Das Künstler*innenkollektiv MEXA gründete sich in einer öffentlichen Unterkunft für wohnungslose Menschen in São Paulo. Die Bewohner*innen lebten unter ständiger Überwachung in einem gemeinschaftlichen Raum, in dem regelmäßig neue Menschen ankamen und andere wegen Regelverstößen schnell wieder gehen mussten. In über einem Jahrzehnt gemeinsamer Arbeit hat sich MEXA stark verändert. Dennoch prägen die Turbulenzen ihrer Ursprünge die Gruppe bis heute.
In Reality Show bewohnen zehn Performer*innen eine wandelbare Umgebung, die zugleich an ein Zuhause und an ein Fernsehstudio erinnert. Möbel und Kameras erscheinen und verschwinden allmählich, während Live-Projektionen in Echtzeit bearbeitet werden. Die vertraute Grammatik des Reality-TV spiegelt sowohl ihre vergangenen Erfahrungen des kollektiven Zusammenlebens als auch ihr heutiges Leben im Theater wider und ruft eine Sichtbarkeit ohne Macht hervor, einen mit Erschöpfung verbundenen Glamour sowie Intimität, die zur Ware wird.
Die Gruppe hat sich entschieden, die Aufführungen in eine tatsächliche Reality-Show zu verwandeln – in der der*die Gewinner*in durch ein Eliminationsspiel ermittelt wird und am Ende der Staffel den Preis mit nach Hause nimmt. So reflektiert MEXA die eigene Entwicklung: über die Arbeit mit Autobiografie und dokumentarischem Theater sowie über die Erfindung von Bühnenpersönlichkeiten, die nur hier überhaupt möglich sind.
Die Arbeit beleuchtet auf diese Weise die Narrative, die von einer Gruppe erwartet werden, die aus Instabilität hervorgegangen ist – wo die Geschichten von Not und Mangel oft „die Show gewinnen“. Reality Show macht eindrücklich erfahrbar, wie wir alle bisweilen Versionen unserer selbst aufführen, um akzeptiert zu werden und wie hoch der Preis dieser ständigen Arbeit am Selbst ist. Fiktion wird zu einer Strategie des Dazugehörens und Überlebens auf Arbeits- und Wohnungs-Märkten, die ständige Sichtbarkeit und Selbstoffenbarung verlangen.
INFORMATIONEN ZUR BARRIEREFREIHEIT
Konzept: MEXARegie, Dramaturgie: João TurchiPerformance, Co-Creators: Aivan, Ale Tradução, Dourado, Laysa Elias, Lucas Heymanns, Ph Verissima, Podeserdesligado, Suzy Muniz, Tatiane Arcanjo, Veronika VerãoProduktionskoordination: Francesca Tedeschi/Casa do PovoRecherche, Regieassistenz: Lucas HeymannsVideoperformer, Videokunst, technische Leitung: Laysa EliasSounddesign, Originalmusik: PodeserdesligadoBühnenbild: VãoProduktionsdesign: Lu MugayarKostümdesign: Anuro Anuro e Cacau FranciscoGrafikdesign, Visual Identity: MargemChoreografie: Alexandre PaulikevitchDramaturgische Mitarbeit: Julia PedreiraTitelsong: DouradoLichtdesign, Videoinstallation: Bio Riff, Juliana BucaretchiVideotechnik: Fagner LourençoLichttechnik: ClaudiDanksagungen: Guilherme Giufrida, Team von Casa do Povo, Esponja
Eine Produktion von MEXA in Koproduktion mit Sophiensæle, Festival d' Automne à Paris, Kunstenfestivaldesarts und Casa do Povo. Das Gastspiel wird ermöglicht durch das Goethe Institut. Never Work – Internationales Performance-Festival ist ein Festival der Sophiensæle, gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds. Die Sophiensæle werden gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Medienpartner: Berlin Art Link, Missy Magazine, Siegessäule, taz.