Gemeinschaftsgärten in Berlin

Gemeinschaftsgärten in Berlin
Bild: AG Stadt & Ernährung

Berlin hat über 200 Gemeinschaftsgärten (Stand September 2019). Die meisten sind auf dieser Webplattform vertreten. Dabei konnte auf verschiedene Datensammlungen zurückgegriffen werden, wie die der ersten Berliner Gartenkarte (2013), des Buches Urban Gardening in Berlin (2016) und der Gemeinschaftsgarten-Webseite der Stiftung anstiftung (2019).

Berliner Gärten sind bunt. Je nach Nutzungsschwerpunkt, Akteur*innengruppe und Lage sind diese Gemeinschaftsgärten hinsichtlich Größe, Aussehen und Organisationsform sehr unterschiedlich. Es gibt Nachbarschaftsgärten, Interkulturelle Gärten und viele mehr. Nachhaltiger Lebensmittelanbau spielt in vielen Gärten eine große Rolle. Die neuen „urbanen Gärten“ sind über die ganze Stadt verteilt, jedoch dort am häufigsten, wo die Stadt verdichtet, jung und kreativ ist: in den Innenstadtbezirken.

Erste Grundsteine für die neue Gartenbewegung wurden weltweit in den 1980ern mit Wünschen nach einer behutsamen Stadterneuerung mit Grünerhalt, nach Gärtnern und Naturerleben und nach praktischen Visionen einer nachhaltigeren Welt gelegt.

„Community Gardening“, das sich in den USA als Folge der Weltfinanzkrise in den 1970er Jahren von New York bis San Francisco entwickelte (Meyer-Renschhausen 2014), kam ab der 1980er Jahre auch nach Deutschland: das gemeinschaftliche Gärtnern auf Stadtbrachen, Baumscheiben und Dächern, in Parks, Hinterhöfen und anderen Freiflächen. In den in Berlin v.a. von jungen Müttern und Studierenden gegründeten Kinderbauernhöfen dieser ersten Gemeinschaftsgartenwelle gab es überall auch kleine Gärten, später entstanden auch reine „Ökogärten“, wie z.B. am Ökowerk im Grunewald. Mit dem Kid’s Garden entstand 1999 der erste Berliner Gemeinschaftsgarten im engeren Sinne auf einer Brache in Neukölln. Die Konferenz Kleinstlandwirtschaft und Gärten als weibliche Ökonomie an der Humboldt-Universität im Jahr 2000 kann als ein Auftakt für das neue Gärtnern in Berlin verstanden werden. Es dauerte nicht lange und es folgten neben dem Perivoli Garten (2000), dem Interkulturellen Wuhlegarten (2003), dem Nachbarschaftsgarten Rosa Rose (2004) und dem Interkulturellen Garten Rosenduft (2005/6) viele weitere Gärten im Berliner Stadtgebiet.

Ein grundsätzlicher Ursprung findet sich also in der Sehnsucht vieler Städter*innen nach innerstädtischem Grün und der Möglichkeit aktiver Betätigung und Erholung in der Natur. Mit der klassischen Stadterneuerung der 1970/80er Jahre verloren auch in Berlin immer mehr Menschen den Bezug zu Land und Natur. Flächensanierung und Großsiedlungsbau führte zu Abriss, Verdichtung und Verlust begrünter (Brach-)Flächen. Wie in vielen Großstädten der Welt kam es zu Hausbesetzungen sowie der Gründung von Bürgerinitiativen für den Grünerhalt. Weil viele Berliner*innen nicht über Balkons oder Kleingärten verfügten, gründeten junge Leute Hinterhof-Begrünungsinitiativen, wie den Ziegenhof in Charlottenburg. Das Gärtnern diente nicht nur privater Freizeitbeschäftigung, sondern war vor allem auch gemeinsamer Einsatz für den Erhalt von Luft, Licht, Grün, Kinderauslauf und preiswertem Wohnen. Gemeinschaftsgärten entstanden so als soziale Orte des Austausches in der Nachbarschaft, um gemeinsam „in der Erde zu wühlen“, Stadt zu gestalten und Natur und Ernte zu genießen.

