Zukunftsköpfe - Apanage Gallery

Zukunftsköpfe: Chiara Berger und William Lindhorst von Apanage Gallery

16.02.2026

Die Apanage Gallery setzt neue Akzente in der Kunstvermittlung: Mit Formaten wie den Apanage Days, Open Artist Calls in den sozialen Medien und kuratierten Screen-Ausstellungen schaffen Chiara Berger und William Lindhorst einen Rahmen, der Kunst noch stärker in den öffentlichen Raum bringt. Im Interview sprechen sie über ihre Vision, die Rolle öffentlicher Screens und warum Berlin für neue, digitale Kunstformate geeignet ist.

Wer steht hinter der Apanage Gallery? Chiara und William, stellt euch kurz vor: Woher kommt ihr, was habt ihr vorher gemacht und wie habt ihr euch gefunden?

Chiara:
Ich übersetze komplexe Ideen in funktionierende Strukturen und versammle Menschen in gemeinsamen Räumen. Das ist ein Antrieb, der sich durch alles zieht, was ich tue: von der Musik, die ich in meiner Freizeit selbst produziere, bis hin zu den Formaten von Apanage. Meinen Hintergrund in der Brandstrategie und im strategischen Vertrieb ergänze ich seit Anfang 2024 durch mein Diplom als Wirtschaftsmediatorin. Heute nutze ich diese Erfahrung, um Brücken zwischen der Kreativszene und der Wirtschaft zu bauen.

William:
Mein Weg begann im Bereich 3D- und Game-Art – eine Zeit, in der ich als Künstler direkt am eigenen Leib erfahren habe, was im klassischen und „modernen“ Kunstmarkt ausbaufähig ist. Ich habe die Barrieren und die mangelnde Wertschätzung für digitale Disziplinen gespürt. Der darauffolgende Web3- und NFT-Boom hat das Potenzial digitaler Formate gezeigt, aber auch den Bedarf an klaren Strukturen. Durch internationale Projekte habe ich gelernt, Menschen über Kontinente hinweg zu verbinden. Heute nutze ich dieses Wissen bei Apanage, um Schnittstellen im Kunstmarkt zu schaffen.

Gemeinsam:
Wir sind privat ein Team – Apanage ist die Konsequenz daraus, wie wir uns gegenseitig die Bälle zuspielen. William entwickelt die Vision, Chiara baut die strategische Struktur auf und im Prozess inspirieren wir uns ständig gegenseitig. Wir definieren uns über das Projekt Apanage: Kunst in den gesellschaftlichen und ökonomischen Raum zu holen.

Die Apanage Gallery bewegt sich zwischen digitalem Raum, physischen Ausstellungen und Community. Was war eure ursprüngliche Idee bei der Gründung? Gab es einen konkreten Moment oder ein Gefühl in der Kunstwelt, bei dem ihr wusstet: Dafür braucht es etwas Neues?

Die ursprüngliche Idee war eine Beobachtung: Digitale Werbeflächen im öffentlichen Raum werden heute meist für kommerzielle Botschaften genutzt; künstlerische oder kulturelle Inhalte tauchen dort nur in wenigen Ausnahmen auf.

Aus dieser Lücke sind die Apanage Days entstanden – ein Format, das von der Apanage Gallery kuratiert wird. Wir wollten testen, was passiert, wenn Flächen Räume für Kunst werden. Die Apanage Days Berlin waren der erste Pilot.

Dass die ersten Apanage Days Berlin im August 2025 stattgefunden haben, zeigt im Rückblick auch, wie stark das Thema in der Luft lag: Seit Anfang 2026 läuft in Berlin das Volksbegehren ‚Berlin werbefrei‘, in dem genau über die Rolle von Werbung und digitalen Flächen im Stadtraum diskutiert wird. Unsere Weltpremiere, eine große digitale Werbefläche zwei Tage lang mit Kunst zu bespielen, war damit nicht nur ein künstlerisches Experiment, sondern auch ein Vorgeschmack darauf, wie solche Flächen künftig als kulturelle Ressource gedacht werden können – ergänzend zu Regulierung und Reduktion.

Euer Claim lautet: „Not Your Grandfather’s Art. But It Deserves To Be.“ Wie ist er entstanden, was wollt mit ihm ausdrücken und an wen richtet sich dieser Claim?

Unser Claim fasst das Spannungsfeld zusammen: Ein großer Teil der Aufmerksamkeit im Kunstmarkt gilt nach wie vor einem sehr kleinen, traditionellen Segment, während parallel eine neue Generation von Künstler:innen und Sammler:innen heranwächst, die mit digitalen Räumen, Screens und sozialen Medien groß geworden ist.

