Diese Jahrzehnte – geprägt von Erstem Weltkrieg und Weimarer Republik – oszillierten beständig zwischen Gegensätzen: Exzess und
Armut, Emanzipation und Extremismus gingen in der rasant wachsenden, kosmopolitischen Metropole Hand in Hand. Mit rund 35
Werken unterschiedlicher Stilrichtungen macht die Ausstellung die
Ambivalenz von Glanz und Elend, Aufstieg und Abgrund im damaligen Berlin erlebbar.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Berlin im Zuge der
Industrialisierung nicht nur zu einem ökonomischen, sondern vor allem zu
einem politischen und kulturellen Zentrum. Mit der Gründung von
Groß-Berlin 1920 stieg die Einwohnerzahl sprunghaft auf rund 4 Millionen
Menschen; Berlin wurde nach New York und London zur bevölkerungsmäßig drittgrößten Stadt der Welt. Neben den zahlreichen Neuerungen in
den Bereichen Technik, Bau und Verkehr vollzogen sich gesellschaftliche
Umwälzungen, wie die Demokratisierung oder die Frauenemanzipation.
Die Traumata des Ersten Weltkriegs, politische Unruhen und der erstarkende Nationalsozialismus überschatteten die „Goldenen Zwanziger“. Bereits von zeitgenössischen Stimmen als „Babylon“ mystifiziert, befand sich
die Metropole auf vielen Ebenen in Aufruhr: Freiheit, Konsum und Exzess
standen in Kontrast zu wachsender Armut und Arbeitslosigkeit.
Die Ausstellung „Ruin und Rausch“ im Sammlungsgeschoss der Neuen
Nationalgalerie macht in drei Sektionen das von Gegensätzen geprägte
Berliner Großstadtleben zwischen 1910 und 1930 nachvollziehbar. Den
Auftakt bildet das Gemälde „Potsdamer Platz“ von Ernst Ludwig Kirchner,
der bereits 1914 das zerrissene Lebensgefühl der Zeit ins Bild setzte.
Nachdem Eingangs die Dynamik der wachsenden Metropole mit Blick auf
Architektur, Verkehr und Nachtleben in den Blick genommen wird, widmet
sich der zweite Teil der Ausstellung dem sozialen Elend und den Entbehrungen, die den Alltag der Bevölkerung überwiegend prägten. Das dritte
Kapitel beleuchtet unterschiedliche Facetten der urbanen Frau, wobei
Freiheitsdrang, Selbstbestimmung und queeres Leben sichtbar werden.
Am Ende steht Lotte Lasersteins melancholisches Werk „Abend über
Potsdam“ von 1930, das den erstarkenden Nationalsozialismus reflektiert.
Künstler*innen der Ausstellung "Ruin und Rausch" in der Neuen Nationalgalerie
Josephine Baker, Anita Berber, Otto
Dix, Heinrich Ehmsen, Paul Fuhrmann, George Grosz, Hans Grundig,
Karl Hofer, Hannah Höch, Ernst Ludwig Kirchner, Georg Kolbe, Käthe
Kollwitz, Fritz Lang, Lotte Laserstein, Tamara de Lempicka, Jeanne
Mammen, Carlo Mense, Otto Nagel, Oskar Nerlinger, Ernest Neuschul,
Walter Ruttmann, Renée Sintenis, Jakob Steinhardt, Georg Tappert,
Lesser Ury, Thea von Harbou, Gustav Wunderwald
„Ruin und Rausch. Berlin 1910–1930“ wird kuratiert von Uta Caspary
und Irina Hiebert Grun, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen der Neuen
Nationalgalerie, mit kuratorischer Assistenz von Noor van Rooijen.
Laufzeit: Sa, 25.04.2026 bis So, 03.01.2027