Berliner Gedenktafel für Arthur Rackwitz

Pressemitteilung vom 19.06.2026

Die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt erinnert seit heute an der Philipp-Melanchton-Kirche in der Kranoldstraße 16, 12051 Berlin-Neukölln, mit einer Berliner Gedenktafel an den Pfarrer Arthur Rackwitz (1895–1980).

Arthur Rackwitz (eigentlich Otto Rudolf Arthur Rackwitz) wurde am 4. August 1895 in Landsberg an der Warthe geboren. Sein Vater war Pfarrer, seine Mutter stammte aus einer Musikerfamilie. Schon in der Schulzeit kam er mit sozialistischen Ideen in Kontakt. Später studierte er Theologie in Berlin und Halle. 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, wurde jedoch wegen eines Herzfehlers noch im selben Jahr entlassen. Die wenigen gesammelten Erfahrungen prägte ihn jedoch stark und machte ihn zu einem überzeugten Pazifisten.
1920 wurde Rackwitz ordiniert und heiratete seine Schulfreundin Charlotte Blume, die ähnliche Ansichten hatte. Nach ersten Stellen in Berlin und Thüringen entwickelte sich sein politisches und soziales Engagement weiter. 1926 trat er der SPD und dem Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands (BRSD) bei. Diese Bewegung verband christlichen Glauben mit sozialer Gerechtigkeit und setzte sich besonders für Arbeiter ein.
1929 wurde Rackwitz Pfarrer in Berlin-Neukölln, wo er bis 1964 tätig blieb. Neukölln war damals ein armes Arbeiterviertel mit hoher Arbeitslosigkeit. Rackwitz engagierte sich dort besonders für soziale Hilfe. Er leitete den „Evangelischen Erwerbslosendienst“. Dort erhielten Arbeitslose nicht nur Unterstützung, sondern konnten auch selbst arbeiten. Damit ging seine Arbeit über reine Wohltätigkeit hinaus. Ihm ging es darum, die Würde der Menschen zu bewahren. Sein Engagement führte zu Konflikten innerhalb der Kirche, da konservative Kräfte die Arbeit des BRSD ablehnten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die Lage noch schwieriger. Viele Kirchenvertreter passten sich an. Besonders die Bewegung der „Deutschen Christen“ wollte die nationalsozialistische Ideologie offen in die Kirche integrieren. Doch Rackwitz widersetzte sich. Er wurde überwacht, bedroht und auch verhaftet. Trotz der Gefahr halfen er und seine Frau weiterhin Verfolgten bei der Flucht. Er taufte Jüdinnen und Juden und konnte ihnen dadurch teilweise Schutz bieten. Er versteckte politische Gegner und nahm die Tochter des ermordeten kommunistischen Reichstagsabgeordneten Ernst Schneller in seine Familie auf. 1935 schloss er sich der Bekennenden Kirche an, die sich gegen den Einfluss der Nationalsozialisten stellte. Ein besonders mutiges Beispiel ist seine Hilfe für den Widerstandskämpfer Ernst von Harnack nach dem Attentat vom 20. Juli 1944. Rackwitz versteckte ihn für einige Zeit. Als das Versteck entdeckt wurde, wurde von Harnack hingerichtet. Auch Rackwitz wurde verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht.
Nach dem Krieg kehrte er 1945 nach Berlin zurück. In Predigten forderte er die Menschen auf, ihre Verantwortung in der Zeit des Nationalsozialismus ehrlich zu reflektieren. Er unterstützte kirchliche Schulderklärungen, kritisierte jedoch, dass diese oft nicht deutlich genug waren. Politisch blieb Rackwitz aktiv: Er trat wieder in die SPD ein und arbeitete zeitweise auch für die SED. Später lehnte er deren atheistische und strenge Ideologie ab und verließ die Partei 1952. Neben seiner Gemeindearbeit setzte er sich für die Aufarbeitung der NS-Zeit ein und arbeitete in kirchlichen Gremien zur Entnazifizierung mit. 1964 ging er in den Ruhestand. Arthur Rackwitz starb am 16. August 1980 im Alter von 85 Jahren. Sein Leben zeigt, wie wichtig es ist, auch in schwierigen Zeiten für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und die eigenen Überzeugungen einzustehen.

Die Berliner Gedenktafeln sind ein Programm des Landes Berlin, eingebunden in das Förderprogramm Historische Stadtmarkierungen der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die weißen Porzellantafeln werden von der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin hergestellt. Die Recherche für den Tafeltext und die Organisation der Enthüllung lagen bei dem Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin, der sich seit 2013 bei der Umsetzung des Berliner Gedenktafelprogramms engagiert.