Berlin muss Stadt der Guten Arbeit werden

Pressemitteilung vom 14.01.2019

Arbeitssenatorin Breitenbach stellt Ergebnisse der Beschäftigtenbefragung
„Gute Arbeit in Berlin“ vor

Berlin erlebt seit Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung mit kräftigem Beschäftigungszuwachs. Allerdings spiegelt sich diese positive Entwicklung längst nicht immer in der Qualität der entstandenen Beschäftigungsverhältnisse wider. Daher hat die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales im Rahmen des „DGB-Index Gute Arbeit“ eine Befragung der Berliner Beschäftigten initiiert. Die Ergebnisse der repräsentativen Studie zeigen, was die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Berlin belastet, wie ihre vorhandenen Potenziale genutzt und unterstützt werden, wie sie ihr Einkommen und ihre Beschäftigungssicherheit beurteilen und als wie „gut“ sie ihre Arbeit einstufen.

Arbeitssenatorin Elke Breitenbach: „Ein zentrales Anliegen des Senats ist es, die Weichen für ‚Gute Arbeit‘ zu stellen. Auf Basis der Befragung der Beschäftigten, also den Expertinnen und Experten in Sachen Arbeitsbedingungen, können wir nun noch besser feststellen, wo Handlungsbedarf besteht. Ganz oben auf der Agenda steht das Problem Hetze und Zeitdruck bei der Arbeit für die Beschäftigten. Hier ist mehr Arbeits- und Gesundheitsschutz in den Betrieben erforderlich. An guter Arbeit hängt nicht nur die Gesundheit der Beschäftigten. Gute Arbeit trägt auch zur Fachkräftesicherung bei und sie macht unsere Stadt lebenswerter. Gesunde und gute Arbeitsbedingungen sind damit Zukunftsinvestitionen, von denen alle profitieren – die Beschäftigten, die Betriebe, die Stadtgesellschaft insgesamt. Die im Bericht festgestellten Probleme müssen darum von allen Arbeitsmarktakteuren ernst genommen werden. Darüber werden wir im Dialog bleiben.

Zu guter Arbeit gehört auch eine faire und auskömmliche Bezahlung. Wenn aber über 40 Prozent der Berliner Beschäftigten sagen, dass ihr Einkommen gar nicht oder gerade mal so ausreicht, dann ist das ein Signal an die die Arbeitgeber und Tarifpartner. Der Senat will mit der geplanten Erhöhung des Landesmindestlohns mit gutem Beispiel vorangehen. Die angestrebte Reform des Vergaberechts soll zudem das Prinzip ‚öffentliches Geld nur für gute Arbeit‘ stärken.“

Vorsitzender des DGB-Bezirks Berlin-Brandenburg Christian Hoßbach: „Erstmals kommt die Perspektive der Beschäftigten in einer repräsentativen Untersuchung zur Arbeit in der Hauptstadt zur Geltung – damit gewinnen wir ein besseres Bild der Berliner Arbeitswelt. Der DGB-Index Gute Arbeit für Berlin zeigt, wo es Handlungsbedarf gibt: Die Digitalisierung darf nicht nur zu einer immer stärkeren Leistungsverdichtung genutzt werden. Die Hälfte der Berliner arbeitet häufig unter Zeitdruck und fühlt sich buchstäblich gehetzt. An solche Zustandsbeschreibungen dürfen wir uns nicht gewöhnen, sie müssen als Weckruf verstanden werden. Von der Politik brauchen wir eine wirksame Anti-Stress-Offensive und einen modernisierten Arbeitsschutz: Neben Gefährdungen durch Lärm und Giftstoffe sind klare Regeln gegen psychische Belastungen nötig, denn auch ständige Erreichbarkeit übers Smartphone oder ein nicht zu bewältigendes Arbeitspensum können krank machen. Und die Digitalisierung braucht demokratische Leitplanken – Betriebs- und Personalräte müssen gestärkt werden.“

Ausgewählte Einzelergebnisse:

Belastungen
Am häufigsten belastet die Beschäftigten der Zeitdruck, unter dem sie arbeiten müssen. 55 % der Berlinerinnen und Berliner fühlen sich häufig gehetzt oder stehen unter Zeitdruck. Das ist ein Hinweis auf die gesteigerte Arbeitsintensität und
-verdichtung in vielen Bereichen. Ausdruck dessen ist auch, dass fast 30 % der Beschäftigten sich oft bzw. sehr häufig genötigt fühlen, Abstriche an der Qualität ihrer Arbeit zu machen, um ihr Arbeitspensum zu bewältigen.
Arbeit am Wochenende ist in Berlin verbreiteter als im Bundesvergleich. Mehr als 60 % der Berliner Beschäftigten arbeiten am Wochenende, fast zwei Drittel davon arbeiten auch (mindestens selten) sonntags.

