Als Brücke zwischen Theater und Museum entfaltet sich durch die gesamte Sammlung hindurch ein lebendiges Tableau, das zwischen Erschöpfung und Neuerfindung, Verschwinden und Beständigkeit schwebt.
Die Gemäldegalerie bewahrt zahlreiche Werke, die sich mit Sterblichkeit und Verwandlung auseinandersetzen. Zugleich besteht ihr Auftrag darin, die Gemälde selbst vor dem Altern und Vergehen zu bewahren. „Alternde Meister” verbindet die mythische Zeit religiöser und allegorischer Bildwelten mit der gelebten Zeit von Künstler*innen und ihren Laufbahnen. Deren Sichtbarkeit ist nie von Dauer. Sie entsteht in einem bestimmten Moment und schwindet wieder, sobald sich die Aufmerksamkeit verlagert.
Für die Künstler*innen beginnt der Prozess des Sichtbarwerdens immer wieder von Neuem
Damit zeichnet das Stück zugleich ein kollektives Porträt Berlins, einer Stadt, die ihre Identität in den vergangenen Jahrzehnten auf Jugend und Freiheit gegründet hat und sich nun mit den Brüchen dieser Erzählung auseinandersetzt. In den Protagonist*innen des Stücks spiegelt sich die Stadt selbst: als Performerin, die unablässig ihre eigene Jugend inszeniert und zugleich unter der Oberfläche die Spuren zahlreicher gelebter Geschichten trägt.
Die Performance wiederholt sich während der Aufführungen in einem 30-minütigen Zyklus. Zu Beginn jeder Sequenz verharren die Performer*innen regungslos in verschiedenen Ausstellungsräumen. Sie erscheinen zwischen den Gemälden, als gehörten sie zur Sammlung. Nach und nach erwachen sie, kleiden sich an und führen individuelle Handlungen aus, ehe sie sich an einem gemeinsamen Ort zu einer kollektiven Zeremonie versammeln. Anschließend löst sich die Gruppe wieder auf und ein neuer Zyklus beginnt. Die Besuchenden können an jedem beliebigen Punkt der Performance beginnen, einzelnen Performer*innen folgen und frei zwischen den Räumen wechseln.
Die Dramaturgie orientiert sich an Lucas Cranachs d.Ä. Gemälde „Der Jungbrunnen” (1546), einer Auseinandersetzung mit Alter und Vergänglichkeit. Cranach zeigt alte Frauen, die durch das Bad in einem steinernen Brunnen ihre Jugend zurückerlangen, anschließend abgetrocknet, kostbar gekleidet und in einen Garten voller Musik, Tanz und Festlichkeit geführt werden. Das Gemälde lässt sich nicht zuletzt als Spiegel höfischer Eitelkeit lesen: Erneuert wird nicht die Tugend, sondern äußere Erscheinung und Begehren.
„Alternde Meister” übernimmt die Abfolge von Verwandlung, Ankleiden und gemeinschaftlicher Versammlung, verändert jedoch den Ausgang des Geschehens
Die Performer*innen bereiten sich nicht auf ein Fest vor, sondern versammeln sich zu einer Trauerfeier: In jedem Zyklus steht eine Person im Mittelpunkt und wird von den übrigen Mitwirkenden betrauert. Das Ritual wird von einer Sequenz aus Gustav Mahlers „Kindertotenliedern” (1901–1904) begleitet, die auf Gedichten Friedrich Rückerts über den Verlust eines Kindes beruhen. Die Lieder enden nicht in Verzweiflung, sondern in einem Bild der Ruhe: Die Kinder kehren heim und schlafen, als sei der Verlust aufgehoben.
Das Ritual der Performance im Rahmen der
Berlin Art Week greift diese Bewegung auf und kehrt sie zugleich um. Die Trauer löst sich in gemeinsamem Lachen auf, das schließlich zu einem Tableau erstarrt, in dem Trauer und Lebendigkeit miteinander verschmelzen. Die Besucher*innen sind eingeladen, die Darsteller*innen und ihre Handlungen mit derselben Aufmerksamkeit zu betrachten wie die Werke der Alten Meister. Die Performance lenkt den Blick auf Körper, in denen die Spuren der Zeit sichtbar werden. Ersan Mondtag und Nadim Samman legen nahe, Falten, Narben, Erschöpfung und Verletzlichkeit als Zeugnisse gelebten Lebens zu lesen.
Performer*innen bei "Alternde Meister"
Hinweis: Die Vorstellungen am Samstag und Sonntag, 12. und 13. September 2026, um 10.30 Uhr, 13.00 Uhr und 15.30 Uhr, können mit einer Eintrittskarte der Gemäldegalerie für den jeweiligen Tag besucht werden.
Laufzeit: Fr, 11.09.2026 bis Fr, 11.09.2026