Novemberpogrome 1938

Etwa 17.000 Menschen befinden sich Ende Oktober 1938 im Niemandsland zwischen Polen und Deutschland. Sie alle sind polnische Staatsbürger und Juden im Sinne der Nürnberger Gesetze. Im gesamten Deutschen Reich zusammengetrieben und an die polnische Grenze gebracht, werden sie unter Beschimpfungen und Prügel über die Grenze getrieben. Dort erwartet sie polnisches Militär mit der Pistole im Anschlag, um sie am Grenzübertritt zu hindern. Viele irren tagelang im Niemandsland umher.

Unter ihnen ist auch die Familie Grynszpan, deren Sohn Herschel in Paris den Entschluss fasst, sich für die Demütigung und Entrechtung seiner Eltern und Geschwister zu rächen. Er geht in die deutsche Botschaft in Paris und schießt auf den ersten Botschaftsangehörigen, der ihn empfängt. Es ist der 7. November 1938, das Opfer heißt Ernst vom Rath und erliegt zwei Tage darauf seinen Verletzungen. Als die Todesnachricht eintrifft, sitzen die Größen des nationalsozialistischen Deutschlands in München zusammen und gedenken wie jedes Jahr Hitlers Putschversuch von 1923. Es ist Joseph Goebbels, der Propagandaminister, der umgehend „Vergeltung“ am Judentum fordert und unmissverständlich das Signal zum Pogrom gibt.

Am 9. November 1938 schlägt das staatliche Handeln in brachiale Gewalt um. Seit 1933 hatten zahllose legislative und administrative Akte zur Diskriminierung, Entrechtung, Demütigung und Ausplünderung der jüdischen Minderheit in Deutschland bereits deren hart erkämpfte Emanzipation zunichte gemacht. Jetzt brechen sich mittelalterlich anmutende Akte der Gewalt und des Terrors Bahn. Nur Stunden, nachdem Goebbels den Befehl zum Losschlagen gab, brennen in ganz Deutschland Synagogen, werden Juden aus ihren Wohnungen gezerrt und in aller Öffentlichkeit misshandelt, Geschäfte geplündert und zerstört. Tagelang wüten die als „spontaner Volkszorn“ ausgegebenen Pogrome. Spontan ist jedoch nichts daran, das „Volk“ besteht zunächst aus SA-Männern in Zivil und Mitgliedern der NSDAP, ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände. Weite Teile der Bevölkerung beteiligen sich später, plündern, prügeln und feuern die Täter an. Öffentliche Akte der Hilfe oder auch nur des Mitgefühls mit den Opfern sind selten. Straßen wie der Kurfürstendamm gleichen Scherbenwüsten – der Name „Reichskristallnacht“ wird schnell populär. Hunderte Menschen sterben durch Morde, Misshandlungen und Selbsttötungen angesichts der für sie unfassbaren Gewalt.

26.000 meist gut situierte Juden werden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Damit soll der Auswanderungsdruck erhöht werden, gleichzeitig wird jedoch die Emigration durch Ausplünderung und bürokratische Hürden erschwert, ja unmöglich gemacht. Die Juden müssen, so legt Hermann Göring am 12. November fest, eine „Sühneleistung“ von einer Milliarde Reichsmark zahlen. Zugleich werden alle Versicherungssummen zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen, damit die Geschädigten auf ihrem Schaden sitzen bleiben. Außerdem wird die längst in Gang gesetzte Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der Juden nun verbindlich zementiert. Zu den neuen Schikanen, die das NS-Regime ersinnt, gehört, dass die Juden alle entstandenen Schäden selbst beseitigen müssen. Die Auswanderungszahlen erreichen ihren Höhepunkt, doch für die meisten ist es zu spät. Verarmt und entrechtet haben sie keine Chance mehr, aus dem deutschen Machtbereich zu entkommen: 1941 beginnt die systematische Ermordung der europäischen Juden durch das NS-Regime.