Mit dieser radikalen Bearbeitung wurde der Herstellungsprozess
geradezu in das Objekt eingeschrieben und das Unvorhersehbare, die
„auftauchenden Überraschungen“ (Dawo) bewusst einkalkuliert. Dawos textile
Experimente sind frei von jeder Funktion oder Anwendung und entziehen sich
einer eindeutigen Zuordnung in die Kategorien Kunst oder Handwerk – sie stehen
für sich.
Die 1926 im Saarland geborene Textilkünstlerin Sofie Dawo hat ein zwar kleines, aber äußerst bedeutendes Werk hinterlassen, das hier exemplarisch vorgestellt wird. Ihre textilen Werke sind eigenständige Bild-Kunstwerke, deren Herstellungsprozesse mit dem spezifischen Material in das Objekt eingeschrieben sind. Dawo kalkulierte dabei das Unvorhersehbare, die, wie sie sagte, „auftauchenden Überraschungen“ bewusst ein. Ihre textilen Experimente sind frei von jeder Funktion oder Anwendung und entziehen sich einer eindeutigen Zuordnung in die Kategorien Kunst oder Handwerk – sie stehen für sich.
Sofie Dawo gehört zu den lange kaum wahrgenommenen
Textilkünstlerinnen, obwohl sie seit den 1960er-Jahren einen bedeutenden
Beitrag zur Befreiung der Webkunst aus dem Dienst der Transformation einer
Bildvorlage in das textile Medium geleistet hat. Sie verzichtete auf die
Wiedergabe eines Motivs – sei es figürlich oder abstrakt – oder auf die
Darstellung einer Erzählung zugunsten einer völlig freien, rein aus dem
Material und seinen technischen Möglichkeiten heraus argumentierenden Arbeit.
Damit verhalf sie der Webkunst zu ihrem Recht als autonome Kunstgattung.
Konsequenterweise legte Dawo Wert darauf, als Textilkünstlerin,
nicht als Kunsthandwerkerin wahrgenommen zu werden. Ihre
experimentell-künstlerische Arbeitsweise zeichnete sich dadurch aus, dass sie
sich ganz auf das Material, seine spezifischen Eigenschaften und Wirkungen
einstellte und es unter ihren Händen arbeiten ließ – Überraschungen und Zufälle
inbegriffen. Das dem Material inhärente Potenzial schöpfte Dawo auf vielfältige
Weise aus und trieb es mit ihrer Bearbeitung zuweilen bis an seine materiellen
Grenzen, indem sie etwa Fäden beschnitt, miteinander verknotete oder mit
weiterem Material – Metall, Nylon, Polyester etc. – anreicherte. Auch
bearbeitete sie die textilen Oberflächen massiv, indem sie diese aufritzte oder
intaktes Gewebe bewusst beschädigte. Die avantgardistische Künstlerin verstieß
mit Absicht „gegen alle Regeln“ und durchbrach damit die traditionellen
Webtechniken. Ihre Arbeiten sind nicht an die Fläche gebunden, sondern greifen
häufig in den Raum hinein: Sie sind textile Skulpturen.
Die 22 Werke von Sofie Dawo sowie ausgewählte Arbeiten auf Papier,
die im Kunstgewerbemuseum präsentiert werden, sind aufgrund ihres
künstlerischen Wertes von besonderem Interesse und stellen einen
repräsentativen Querschnitt von Dawos Schaffen dar. Sie sprechen aber auch
Kernfragen des Kunstgewerbemuseums an: Wo liegen die Grenzen zwischen Kunst und
Handwerk? Und wer legt diese wann und aus welchen Gründen fest?
Laufzeit: Fr, 17.07.2026 bis So, 17.01.2027