Ressourcen
Über zwei Ressourcen verfügen nur vergleichsweise wenig Beschäftigte: Aufstiegschancen und Einfluss auf die Arbeitsmenge. Nur 31 % der Berliner Befragten gaben an, in hohem bzw. sehr hohem Maß Aufstiegschancen zu haben. Hier stoßen auch immer noch zu viele Frauen an die gläserne Decke. Während 36 % der Männer Aufstiegschancen sehen, sind es bei Frauen nur 27 %. Den Unternehmen gehen dadurch viele Potenziale verloren. Ebenso wie die Beschäftigten in Deutschland, haben zwei Drittel der Berliner Beschäftigten meist gar keinen oder nur geringen Einfluss auf die Arbeitsmenge. Nur 34 % der Berliner Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben in hohem oder sehr hohem Maße Einfluss auf die Arbeit, die sie erledigen müssen.

Einkommen und Beschäftigungssicherheit
42 % der Beschäftigten geben an, dass ihr Einkommen gar nicht oder nur gerade so ausreicht. Entsprechend groß ist die Sorgen um die Alterssicherung. 82 % der Befragten gehen davon aus, dass die erwartete gesetzliche Rente gar nicht oder nur gerade ausreichen wird. Auch hier zeigt sich, dass Frauen häufiger als Männer betroffen sind (88 % vs. 77 %).

DGB-Index Gute Arbeit
Berlin liegt mit 62 Indexpunkten im Bereich mittlerer Arbeitsqualität und unterscheidet sich im Gesamtergebnis kaum vom Bundesdurchschnitt (63 Indexpunkte). Es gibt allerdings im Einzelnen große Unterschiede. Insgesamt beurteilen Frauen die Qualität ihrer Arbeit schlechter als Männer (60 vs. 64 Indexpunkte).
Besonders Beschäftigte in der Leiharbeit beurteilen ihre Arbeitsbedingungen schlechter (49 Indexpunkte). Es ist auch deutlich, dass Beschäftigte, die am Wochenende arbeiten, und insbesondere diejenigen, die auch sonntags arbeiten, ihre Arbeitsbedingungen unterdurchschnittlich bewerten (59 bzw. 57 Indexpunkte). Demgegenüber beurteilen Beschäftigte, die nie am Wochenende arbeiten, ihre Arbeitsqualität deutlich positiver (66 Indexpunkte).
Bei den Wirtschaftszweigen schneiden insbesondere die Bereiche Erziehung und Unterricht (58 Indexpunkte), das Gesundheits- und Sozialwesen (57 Indexpunkte) unterdurchschnittlich ab – Branchen, in denen schon heute Fachkräftemangel herrscht. Das Schlusslicht bildet der Einzelhandel mit 54 Indexpunkten.

Den kompletten Bericht mit allen Ergebnissen gibt es hier: www.berlin.de/sen/soziales/_assets/service/publikationen/gute_arbeit_in_berlin_2018.pdf

Bestellungen als Printexemplar (Stichwort DGB): www.berlin.de/sen/ias/service/publikationen/

Hintergrund
Der „DGB-Index Gute Arbeit“ ist eine seit dem Jahr 2007 deutschlandweit durchgeführte Arbeitnehmerbefragung. Im Jahr 2018 fand die Erhebung erstmals auch in Form einer repräsentativen Befragung für Berlin statt. Die für Arbeit zuständige Senatsverwaltung kooperierte hierfür mit dem Institut DGB-Index Gute Arbeit. Die Datenerhebung basiert auf der Befragung von rund 1.000 Berliner Beschäftigten bzw. bundesweit mehr als 8.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Erhoben wurden die Daten durch das Umfragezentrum Bonn (uzbonn). Die Auswertung lag in den Händen des Forschungsteams Internationaler Arbeitsmarkt (FIA).