Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat das lange selbstverständliche Gefühl von Frieden in Europa erschüttert. Bei der Veranstaltung „Europa kontrovers“ am 5. Mai in der Volksbühne Berlin diskutierten Expert*innen aus Wissenschaft, Politik, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft über die Frage, wie Frieden künftig gesichert werden kann. Organisiert wurde der Abend von der Landesarbeitsgemeinschaft der EU-Beauftragten der Berliner Bezirke, der Europa-Union Berlin (EUB) und der Europäischen Akademie Berlin (EAB). Es moderierten Dr. Christian Johann (EAB) und Emmeline Charenton (EUB).
Verteidigungsfähigkeit Europas
Zu Beginn zeichnete Dr. Timo Graf (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) das Bild einer „Zeitenwende in den Köpfe“: Die Mehrheit der Bevölkerung befürworte höhere Militärausgaben, halte Deutschland aber zugleich für nicht verteidigungsfähig. Daran knüpfte Katrin Mohr (IG Metall) an, die die sozialen Folgen steigender Verteidigungsausgaben hervorhob. Sie warnte vor einer Verschärfung des Fachkräftemangels durch eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht. Stattdessen müsse die Bundeswehr attraktiver werden, um Personal zu gewinnen.
Markus Lackamp (CDU/CSU-Bundestagsfraktion) lenkte den Blick auf die europäische Ebene. Zwar seien die Kompetenzen der EU im Verteidigungsbereich begrenzt, dennoch verwies er auf wichtige Erfolge wie die Sanktionen gegen Russland oder den 90‑Milliarden‑Kredit für die Ukraine. Aus ukrainischer Perspektive, so Irina Shulikina (Vitsche e.V.), sei Europa jedoch weit davon entfernt, Frieden zu erleben, denn Russland richte seine Waffen direkt auf Europa. Dr. Klaus Schlichte (Universität Bremen) ordnete die Debatte schließlich global ein und erinnerte an das klassische Sicherheitsdilemma: Mehr Aufrüstung könne international paradoxerweise zu mehr Unsicherheit führen.
Was kostet der Frieden?
Im zweiten Themenblock rückten die finanziellen Dimensionen in den Mittelpunkt. Lackamp betonte, dass höhere Verteidigungsausgaben zwangsläufig Einsparungen in anderen Bereichen erfordern und gesellschaftliche Leistungsbereitschaft nötig sei. Auch Schlichte hob Opportunitätskosten hervor: Steigende Verteidigungsausgaben gingen mit Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit einher, während die sozialökologische Transformation an Bedeutung verliere. Mohr kritisierte hingegen die Fixierung auf eine bestimmte Prozentzahl und forderte eine Debatte, die sich stärker an tatsächlichen Bedarfen orientiert.
Graf verwies auf konkrete Verteidigungslücken, die auch Berlin betreffen – etwa bei der Luftverteidigung – und auf die Bedeutung verlässlicher Planungsgrundlagen für die Industrie.
Fishbowl-Diskussion
In der anschließenden Publikumsrunde verschob sich der Fokus auf einen breiteren Sicherheitsbegriff. Diskutiert wurden gesellschaftliche Resilienz, technologische Risiken sowie der Umgang mit Dual‑Use‑Technologien, Datensicherheit und Desinformation.
Mohr betonte die Bedeutung von Prävention, insbesondere in der Entwicklungszusammenarbeit. Mit Blick auf das Friedensgutachten 2025 wurden militärische Fähigkeiten, neue Allianzen und die Bewahrung friedenspolitischen Wissens als zentrale Elemente genannt. Aus dem Publikum kamen zudem Fragen zu langfristigen geostrategischen Perspektiven wie grüner Energie. Shulikina unterstrich deren Relevanz für die Ukraine und widersprach Forderungen nach Friedensverhandlungen mit Russland mit Verweis auf den anhaltenden Vernichtungskrieg.
Fazit
Im Schlusswort erinnerte Emmeline Charenton daran, dass Frieden nur im Zusammenspiel vieler Politikfelder – von Klima über Wirtschaft bis hin zu sozialen Fragen – gedacht werden kann. Sicherheit bleibt damit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die weit über militärische Aspekte hinausgeht.