Wir erkennen die Geschichte und Qualität der sogenannten ‚Grandfather’s Art‘ an – und öffnen zugleich den Raum für Positionen, die heute entstehen. Unsere Generation arbeitet mit anderen Lebensrealitäten, Bildern und Technologien. Der Claim soll zeigen, dass diese neuen Arbeiten mit derselben Ernsthaftigkeit betrachtet, diskutiert und gesammelt werden wie das, womit frühere Generationen groß geworden sind.

Gleichzeitig lassen wir den Claim bewusst offen: Wie bei einem Kunstwerk selbst soll jede Person ihn für sich lesen können – je nachdem, welche Rolle sie im Kunstökosystem einnimmt und welche Zukunft von Kunst sie sich wünscht. Dieser Interpretationsspielraum ist gewollt: Er soll beim Betrachter genau das auslösen, was auch die Kunst selbst tut – eine ganz eigene, persönliche Einordnung.

Mit den Apanage Days 2025 habt ihr zum ersten Mal ein eigenes physisches Event umgesetzt. Wie sah das Konzept dahinter aus – und was unterscheidet die Apanage Days von klassischen Ausstellungen oder Kunst-Events?

Mit den Apanage Days 2025 in Berlin haben wir unser Format zum ersten Mal im Stadtraum umgesetzt: Zwei Tage lang wurden kuratierte Arbeiten auf einem digitalen Screen am Kurfürstendamm gezeigt – parallel dazu gab es eine physische Gruppenausstellung, eine Interview und Talkreihe mit Akteur:innen aus unterschiedlichen Bereichen sowie die Apanage Night als Abschluss-Event mit Künstler:innen, Partner:innen und Sammler:innen.

Das Ganze war als zusammenhängendes Konzept gedacht, in dem sich digitale Ausstellung, physischer Raum, Diskurs und Community-Erlebnis gegenseitig begegnen können.

Was die Apanage Days von klassischen Ausstellungen unterscheidet, ist vor allem der Umgang mit Öffentlichkeit: Wir arbeiten im Stadtbild, nicht nur im White Cube. Viele Künstler:innen sind für die Apanage Days aus aller Welt nach Berlin gereist.

Viele Künstler:innen sind für die Apanage Days aus aller Welt nach Berlin gereist. Im Zentrum stand die Präsentation auf einem großformatigen LED-Screen am Kurfürstendamm. Was bedeutet diese Form von Sichtbarkeit für digitale Kunst im öffentlichen Raum – und wie hat sich diese Erfahrung im Nachhinein auf euch und auf die Apanage Gallery ausgewirkt?

Für alle beteiligten Künstler:innen war es ein besonderer Moment, ihre Arbeiten auf einem der meistfrequentierten Boulevards Europas zu sehen. Diese Mischung aus lokaler Szene und international angereisten Positionen – aus Europa und Asien – hat uns gezeigt, dass das Format über Berlin hinaus relevant ist.

Diese Form von Sichtbarkeit im öffentlichen Raum verändert den Rahmen deutlich: Zwei Tage lang wird ein Screen mit Kunst bespielt statt mit Werbung. Für uns unterstreicht das, dass Kunst und Kultur im öffentlichen Raum eine klare Daseinsberechtigung haben und internationales Publikum anziehen – und dass unsere Idee in einer Stadt wie Berlin genau an dieser Schnittstelle funktionieren kann.

Der Verein Berliner Künstler (VBK) hat euch unterstützt. Was bedeuten solche Partnerschaften für junge Unternehmer:innen und innovative Projekte wie eure? Gibt es darüber hinaus weitere wichtige Begleiter:innen auf eurem Weg?

Partnerschaften sollten beide Seiten voranbringen und sich gegenseitig bereichern. Für junge Projekte wie unsere ist es wichtig zu erkennen, wann Werte, Motive und Erwartungen zusammenpassen.

Bei den Apanage Days lag die inhaltliche und organisatorische Verantwortung bei uns. Partnerschaften wie mit dem VBK haben ermöglicht, Talks und Panels zu realisieren und verschiedene Szenen zusammenzubringen. Partnerschaften verstehen wir als Chance, Expertise zu bündeln und Infrastruktur zu teilen.

Wenn mehrere Parteien an ein Projekt glauben, gibt das Kraft. Es bestärkt die eigene Vision, schärft den Anspruch und motiviert, den nächsten Schritt zu gehen. Gute Partnerschaften sind für uns ein gemeinsamer Boden, auf dem mehr entsteht als allein möglich wäre.

