Späti: Treffpunkt, Supermarkt und Seelentröster

Späti: Treffpunkt, Supermarkt und Seelentröster

Wenn Nachteulen eine Stärkung brauchen, reichen meist ein paar Schritte zum Stamm-Späti. Aber warum gibt es in Berlin überhaupt Spätis und in anderen Städten nicht?

«Späti» in Friedrichshain

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«Späti» in Friedrichshain. Foto: Florian Schuh/Archiv

Spätis sind eine Berliner Besonderheit. Etwa 1000 von ihnen gibt es in Berlin, die meisten in der Innenstadt. Sie versorgen die Anwohner mit dem nötigsten, wenn die anderen Läden schon geschlossen haben und die Tanke zu weit weg ist oder zu unpersönlich erscheint. In den Regalen und auf dem Boden stapeln sich Getränke, Süßigkeiten, Tabakwaren und Zeitschriften, oft auch Klopapier, Blumen, Milch und Gebäck. Manchmal läuft eine Serie auf dem Computer zwischen Ladentheke und Schaufenster. Davor stehen oder sitzen die Stammkunden, während die Laufkundschaft den Laden in schnellem Takt betritt und wieder verlässt.

Spätkauf ist Teil der Berliner Kiezkultur

Der Spätkauf ist fester Bestandteil der Berliner Kiezkultur. Er ist Supermarkt, Treffpunkt, Internetcafé, Bäckerei, Drogerie, Lottostelle, Poststelle und Schenke in einem. Und das nicht nur nach Feierabend, sondern auch an Feiertagen und am Wochenende. Oft genügt ein Blick statt vieler Worte. Die Betreiber kennen ihre Stammkunden beim Namen oder beim Gesicht und wissen, was Sache ist. Typisch Berlin eben. Dass es ihn gibt, haben die Berliner, Neu-Berliner und Touristen auch der Geschichte der Stadt zu verdanken.
Der Begriff Späti kommt von Spätkauf, genauer von "Früh und Spät" bzw. "Spätverkaufsstellen" in der DDR. Nach der Auflösung der DDR wird der Begriff auch in Westberlin geläufig. Das Äquivalent zu "Späti" heißt in Düsseldorf "Büdchen" und in Frankfurt "Wasserhäuschen". In Bayern gibt es nur den "Kiosk". Denn Späti hat mit spät zu tun, und in Süddeutschland gelten die Ladenschließzeiten für alle.

Vom der beweglichen Trinkhalle zum Späti

Der "Kiosk" tauchte im Jahr 1859 fast zeitgleich mit der Mineralwasserflasche in den Berliner Straßen auf. Da hieß er "bewegliche Trinkhalle", wurde von Martin Gropius entworfen und von der Berliner Polizei gegen die steigende Alkoholsucht eingeführt. Denn damals tranken Arbeiter vor allem Schnaps und Bier, da das Berliner Leitungswasser die Gesundheit gefährdete. Außerdem wurde der Alkoholkonsum von Fabrikbesitzern durch sogenannte "Schnapsspenden" gefördert.
Anders als der Name "Trinkhalle" vermuten lässt, war der Verkauf von Alkohol dort untersagt. Erst gab es nur Mineralwasser in Flaschen, doch schon bald wurde das Angebot um Limo, Süßigkeiten, Zeitschriften, Tabak und ein bisschen später doch noch Alkohol erweitert. Nach 1900 kam in Deutschland das Wort Trinkhalle aus der Mode und wurde zunehmend durch den Begriff Kiosk ersetzt. Bis die DDR dann den Späti einführte.

Gesetz regelt Sonntagsöffnung

Was wann im Späti verkauft werden dürfen soll, darüber gehen die Meinungen heute auseinander. Das Berliner Ladenöffnungsgesetz unterscheidet zwischen zwei Typen von Einzelhändlern, zu denen auch die Spätis gehören. Spätis, die ausschließlich sogenannten Touristenbedarf wie Andenken, Stadtpläne, Tabakwaren, Sonnenmilch oder Lebens- und Genussmittel für den sofortigen Verzehr wie Alkohol, Süßwaren, Eis und Obst verkaufen, dürfen ihre Waren an Sonn- und Feiertagen von 13 bis 20 Uhr anbieten.
Von 7 bis 16 Uhr öffnen dürfen Läden, die nur Waren für den Bevölkerungsbedarf anbieten wie Blumen und Pflanzen, Zeitungen und Zeitschriften, Backwaren sowie Milch- und Milcherzeugnisse. Spätis, die diese Sortimente mischen, müssen entsprechend geschlossen bleiben. So wie Supermärkte und Drogerien. Um die einst sehr großzügigen Öffnungszeiten, großen Sortimente und das Wesen der Berliner Institution Späti trotz des strengeren Gesetzes zu wahren, mangelt es nicht an Ideen.

Keine Lösung, aber viel Herz

Am Anfang deckten einige der Betreiber Teile des Sortiments ab. Andere riskierten die Bußgelder. Eine Online-Petition sammelte Unterstützer für die Anpassung des Ladenöffnungsgesetzes. Lokalpolitiker forderten Ausnahmen für ein paar Stunden jeden Sonntag. Einer schlug die Umfunktionierung zu Ladestationen für Pedelecs vor. Dann wären Spätis rein rechtlich Tankstellen und hätten kein Problem. Eine Lösung, die alle glücklich macht, ist nicht sicher. Ein fester Platz für Spätis im Herzen von Berlinern und Gästen schon.

Quelle: BerlinOnline/Hanne Bohmhammel/jbo

| Aktualisierung: 19. April 2018