Gründer und Geschäftsführer Andreas Schneid

Zukunftsköpfe: Andreas Schneid von GroovIT

15.04.2026

Drums lernen mal anders: Andreas Schneid, Gründer von GroovIT, verbindet seine langjährige Erfahrung als Musiker und Schlagzeuglehrer mit der Faszination von Games. Mit seinem Computerspiel „Drum Revolution“ lernen Kinder Schlagzeug, indem sie ein Jump-and-Run-Game spielen – ohne klassische Tutorials, unabhängig von Zeit und Ort. Im Interview spricht Schneid über die Entstehungsidee, die Innovationskraft hinter dem Projekt, den steinigen Entwicklungsweg und darüber, warum Berlin für ihn der richtige Ort zum Gründen ist.

Wie ist GroovIT entstanden und was war der Auslöser für die Gründung?
Die Idee hat mich ehrlich gesagt lange nicht losgelassen. Ich unterrichte seit über 25 Jahren Schlagzeug, habe ein Lehrbuch für Kinder zwischen fünf und neun Jahren geschrieben und irgendwann gemerkt: Ich möchte diese Inhalte ins Digitale übertragen. Für mich war aber immer klar, dass es nicht einfach darum gehen darf, Unterricht zu digitalisieren.

Ich habe mich ständig gefragt: Was wäre eine wirklich neue Herangehensweise? Was wäre der USP? Ein weiterer YouTube-Channel oder klassische Tutorials kamen für mich nicht infrage.

Schüler:innen erzählten mir immer wieder: „Am Wochenende habe ich komplett durchgezockt“ – aber keine Minute am Schlagzeug gesessen.
Andreas Schneid

Der eigentliche Auslöser kam dann direkt aus dem Unterricht. Schüler:innen erzählten mir immer wieder: „Am Wochenende habe ich komplett durchgezockt“ – aber keine Minute am Schlagzeug gesessen. Da habe ich gedacht: Diese Faszination kenne ich selbst aus meiner Kindheit. Games sind unglaublich fesselnd. Warum nutzen wir dieses Potenzial nicht, um Kindern einen Zugang zu Instrumenten zu ermöglichen? So entstand die Idee, ein Jump-and-Run-Game mit Lerninstrumenten zu verbinden.

Drum Revolution

Wie wurde aus der Idee das Computerspiel „Drum Revolution“?
Ich bin kein Programmierer, also suchte ich jemanden, der sich mit Audio-Signalverarbeitung auskennt. Gemeinsam entwickelten wir einen kleinen Prototypen – und der funktionierte erstaunlich gut. Dann habe ich mich im Games-Bereich umgeschaut und relativ schnell verstanden, dass Game Design etwas völlig anderes ist als das, was ich ursprünglich unter „Design“ verstanden habe. In diesem Prozess bin ich auf Myriel Balze gestoßen. Sie ist im deutschen Games-Bereich sehr etabliert, insbesondere im Bereich Lernspiele und Gamification, und arbeitet extrem interdisziplinär.

Mit ihr habe ich sehr intensiv am Game Design gearbeitet. Das war entscheidend, weil bei so einem Projekt wirklich auf Augenhöhe zusammengearbeitet werden muss. Ab 2022 hat das Projekt dann richtig Fahrt aufgenommen: Wir konnten Investor:innen gewinnen und erhielten eine erste Förderung für den Prototyp im Rahmen der Computerspielförderung. Schritt für Schritt wurde aus der ursprünglichen Idee ein echtes Produkt.

Was war die größte Herausforderung in der Entwicklung?
Ganz klar: die Innovation selbst. „Drum Revolution“ gibt es in dieser Form noch nicht.

Es gibt zwar viele musikalische Lernsoftwares, die gamifiziert sind, und es gibt Rhythm Games – aber kaum etwas, das darauf ausgelegt ist, dass Kinder tatsächlich von null an ein echtes Instrument lernen.

Unser Anspruch war, dass Kinder sich hinsetzen, das Spiel starten und – ohne Tutorial, ohne Erklärung – allein durch das Gameplay verstehen, was sie tun müssen.
Andreas Schneid

Wir hatten keine Blaupause. Unser Anspruch war, dass Kinder sich hinsetzen, das Spiel starten und – ohne Tutorial, ohne Erklärung – allein durch das Gameplay verstehen, was sie tun müssen. Sie sollen im Spiel bleiben und dabei anfangen, echte Schlagzeug zu spielen, indem sie aber nur im Fokus, im Spiel sind.

Diese Nuss zu knacken, war extrem anspruchsvoll. Über mehr als zwei Jahre hinweg hatten wir wöchentlich neue Herausforderungen – technisch, spielmechanisch und pädagogisch. Nach außen sieht das Spiel sehr simpel aus, fast wie ein klassisches Jump-and-Run. Aber unter der Oberfläche passiert unglaublich viel: Das Schlagzeug wird zum Controller, das System analysiert, was gespielt wird, und übersetzt das in Gameplay.

Wir haben Dinge verworfen, neu gedacht, Schleifen gedreht. Dieser Weg war stellenweise brachial steinig – aber genau dadurch funktioniert das Produkt heute. Und darauf sind wir extrem stolz.

