Mein Weg in die VFX führte schließlich über das Fraunhofer-Institut, wo ich internationale Bildungsprojekte im Bereich AR und VR leitete. Dieser technologische Deep Dive war mein Sprungbrett.
Was mich heute am meisten prägt? Natürlich sind Nominierungen bei den Emmys oder den VES Awards prestigeträchtige Meilensteine, die die Exzellenz unserer Arbeit bei Trixter und Cinesite unterstreichen. Doch die emotionalsten Momente sind immer der Abschluss einer Show: Wenn sich der Hochdruck der ‚Crunch Time‘ auflöst und wir im Team-Screening das Ergebnis auf der Kinoleinwand sehen. Es ist dieser Moment, in dem klar wird, dass ein preiswürdiges Werk nur durch das perfekte Zusammenspiel aller Gewerke entsteht. Dieser Teamgeist ist es, der mich jeden Tag antreibt.
Welche Rolle nimmst du heute in deiner täglichen Arbeit ein? Inwiefern hast du dein Profil, deine Ausrichtung geschärft – und was brauchte es dafür?
Heute verstehe ich mich primär als strategische Begleiterin und Bindeglied für unsere globalen Teams. Auch wenn ich bei der Vielzahl der Produktionen von Trixter und der Cinesite-Gruppe nicht mehr in jedem technischen Detail stecke, ist mir die Nähe zum Kern unserer Arbeit – den Shows – essenziell wichtig. Ich bin regelmäßig in Show-Meetings präsent, um kreative sowie budgetäre Entwicklungen zu begleiten. Gemeinsam mit meinem Executive Producer Team entwickle ich Strategien, um Produktionsprozesse für unsere Kund:innen noch effizienter und innovativer zu gestalten.
Mein Profil hat sich über die Jahre stark in Richtung Global Leadership und Technologie-Strategie geschärft. Meine tägliche Arbeit bewegt sich heute in einem dynamischen Spannungsfeld: von spezifischen Show-Themen über Business Development mit Teams von Kanada bis Indien bis hin zu meiner Tätigkeit im Advisory Board von TechX, der Gen AI Technology Exploration Unit der Cinesite-Gruppe. Diese kulturelle Vielfalt und die Arbeit an der Speerspitze technologischer Innovationen empfinde ich als absolut bereichernd.
Um in dieser Rolle exzellente Ergebnisse zu liefern, stütze ich mich auf drei wesentliche Säulen:
- Fundierte Expertise: ein tiefes Verständnis für VFX, Set-Abläufe und die gesamte Produktionskette.
- Intellektuelle Neugier: der Drang, Workflows kontinuierlich zu hinterfragen und niemals aufzuhören, dazuzulernen.
- Emotionale Intelligenz: Die Fähigkeit, Situationen und Menschen instinktiv zu lesen – eine Kompetenz, die gerade in einem kreativen, global vernetzten Umfeld den entscheidenden Unterschied macht.
Virtual Production: Wenn der Strand von Südafrika nach Berlin umzieht
Für die Laien unter uns: Wie funktioniert Virtual Production – technisch und budgetär? Mit welchem Handwerkszeug sollten Interessierte gerüstet sein, um in diesen Bereich einzusteigen?
Vereinfacht gesagt ist Virtual Production (VP) die evolutionäre Weiterentwicklung des klassischen Greenscreens. Während man beim Greenscreen den Hintergrund erst nachträglich am Computer einfügt – was oft Herausforderungen bei Lichtreflexionen und Perspektiven mit sich bringt –, nutzen wir bei High-End Virtual Production riesige LED-Wände. Auf diesen wird in Echtzeit eine fotorealistische oder fiktive 2D- oder 3D-Welt abgespielt, noch während die Schauspieler:innen davor stehen. Der Clou: Die LEDs fungieren gleichzeitig als Lichtquelle. Das bedeutet, dass sich digitale Gebirge oder der Sonnenuntergang physikalisch korrekt in den Augen der Darsteller:innen oder auf einer glänzenden Rüstung widerspiegeln.
Budgetär gesehen ist VP eine strategische Entscheidung: Wir investieren zwar initial mehr in die Technologie und Crew am Set, sparen aber an anderen Stellen. Statt eine gesamte Crew für einen Strand-Dreh nach Südafrika zu fliegen, holen wir den Strand digital in eine VP-Stage nach Berlin. Das senkt Reisekosten, reduziert den CO2-Fußabdruck und eliminiert die Abhängigkeit vom Wetter. Es ist eine Synergie aus kreativer Freiheit und wirtschaftlicher Effizienz, wie wir sie auch bei Trixter und innerhalb der Cinesite-Gruppe gezielt einsetzen.