Community spielt bei euch eine zentrale Rolle. Der Open Artist Call (OAC) war eines eurer ersten Formate – mit Community-Voting, hoher Reichweite und echter Sichtbarkeit für Künstler:innen. Was war eure Idee hinter dem OAC? Wie lief die Auswahl konkret ab? Nach welchen Kriterien habt ihr entschieden – und wie stellt ihr sicher, dass der Prozess trotz Community-Voting, Hype und unterschiedlicher Reichweiten fair bleibt?

Der Open Artist Call war unser erstes Community-Format und lief unabhängig vom regulären Kurationsprozess – Künstler:innen konnten darüber einen Platz im Programm der Apanage Days Berlin 2025 erhalten. Die Idee: neue Positionen entdecken, sich gegenseitig inspirieren und den Umgang mit der eigenen Community erproben. Eine Woche lang ging es um Engagement: Videos drehen, Stories posten, Beiträge teilen – und darüber automatisch reflektieren, wie sie mit ihrer Community kommunizieren möchten. Diese Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen statt nur Inhalte zu senden, wollen wir in Zukunft noch stärker fördern.

In Berlin qualifizierten sich zwölf Künstler:innen über dieses Community-Format, insgesamt waren über 200 Positionen zu sehen. Es ging nicht um Gewinnen oder Verlieren, sondern um Sichtbarkeit, Resonanz und Austausch. Spannend war zu sehen, dass vermeintlich „große“ Accounts mit vielen Followern nicht automatisch im Vorteil waren. Auch Künstler:innen mit kleineren Accounts – wenigen hundert oder tausend Followern – gewannen Runden, weil ihre Community wirklich mit ihnen und ihrer Arbeit verbunden ist. Für uns zeigt das: Die Qualität der Beziehung zählt mehr als reine Followerzahlen.

Mit dem Apanage Members Club geht ihr nun noch einen Schritt weiter und schafft einen kuratierten, geschützten Raum für Künstler:innen. Was war der Impuls dahinter und was soll dieser Raum langfristig ermöglichen?

Mit dem Apanage Members Club begleiten wir Künstler:innen langfristig, jenseits von einzelnen Ausstellungsgelegenheiten. Wir schaffen damit einen kuratierten Raum, in dem Sichtbarkeit, Netzwerk und künstlerische Entwicklung zusammenkommen.

Langfristig soll dieser Raum ermöglichen, dass eine neue Generation von Künstler:innen, Sammler:innen, Kulturakteur:innen und Partner:innen in einer gemeinsamen Struktur zusammenarbeitet. Der Members Club ist für uns kein exklusiver Klub: Wer Teil davon ist, bringt Qualität und Engagement mit – und arbeitet mit uns daran, Kunst in Gesellschaft und Stadtbild sichtbarer und relevanter zu machen.

Berlin ist euer Ausgangspunkt. Was gibt euch diese Stadt, was an einem anderen Ort so nicht möglich wäre?

Berlin ist für uns der richtige Ort, um Kreativwirtschaft und Stadtraum miteinander zu verbinden. Hier treffen Subkulturen, Tech-Startups, internationale Künstler:innen und Debatten wie „Berlin werbefrei“ aufeinander – eine passende Grundlage für Projekte wie Apanage.

Die Apanage Days könnten dies jährlich zeigen: durch Panels mit Kreativwirtschaft, Medien, Stadtentwicklung, Startups – branchenübergreifende Diskussionen, wie sich Kultur und öffentliche Räume sinnvoll verbinden lassen.

Wenn diese Cluster zusammenarbeiten, entsteht nicht nur ein besseres Stadtbild nach außen – sondern echte Innovation aus innerer Zusammenarbeit.

Nach den Apanage Days in Berlin ging es für euch bereits weiter nach Zypern. Was kommt als Nächstes? Könnt ihr einen kleinen Teaser geben, wie sich die Apanage Gallery weiterentwickeln soll – vielleicht auch international?

Die Apanage Days in Zypern fanden im Kontext „European Capital of Culture 2030“ statt. Larnaka und Limassol schärften 2025 ihr kulturelles Profil – Larnaka gewann im Dezember den Titel. Ein guter Rahmen für unsere kuratierten Künstler:innen.

Apanage wird in Zukunft stärker kulturpolitische Aspekte berücksichtigen. 2026 sollen erfolgreiche Formate stabilisiert werden. Seit Februar läuft „Éclat“ – unsere monatliche Billboard-Ausstellung in Larnaka, gefolgt von Limassol im März. Diese DOOH-Formate bauen wir neben den Apanage Days aus.

Zypern hat uns gezeigt, wie Kunstprojekte kulturpolitisch eingebettet werden können. Deshalb sehen wir Berlin als langfristiges Herzstück: Die Apanage Days könnten hier jährlich als eine Plattform stattfinden, auf der Kunst, Kreativwirtschaft, Medien und Stadtentwicklung zusammenkommen.