Der Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft

Am 30. Januar 1933 ernannte der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg nach langem Zögern Adolf Hitler zum Reichskanzler. Ein völlig legaler, verfassungskonformer Akt: Die Macht wurde dem Spitzenkandidaten der erfolgreichsten Partei übergeben – von einer selbstbestimmten „Machtergreifung“ konnte keine Rede sein.

Eingerahmt von konservativen und nationalistischen Politikern und mit nur zwei Ministern der NSDAP schien der radikale Hitler gezähmt zu sein und unter Kontrolle der alten Eliten zu stehen, die weiterhin von Monarchie und autoritärem Ständestaat träumten. Wie falsch sie – und mit ihnen viele andere Zeitgenossen – lagen, sollten sie noch am selben Abend erfahren. Joseph Goebbels, Reichspropagandaleiter der NSDAP, ließ in Berlin ein Schauspiel inszenieren, das die Macht Hitlers demonstrieren sollte. In einem Fackelzug marschierte die SA durch das Brandenburger Tor, wenig später wurden die Schläger dieser paramilitärischen Parteiformation zur Hilfspolizei erhoben.

Der 30. Januar 1933 war mithin der Beginn der nationalsozialistischen Machteroberung in allen gesellschaftlichen Bereichen und der Umwandlung Deutschlands in eine Führerdiktatur. Der Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar, dargestellt als kommunistischer Putschversuch, war willkommener Anlass, die Grundrechte einzuschränken, politische Gegner mit Verfolgung, Folter und Terror zu überziehen und selbst die Kritik an der Hitler-Regierung unter Strafe zu stellen. Mit Ausnahme der SPD-Fraktion stimmten alle Abgeordneten des Reichstags, die nicht verhaftet oder auf der Flucht waren, am 23. März dem „Ermächtigungsgesetz“ und damit ihrer eigenen Entmachtung zu. Formal blieb die Verfassung der Weimarer Republik allerdings bis zum Kriegsende in Kraft – als wertloses Stück Papier.

Nachdem die NSDAP aus den Wahlen am 5. März erneut gestärkt hervorgegangen war, folgte durch die Legalisierung des Terrors Schlag auf Schlag der weitere Ausbau der noch ungefestigten Macht Hitlers. Jüdische Ladenbesitzer, Ärzte und Rechtsanwälte wurden Opfer von Boykotten, die freien Gewerkschaften wurden zerschlagen und bereits im Juni 1933 waren alle Parteien außer der NSDAP verboten oder aufgelöst. Andersdenkende wurden ins Exil getrieben, ausgebürgert, verfolgt, inhaftiert oder totgeschlagen. Während die einen verstummten, arrangierte sich die Mehrheit mit den neuen Verhältnissen, wieder andere engagierten sich dafür.

„Gleichschaltung“ hieß die Strategie, mit der die Vielfalt in allen gesellschaftlichen Bereichen zerstört wurde. Staatliche Regelungen, die wie das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ gegen Juden und Andersdenkende gerichtet waren, wurden von Opportunisten und Überzeugten selbst dort durchgesetzt, wo der Staat keinen Zugriff hatte.

Mit der Ermordung der SA-Führung und zahlreicher politischer Gegner im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches Ende Juni/Anfang Juli 1934 machte Hitler deutlich, dass er sich als obersten Richter sah. Wer widersprach ihm? Dass das „Ermächtigungsgesetz“ verbot, die Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers zu vereinigen – wer fragte noch danach, als Hindenburg im August 1934 starb und seine Befugnisse auf Hitler übergingen? Und wer stimmte dagegen, als dieses Gesetz 1937 erneuert wurde? Wer konnte überhaupt noch widersprechen, danach fragen, dagegenstimmen?
Innerhalb kürzester Zeit war es dem Hitler-Regime gelungen, die Macht in Staat und Gesellschaft tatsächlich zu ergreifen.