fundamentaler Bedeutung für die Tech-Unternehmen und deren prämierte Lösungen (im Rahmen des DTA 2021) ist?

Timo Kob: Berlin ist in Deutschland sicher der Ort, wo es gerade für kleine Tech-Unternehmen am einfachsten ist, passende Mitarbeiter:innen zu finden. Da ist der Standortnachteil der fehlenden Industrie mal ein Vorteil. In Stuttgart oder München saugen die großen Unternehmen dort den Arbeitsmarkt noch mehr leer. Und es zieht der Standortvorteil der vielen Hochschulen und des günstigen Wohnmarktes für Student:innen und Berufsanfänger:innen. Dafür ist man aber wiederum von den großen potentiellen Kund:innen ein Stück weiter entfernt.

Die letzte Frage richtet sich an Sie beide: Herr Zapp und Herr Kob, was muss sich Ihrer Meinung nach in der Hauptstadt ändern, um Berlin zum internationalen Aushängeschild für Entwicklungen hin zu einer komplett vernetzten Welt und auf dem Gebiet IT-Security zu machen?

Harald Zapp: Dafür brauchen wir in Berlin mehr Experimentierflächen und Reallabore für vernetzte Technologien. Vor allem aber müssen Start-ups und etablierte Unternehmen noch stärker zusammenarbeiten und gemeinsam Anwendungsmöglichkeiten schaffen. Das erfordert einen Bewusstseinswandel in der Industrie: Tech-Start-ups im B2B-Bereich sind die führenden Konzerne von morgen – und sie können auch Traditionsunternehmen neue Wege eröffnen, um nachhaltige Innovationen zu entwickeln. Start-ups sollten in der Zusammenarbeit mit Unternehmen nicht nur für einzelne Vorzeige-Kooperationen herhalten müssen, sondern müssen so in die Zusammenarbeit eingebunden werden, dass sie einen wirklichen Mehrwert schaffen können. Dafür brauchen sie nicht nur Fördermittel, sondern echte Aufträge.

Timo Kob: Ich würde es allgemeiner fassen, als IT-Security. Für die Politik ist alles, was „Start-up“ heißt, gleicht toll. Das ist es für mich nicht. Zu viele Start-ups entstehen für mich nicht aus dem Antrieb wirklich neue Technologien zu schaffen, sondern „nur“ aus der Anwendung von bestehenden Technologien für neue Geschäftsmodelle. Das soll ja auch alles möglich sein, aber für die Entwicklung eines technologischen Exzellenz-Standortes würde ich mir wünschen, dass der ersten Gruppe deutlich mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung geschenkt wird, als dem siebzehnten neuen Portal, das über das Internet Dienstleistungen vermittelt oder was auch immer. Derzeit wirkt es auf mich, dass man sich darin sonnt, dass Berlin „Start-up-Hauptstadt“ ist und uns eben nicht jedes Start-up übergreifenden Zielen näher bringt.

Vielen Dank für Ihre Zeit.