Wie reagieren Eltern, Lehrkräfte und die Games-Community auf „Drum Revolution“?
Die Games-Community habe ich als sehr offen erlebt. Wir waren 2023 mit dem Prototyp auf der Games Ground, und dort wurde von morgens bis abends gespielt, getestet und diskutiert. Klar, manche sagen: „Das ist nicht mein Ding.“ Aber selbst dieses Feedback war immer wertschätzend.

Unser Spiel ist kein klassisches Rhythm Game, deshalb vermarkten wir es auch nicht primär in der klassischen Games-Community. Es ist etwas Eigenes, etwas Neues – und da ist es schon so, dass man da erst einmal ein bisschen gegen Windmühlen antreten muss.

Bei Pädagog:innen gibt es teilweise Vorbehalte. Aber ich bin mir sicher, dass ich diese in persönlichen Gesprächen ausräumen könnte. Kinder lernen oft intuitiv – lange bevor sie Noten lesen. Unser Ziel ist nicht, klassischen Unterricht zu ersetzen, sondern einen neuen Zugang zu schaffen.

Wir wollen es – oldschool gesagt – wieder cool machen, ein Instrument zu lernen. Heute bist du „cool“, wenn du 10.000 Follower:innen auf TikTok hast.
Andreas Schneid

Was ist die Mission von GroovIT?
Wir wollen es – oldschool gesagt – wieder cool machen, ein Instrument zu lernen. Heute bist du „cool“, wenn du 10.000 Follower:innen auf TikTok hast. Wenn wir es schaffen, Instrumente wieder stärker in diesen populären Bereich zu holen, wäre das großartig. Musik soll zugänglich sein – unabhängig von Geld, Ort oder Vorerfahrung.

Warum ist gerade Berlin ein guter Standort?
Ich lebe seit fast 20 Jahren in Berlin. Die Stadt hat eine enorme kreative Energie: Musiker:innen, Entwickler:innen, Studios, Förderprogramme. Es gibt viele Netzwerke und Events, die Austausch ermöglichen. Programme vom Medienboard Berlin-Brandenburg haben uns sehr geholfen.

Das geplante House of Games Berlin ist ein spannendes Projekt, auch wenn es sich aktuell noch im Aufbau befindet. Solche Orte sind wichtig, um junge Studios zusammenzubringen und langfristige Strukturen zu schaffen.

Welche Trends im Bereich Gamification findest du spannend?
Ich muss sagen, dass ich mich selbst nicht als jemanden sehe, der in der Berliner Games-Branche super etabliert und in allen Entwicklungen komplett up to date ist. Ich würde mir nicht anmaßen zu sagen: Ich kenne die letzten 20 Jahre und weiß, wie die nächsten 20 aussehen werden. Diese Kompetenz habe ich so nicht.

Was ich aber persönlich spannend finde: Der Begriff Gamification ist seit Jahren allgegenwärtig. Unser Produkt wird häufig sehr schnell in diese Gamification-Ecke geschoben, obwohl wir eigentlich weit darüber hinausgehen. Deshalb finde ich den Begriff teilweise unzutreffend. Unabhängig davon finde ich es grundsätzlich positiv, dass spielerische Elemente in immer mehr digitalen Produkten Einzug halten. Wenn Dinge bunter, intuitiver und angenehmer in der Nutzung werden, kann das die User:innen-Experience deutlich verbessern – man merkt ja, wie groß der Unterschied sein kann zwischen frustrierenden Interfaces und solchen, durch die man sich fast spielerisch durchklickt.

Besonders spannend finde ich Games, die mehr sind als reine Unterhaltung: Spiele, die historische Themen aufgreifen, gesellschaftliche Fragen verhandeln, Nachhaltigkeit oder soziale und empathische Aspekte vermitteln. Games können Menschen prägen, weil sie Erfahrungen erfahrbar machen – sei es durch Zusammenarbeit, Gemeinschaft oder bewusste Entscheidungen. Das ist für mich ein großes Potenzial von Games, auch jenseits von klassischem Zocken. Gleichzeitig darf Gaming natürlich auch einfach Spaß machen.

Ihr könnt zehn Bücher darüber lesen und nach dem Motto „Lern am besten von den Fehlern der anderen, dann musst du die nicht selber machen“ arbeiten.
Andreas Schneid

Was würdest du jungen Gründer:innen mitgeben?
Wenn ihr eine Idee habt, eine Vision und die Energie dafür, dann springt ins kalte Wasser. Natürlich solltet ihr euch informieren und nicht komplett blind in eine Sackgasse laufen – das gehört dazu. Ihr könnt zehn Bücher darüber lesen und nach dem Motto „Lern am besten von den Fehlern der anderen, dann musst du die nicht selber machen“ arbeiten. Aber Lesen ersetzt nicht das eigene Tun.

Es gibt kein richtig oder falsch. Ihr müsst euren eigenen Weg finden und auch Fehler machen. Wichtig ist, den Spaß nicht zu verlieren. Gerade wenn ihr tief im Business-Alltag steckt, passiert das leider schnell. Dann solltet ihr euch bewusst diese Momente zurückholen, in denen wieder aufblitzt, warum ihr das alles überhaupt macht.