Mitte der 1990er Jahre entstand in Göttingen der erste interkulturelle Garten Deutschlands, nachdem sich eine Gruppe von bosnischen Flüchtlingen, meistens Frauen, mit ihren Sozialarbeiter*innen und anderen Interessent*innen zusammenschlossen, um die Sehnsucht der Flüchtlingsfrauen nach ihren verlorenen Gärten zu stillen (Müller 2002; Meyer-Rebentisch 2013; Shimeles 2018). Das erste Grundstück wurde von einer Kirche zur Verfügung gestellt, und der Garten vom Bundesministerium für Umwelt gefördert. Er wurde schnell bekannt und zum Modellprojekt für ähnliche Gründungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Inspiriert durch die Internationalen Gärten in Göttingen wurde 2003 mit ähnlicher Förderung der Wuhlegarten, Berlins erster Interkultureller Garten, in Köpenick gegründet. Er dient seitdem als Ort des Austauschs zwischen verschiedenen Menschen und ihren Kulturen.

Viele Gemeinschaftsgärten basieren auf der Vision von einer nachhaltigeren Welt. Unter dem Motto „Die Stadt ist keine Ware, sondern ein Lebensraum“ (Müller 2011), engagieren sich Bürger*innen in Berlin seit Mitte der 1970er und erneut seit der späteren 1990er Jahre und fordern öffentliche Grünräume, die von allen gemeinschaftlich gestaltet und bewirtschaftet werden können und deren Wertschätzung nicht privaten Renditeerwartungen untergeordnet wird. Diese Gemeinschaftsgärten entstanden im Rahmen des politischen Einsatzes für einen gesellschaftlichen Wandel von Besitz- und Produktionsverhältnissen (Rosol 2006; Meyer-Renschhausen 2011). Viele neue Gärtner*innen stehen dem hauptsächlich profitorientierten und rohstoffintensiven Ernährungssystem kritisch gegenüber und wollen mit ihren Gemeinschaftsgärten auch ein Zeichen für eine umwelt- und gesundheitsverträglichere Lebensweise setzen. Elisabeth Meyer-Renschhausen schreibt dazu: „Es geht nicht zuletzt um eine neue Form des urban planning, die auch Mietshausbewohner*innen ermöglicht, selbst zu bestimmen, was sie essen wollen“ (Meyer-Renschhausen 2012).

Mit der Gründung der Prinzessinnengärten (2009) am Kreuzberger Moritzplatz und dem Allmende-Kontor auf dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen (2011) wurde in Berlin die jüngste Welle der Stadtentwicklung „von unten“ öffentlich sichtbar, die produktives (und wildes) Grün in den urbanen Raum zurückholt. Die Gärtner*innen organisieren und unterstützen sich gegenseitig in Arbeitsgruppen und Netzwerken, wie der AG Kleinstlandwirtschaft und Gärten, der AG Interkulturelle Gärten in Berlin und Brandenburg, dem Allmende-Kontor und dem Netzwerk urbane Gärten Berlin. Die Münchener anstiftung organisiert bundesweite Jahrestreffen, wo u.a. 2014 gemeinsam das Urban-Gardening-Manifest verfasst wurde.

Die beteiligten Netzwerke machen immer wieder auf die finanziell prekäre Lage der Gemeinschaftsgärten aufmerksam und suchen nach Lösungen, die dem Anspruch Berlins, eine sozialökologisch zukunftsorientierte Stadt zu sein, entsprechen. Auf den Bedarf nach Dialog zwischen Gartenaktivist*innen und Verwaltung reagierte die Stadt 2012 mit der Einrichtung der Werkstattgespräche Urban Gardening, die bis heute halbjährlich unter der Schirmherrschaft der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (SenUVK) stattfinden. Dabei treffen der Wunsch nach Teilhabe und Selbstorganisation auf Verwaltungsstrukturen und Institutionalisierung, was für beide Seiten nicht immer leicht ist. Für die Entwicklung eines stadtweiten Grünflächenkonzepts sind solche Möglichkeiten des Austauschs von immenser Bedeutung.

