Willy Brandt

Regierender Bürgermeister vom 3.10.1957 bis 1.12.1966

Willy Brandt
Bild: Landesarchiv Berlin

Willy Brandt wurde am 18. Dezember 1913 als Herbert Karl Frahm in Lübeck geboren. Seine Mutter, eine Verkäuferin, war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt. Schon im Alter von 16 Jahren trat er der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) bei. Wenig später trat er in die SPD ein, wechselte aber schon 1931 zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), die sich von der SPD abgespalten hatte, und wurde der Vorsitzende ihrer Jugendorganisation in Lübeck. Nach seinem Abitur 1932 arbeitete er als Volontär in einer Schiffsmaklerfirma.

Als Reaktion auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten ging die SAP in den Untergrund. Frahm nahm den Tarnnamen Willy Brandt an und konnte im April 1933 von Travemünde aus zunächst nach Dänemark und danach weiter nach Norwegen fliehen. In Oslo arbeitete er als Journalist und engagierte sich weiter politisch. 1936 hielt er sich für mehrere Monate verdeckt bei einer SAP-Widerstandsgruppe in Berlin auf. 1937, während des Spanischen Bürgerkrieges, ging es als Verbindungsmann der SAP-Auslandszeitung nach Barcelona, im darauffolgenden Jahr wurde ihm von den NS-Machthabern die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. 1940 geriet Willy Brandt nach der Besetzung Dänemarks und Norwegens in deutsche Kriegsgefangenschaft, wurde jedoch nicht als Deutscher erkannt und konnte schließlich nach Schweden fliehen. Im August 1940 erhielt er von der norwegischen Exilregierung in London die norwegische Staatsbürgerschaft.

In Stockholm arbeitete Willy Brandt als Journalist, gründete 1942 ein schwedisch-norwegisches Pressebüro und vollzog den Wiedereintritt in die Exilorganisation der SPD. Nach dem Kriegsende 1945 ging er zunächst zurück nach Oslo, reiste aber schon im Oktober nach Deutschland und berichtete über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse für norwegische Zeitungen. Mit einem norwegischen Diplomatenpass kam Brandt Ende 1946 nach Berlin, um als Presseattaché der norwegischen Militärmission zu arbeiten. Ende 1947 verzichtete er auf die norwegische Staatsangehörigkeit und ließ sich unter dem Namen Willy Brandt in Deutschland wiedereinbürgern. Im Januar 1948 übernahm er die Leitung des Berliner Verbindungsbüros des SPD-Parteivorstandes. 1949 wurde er als Berliner Abgeordneter in den Bundestag sowie zum SPD-Kreisvorsitzenden in Berlin-Wilmersdorf gewählt, seit 1950 gehörte er dem Berliner SPD-Landesvorstand an. Ab 1951 gehörte Willy Brandt dem Berliner Abgeordnetenhaus an, am 11. Januar 1955 wurde er einstimmig zu seinem Präsidenten gewählt.

Willy Brandt
Bild: Landesarchiv Berlin

Nach dem Tod Suhrs wurde Willy Brandt am 3. Oktober 1957 Regierender Bürgermeister, seit Januar 1958 (und bis 1963) war er zusätzlich Landesvorsitzender der Berliner SPD. In Brandts Amtszeit fielen unter anderem das Chruschtschow-Ultimatum von 1958, der Mauerbau von 1961 und die Kuba-Krise von 1962. Den sowjetischen Expansionsbestrebungen stellte er sich entschlossen entgegen. Zugleich gelang es ihm, die Konfrontation mit einer “Politik der kleinen Schritte” zu entschärfen, deren erstes spürbares Resultat das Passierscheinabkommen vom Dezember 1963 war. Zunächst setzte Brandt die Große Koalition fort, 1963 bildete er eine Koalition mit der FDP. Von 1957 bis 1963 amtierte er als Präsident des Deutschen Städtetages. Seit 1958 gehörte Willy Brandt dem Bundesvorstand seiner Partei an, 1962 wurde er stellvertretender Bundesvorsitzender und 1962 schließlich Bundesvorsitzender, ein Amt, das er bis 1987 behalten sollte. 1961 und 1965 scheiterte er als Kanzlerkandidat der SPD.

Im Herbst 1966 brach die Bonner Regierungskoaltion aus CDU und FDP an einem Streit über den Haushalt auseinander. Die FDP-Minister verließen das Kabinett, und der CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger bildete eine große Koalition. Willy Brandt verließ Berlin, um als Vizekanzler und Außenminister Mitglied der Bundesregierung zu werden. Aus den Bundestagswahlen 1969 ging die SPD als Gewinner hervor, und Willy Brandt wurde Bundeskanzler in einer SPD/FDP-Koalition. Er konnte nun seine als Regierender Bürgermeister begonnene Ostpolitik gestalten. “Wandel durch Annäherung” hieß das Prinzip. Im Dezember 1970 wurde er Berliner Ehrenbürger, drei Monate nach der Unterzeichnung des Viermächteabkommens über Berlin im September 1971 nahm er in Oslo den ihm für seine Entspannungspolitik zuerkannten Friedensnobelpreis entgegen.

Im Mai 1974 trat Willy Brandt als Bundeskanzler zurück, nachdem ein enger Mitarbeiter als DDR-Spion enttarnt worden war. Im November 1976 wurde er in Genf zum Präsidenten der Sozialistischen Internationale gewählt und übernahm im Dezember desselben Jahres auf der konstituierenden Sitzung auf Schloss Gymnich bei Bonn den Vorsitz der von der Weltbank angeregten “Nord-Süd-Kommission”. In dieser Funktion widmete er sich intensiv entwicklungspolitischen Fragen und trat weltweit für Frieden, Menschenrechte und sozialen Ausgleich ein. Seit 1987 war Willy Brandt Ehrenvorsitzender seiner Partei.

Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und die Wiedergewinnung der deutschen Einheit war für Willy Brandt eine späte Bestätigung seiner Politik. Von ihm stammt der berühmt gewordenen Satz. “Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.” Willy Brandt erlag am 8. Oktober 1992 in Unkel bei Bonn einem Krebsleiden.

Übersicht der Regierenden Bürgermeister von Berlin seit 1949