In einer Welt, die ständig im Wandel ist, spiegeln sich die Herausforderungen unserer Gesellschaft in vielen Facetten wider. Laut Our World in Data haben 10,7% der weltweiten Bevölkerung im Laufe ihres Lebens mit psychischen Gesundheitsschwierigkeiten zu kämpfen. Die Auswirkungen dieser psychischen Leiden gehen weit über individuelle Schicksale hinaus – sie haben erhebliche Kosten für Unternehmen und Gesellschaften weltweit. Die Weltbank schätzt, dass allein Angstzustände und Depressionen bis zu 1 Billion US-Dollar pro Jahr an Produktivitätsverlusten verursachen. Die Gesamtkosten für psychische Gesundheitsprobleme, wozu auch Suchterkrankungen zählen, werden global auf 2,5 bis 8,5 Billionen US-Dollar geschätzt. Doch hinter diesen Zahlen verbergen sich nicht nur ökonomische Belastungen, sondern individuelle Schicksale, die es zu schützen gilt.
In der internationalen Modebranche, einem Umfeld der kreativen Superlative, scheint es wenige moderate Zwischentöne zu geben. Der renommierte Designer Stefano Pilati äußerte sich einst in einem WWD-Interview: “Designer sind ehrgeizig, narzisstisch, auf sich selbst fokussiert. Sie wollen Anerkennung, die Welt retten und absorbieren alles.” Die Interpretation dieser Aussage und ihre tatsächliche Gültigkeit bedürfen weiterer Reflexion und Analyse zu einem späteren Zeitpunkt. Superstars werden vor allem medial geschaffen und können genauso schnell gnadenlos in ihrer vermeintlichen Bedeutungslosigkeit verschwinden gelassen werden. Sicherlich lädt die Sparte der Designer:innen mit ihren Kollektionen dazu ein zu bewerten, betrifft aber auch andere Gruppen wie Influencer:innen sowie in Bereichen der Fotografie, Styling oder wo auch immer sich Menschen Anerkennung erkämpfen müssen. Ein sich wiederholendes Muster der Wechselwirkung des sich selbst Instrumentalisierens oder des Instrumentalisiert-Werdens durchzieht diese Strukturen, die auch in der Berliner Modelandschaft zu finden sind.
In diesem Kontext initiierte Florian Müller kürzlich die „Mental Health in Fashion“-Kampagne während der Veranstaltung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) der Deutschen UNESCO-Kommission und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in Berlin. Sie geht über den Blick auf Wirtschaftszahlen hinaus und widmet sich individuellen Psychen, die Schutz und Unterstützung benötigen. Diese Initiative setzt sich aktiv für die Entstigmatisierung und Enttabuisierung psychischer Erkrankungen innerhalb der Modeindustrie ein, indem sie die gesamte Lieferkette in den Fokus nimmt – von der Fabrikarbeiterin bis hin zu Modekonsumierenden. Angesichts dieser Betrachtung rückt die Berlin Fashion Week in den Fokus, ein Ereignis, das nicht nur Trends setzt, sondern auch Raum für Überlegungen bietet. In einer Branche, die nie zur Ruhe zu kommen scheint, wird die Schnelllebigkeit der Modewelt betont. Es lässt sich nie genau sagen, ob sich gerade vor, während oder nach einer Fashion Week befunden wird – ein Sinnbild für die permanent schnelle Abfolge von Ereignissen in diesem Wirtschaftszweig. Diese Rasanz wird oft als Normalität betrachtet, erzeugt jedoch gleichzeitig Druck und verdeutlicht den Bezug zu Mental Health und der laufenden Kampagne. Die Modeindustrie präsentiert ständig das perfekte Bild der idealen Welt, während sie gleichzeitig die realen Probleme nicht sehen will oder gelegentlich auch gar nicht sehen kann.
Entlang dieser Thematik tauchen wir ein in die Welt von Marie Lueder, einer Designerin mit einer einzigartigen Vision, die ihre Reise in die Mode mit bemerkenswerter Klarheit begann. Geboren in Hamburg, stammt sie aus einer Familie von Gesundheitspraktiker:innen. Ihre Mode, geprägt von akzentuierten Kniepaneelen, zweifarbigen Denim und wiederkehrenden Spiralmotiven, reflektiert ihre Faszination für die Ängste des modernen Lebens. Marie Lueder, die 2019 ihr eigenes Modelabel gründete, beschreibt ihre Kleidung als metaphorische Rüstung, inspiriert von den Herausforderungen mentaler Hindernisse. Lueders Reise führte sie von Hamburg, wo sie Modedesign studierte, bis zum Royal College of Art in London, wo sie einen Master in Menswear absolvierte. Ihre schnelle Anerkennung in der Branche spiegelt sich wider in zahlreichen Auftritten während der London Fashion Week und Partnerschaften mit renommierten Modeläden wie Browns. Nur noch wenige Tage und die Berlin Fashion Week wird in Kooperation mit Reference Studios Austragungsort der Lueder Herbst / Winter 2024 Modenschau.