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Heute gibt es in Berlin mehr als 200 Gärten mit unterschiedlichsten Ansätzen und Mitmachmöglichkeiten. Sie wurden von meistenteils ehrenamtlichen Gartenaktivist*innen ab 2003/4 zunächst vor allem als Interkulturelle Gärten und Nachbarschaftsgärten geschaffen, bevor man sich ab 2010 auf den Überbegriff „Gemeinschaftsgärten“ einigte. Neben etablierteren Formen, wie den Interkulturellen Gärten und Nachbarschaftsgärten, bereichern ab etwa 2010 z.B. Selbsterntegärten, wie die Bauerngärten oder Meine-Ernte-Höfe, das Spektrum der Berliner Gemeinschaftsgärten. Gemeinschaftsgärtner*innen gibt es auch in den seit 1920 existierenden Gartenarbeitsschulen sowie den Kinderbauernhöfen der 1980er Jahre. Neuerdings inspirieren die Gemeinschaftsgärten auch so manche Kleingartenanlage, wie z.B. Am Stadtpark 1, einige Parzelle für gemeinsame Gruppen-, Schul-, Wald- oder Bienengärten freizugeben und aktiv mitzubeackern.

Die Vorraussetzungen zum Mitmachen in den Gemeinschaftsgärten sind genauso unterschiedlich wie die Gärten und Gärtner*innen selbst. Die meisten Projekte sind selbstorganisiert, so dass eine höhere Eigenverantwortung mit viel Gestaltungsfreiheit einhergeht. Manche Projekte wurden mit öffentlichen Geldern gefördert oder durch Wohnungsbaugenossenschaften eingerichtet, wie die offenen Garten-Parks und Mietergärten im Osten Berlins. Wieder andere Projekte ermöglichen durch betreute Beete und Workshops selbst den unerfahrensten Stadtgärtner*innen einen Zugang zum Mitgärtnern. Diverse Umweltgruppen, wie z.B. die Grüne Liga, fördern zusammen mit der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (SenUVK) durch Wettbewerbe das Begrünen weiterer Hinterhöfe.

So entstehen immer mehr Gärten. Sie sind Klimaoasen und Biotope für nachhaltige und bunte Lebensformen in der Hauptstadt. Gemeinsam erfüllen diese Projekte eine Vielzahl an Bedürfnissen: Sie ermöglichen das Nachdenken über und den Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln, stärken die Wahrnehmung der Natur, bereichern die Grünflächen in den Bezirken und fördern Miteinander, Mitanpacken und Mitgestaltung in den Nachbarschaften.

Berlins Gemeinschaftsgärten lassen sich in fast allen Fällen mindestens einem der drei grundsätzlichen Ansätze – thematisch, organisatorisch, räumlich – zuordnen. Die Informationen, die der Plattform Produktives Stadtgrün zugrunde liegen, stammen von den Gartenprojekten selbst oder wurden aus vorhandenen Quellen zusammengetragen. In ihrer Auswertung lässt sich sagen, dass im Herbst 2019 folgende Gemeinschaftsgartentypen für Berlin besonders repräsentativ sind:

Der thematische Fokus Berliner Gemeinschaftsgärten liegt meistens darauf, Raum für interkulturelle Begegnungen, sowie für soziale Teilhabe und Mitgestaltung zu schaffen, gefolgt von Lebensmittelproduktion, Umweltschutz und Umweltbildung.

Räumlich gesehen verstehen sich Berliner Gemeinschaftsgärten am häufigsten als Nachbarschaftsgärten, gefolgt von Kiezgärten und Quartiersgärten. Die meisten Gärten befinden sich auf öffentlichen Flächen und sind direkt erdbodengebunden.

Gärten mit einem Beteiligten-orientierten Ansatz sind besonders Interkulturelle Gärten, Nachbarschaftsgärten und Generationengärten. Die meisten Berliner Gemeinschaftsgärten sind öffentlich zugänglich, zivilgesellschaftlich initiiert und als bzw. über Vereine organisiert.

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Berlin ist in den vergangenen zehn Jahren zu einer wahren „Hauptstadt des städtischen Gemeinschaftsgärtnerns“ geworden. Natürlich wird schon viel länger in der Stadt gegärtnert, allen voran in den Kleingartenanlagen. Durch das Gemeinschaftsgärtnern hat die gesellschaftliche Bedeutung und öffentliche Wahrnehmung von gärtnerisch genutzten Freiflächen in der Stadt einen neuen, zukunftsweisenden Impuls erhalten, v.a. auch angesichts nötiger Maßnahmen zur Eindämmung des und Anpassung an den Klimawandel.