Wer in diesem Bereich Fuß fassen möchte, braucht ein hybrides Profil:
- Technisches Fundament: ein tiefes Verständnis für VFX-Workflows und Real-Time-Engines.
- Set-Mentalität: Man muss den physischen Produktionsalltag, die Hierarchien und den Zeitdruck am Set kennen.
- Vorausschauendes Denken: In der VP wird die Post-Produktion quasi vorverlegt. Man sollte vor dem Dreh im besten Fall genau wissen, wie das finale Bild aussehen soll.
Mit Blick auf deine Tätigkeiten als Geschäftsführerin, aber auch Lehrende: An welchen Projekten arbeitest du aktuell? Was ist besonders spannend?
In den letzten Monaten durften wir mit Trixter und innerhalb der Cinesite-Gruppe an einigen der weltweit spannendsten Produktionen arbeiten. Wir haben Projekte wie Predator: Badlands, Monarch Season 2 und Unfamiliar finalisiert. Besonders freue ich mich auf den kommenden Release von Michael – der Michael Jackson Biographie – sowie auf Titel wie Crime 101, The Mummy, Masters of the Universe oder Avengers Doomsday.
Parallel zu meiner operativen Rolle liegt mir der Wissenstransfer sehr am Herzen. Gemeinsam mit dem IIM konzentrieren wir uns in der Lehre und Forschung primär auf Virtual Production (VP) und die damit verbundenen Einsatzmöglichkeiten und Abteilungen beim Film sowie die Kombination von VP-Mechanismen und AI. Es ist faszinierend zu vermitteln, wie diese Technologie die klassische Filmproduktion revolutioniert.
Zusätzlich vertiefe ich mich mit einigen Kolleg:innen intensiv in die Bereiche Künstliche Intelligenz (AI) und Machine Learning (ML) inner- und außerhalb der VFX-Pipeline. Es ist unglaublich spannend zu sehen, wie wir diese neuen Technologien nicht nur theoretisch erforschen, sondern sie bereits aktiv für kommende Produktionen nutzen, um Workflows zu optimieren und neue visuelle Möglichkeiten zu schaffen. Auch wenn ich über einige unserer neuesten Innovationen heute noch nichts sagen darf – sie werden die Art, wie wir Geschichten erzählen, nachhaltig verändern. Aber dazu erzähle ich gerne beim nächsten Interview mehr …
Frauen in der Tech-Welt: Vom Klischee zur Key-Position
Wie erlebst du die VFX-Industrie als Frau – in den letzten Jahren und heute? Welche Entwicklungen, positive wie herausfordernde, konntest du dabei beobachten?
Die VFX-Branche war in puncto Internationalität und Diversität schon immer ein Vorreiter, dennoch hat sich das Rollenverständnis massiv gewandelt. Zu Beginn meiner Karriere war es fast eine ungeschriebene Regel, dass ich als Frau eher für organisatorische Zuarbeiten zuständig war, während die männlichen Kollegen die fachlichen Diskussionen mit den Supervisoren führten. Damals habe ich das oft klaglos hingenommen, weil die Begeisterung für die Arbeit alles überstrahlte.
Heute ist dieses Bild glücklicherweise überholt. Einstiegsjobs sind heute leistungsorientiert und talentfokussiert, weit weg von veralteten Rollenklischees. Dass junge Talente heute unabhängig vom Geschlecht nach ihren tatsächlichen Fähigkeiten eingesetzt werden, ist eine Entwicklung, die ich bei Trixter und innerhalb der Cinesite-Gruppe aktiv mitgestalte. Wir setzen auf gerechte Jobdescriptions und transparente Gehaltsstufen, um echte Chancengleichheit zu schaffen.
Besonders inspirierend finde ich, dass in den USA und UK mittlerweile viele Schlüsselpositionen auf VP- und SVP-Ebene mit Frauen besetzt sind. Dieser globale Austausch stärkt unseren Zusammenhalt und zeigt, was möglich ist. Mein Ziel ist es, diese Dynamik auch in Deutschland und Europa weiter zu forcieren. Es geht nicht nur um Repräsentanz, sondern darum, die besten Köpfe für unsere Branche zu gewinnen – und die sind eben divers.