In Anbetracht der stetig wachsenden Fülle an Eigeninitiativen für das Gemeinschaftsgärtnern einerseits und den stadtplanerischen Herausforderungen einer wachsenden Stadt andererseits, ist es von großer Wichtigkeit, ein gesamtstädtisches Konzept für die verschiedenen Spielformen des städtischen Grüns in Berlin zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund wurde in der Koalitionsvereinbarung von 2016 ein aktiver Natur- und Umweltschutz auf die politische Agenda gesetzt, der u.a. den Erhalt und Ausbau der grünen Infrastruktur vorsieht. Aus diesem Vorhaben entwickelte sich der Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses, ein gesamtstädtisches Konzept für urbane, Klein- und interkulturelle Gärten zu entwickeln.

Ziel ist es, dem Thema Gemeinschaftliches Gärtnern ein neues Fundament zu geben, das dann im politischen Handeln etabliert ist und daher zukünftig in Ressourcen abgebildet werden kann. Für die Umsetzung dieses Ziels wurde in einem ersten Schritt beim Senat eine Mitarbeiterstelle für urbanes Gärtnern eingerichtet sowie der Baustein Gemeinschaftsgärtnern dieser Plattform entwickelt (siehe Abb. 1).

Auch die Charta für das Berliner Stadtgrün geht auf die Gemeinschaftsgärten ein und unterstreicht deren Bedeutung als identitätsstiftenden Ort, für die Lebensqualität und als Beitrag zur „essbaren Stadt“. Ziel der Charta ist es u.a., das gemeinschaftliche Gärtnern zu fördern und in die gesamtstädtische Freiraumentwicklung zu integrieren. Zudem sollen laut Charta private Flächen, wie Höfe von Mehrfamilienhäusern, vermehrt entsiegelt und den Hausbewohnenden zum gemeinschaftlichen Gärtnern zur Verfügung gestellt werden.

Die eigentlichen Ansprechpartner*innen in der Berliner Verwaltung finden sich in den Bezirksämtern. Im Zuständigkeitsgebiet der bezirklichen Grünfächenämter liegt die Pflege der Grünflächen, aber es gibt auch andere Ämter, die gemeinschaftsgärtnerische Tätigkeiten unterstützen, wie die Straßenbauämter, die bereits in mehreren Bezirken Möglichkeiten zur Baumscheibenbegrünung eingerichtet haben.

Zur Plattform Produktives Stadtgrün

Ende 2018 beauftragte die Senatsverwaltung für Verkehr, Umwelt und Klimaschutz die AG Stadt & Ernährung mit der Entwicklung des 1. Bausteins der Plattform Produktives Stadtgrün. Die Online-Plattform soll in partizipativer Weise zur bestehenden Diskussion um eine zukunftsfähige grüne Infrastruktur für Berlin beitragen. Der 1. Baustein ist den Berliner Gemeinschaftsgärten gewidmet. Er zielt zum einen auf die Information der Öffentlichkeit über den Status Quo in Berlin und zum anderen auf einen Austausch zwischen Gärtner*innen, Stadtverwaltung/-politik und der Stadtgesellschaft im weiteren Sinne. Seit Februar 2019 wurde in mehrere Veranstaltungen im Austausch mit den Berliner Gartenaktivist*innen diese Plattform gemeinsam entwickelt.

Wichtiger Bestandteil der Plattform ist eine Übersicht der Berliner Gemeinschaftsgärten bestehend aus einer Karte (in Anlehnung an die Berliner Gartenkarte) und einer Liste der Gärten (in Anlehnung an die Liste der Stiftung anstiftung und das Buch Urban Gardening in Berlin von Elisabeth Meyer-Renschhausen). Die für die Plattform neu angelegte Datenbank beruht auf eigenen Vorarbeiten sowie v.a. auf Vorarbeiten aus dem Berliner Gärtner*innennetzwerk, der AG Kleinstlandwirtschaft, des Allmende-Kontors und der anstiftung (siehe Abb. 2).

Die Plattform befindet sich seit Herbst 2019 in einer zweijährigen Testphase. Spätere, bedarfsgerechte Anpassungen sind vorgesehen.

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Abb 1: Kontext der Plattform Produktives Stadtgrün

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Abb 2: Die Datenquellen der Plattform Produktives Stadtgrün

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