Ein Holocaust-Überlebender kehrt nach vielen Jahren nach Deutschland zurück. Er trifft auf Menschen, die weitergelebt haben, als wäre nichts geschehen. Das Kind, das er damals unter Zwang zeugen musste und nach dem er sucht, hat unterdessen, ohne seine Herkunft zu kennen, den umgekehrten Weg nach Israel angetreten. Ein generationenübergreifendes Geflecht aus Schuld und Vergebung, Nähe und Gewalt.
Das einzige Theaterstück des 2013 verstorbenen Schriftstellers Yoram Kaniuk wurde erst vor Kurzem im Nachlass entdeckt und feierte 2025 am TD Berlin seine Welturaufführung. Aus Kerem Hillels Regiekonzept, in dem alle Figuren Masken tragen, und der Musik von Meittam Govreen entsteht ein eindringliches Kammerspiel. Konkrete Dialoge treffen auf poetische Momente der Begegnung und schaffen in einem sich stetig zuspitzenden Bühnenbild einen atmosphärischen Raum der Aushandlung. Erinnerungen an die Verbrechen der NS-Zeit treten in Dialog mit dem Wunsch nach Erneuerung, zwischen Menschen, Kulturen und verhärteten nationalen Beziehungen.
„Was erinnern Sie nicht, wenn Sie sich erinnern?“ verbindet als bohrende Frage im Stück das Jetzt mit dem Damals. Geht es um richtig oder falsch – oder mehr darum, wie wir mit der Vergangenheit umgehen: sie verdrängen, festhalten? Oder können wir die Vergangenheit neu erzählen, bis wir uns endlich darin wiederfinden?
Spiel Carlo Duer / Enikö Maria Szász / Lilith Maxion Regie Kerem Hillel Komposition Meittam Govreen Kostüm Samira Schneck Maskenbau Lili Laube Bühne Sarah Wolters Licht Trung Tran Assistenz Paul Paatz Gefördert durch Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin / Szloma-Albam Stiftung / Kulturabteilung der israelischen Botschaft
Kerem Hillel studierte Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin und brachte bereits während des Studiums Inszenierungen auf verschiedene Bühnen der freien Szene, darunter Theater Delphi, TD Berlin, TuD, Brotfabrik und Theaterforum Kreuzberg. Weitere Musiktheaterarbeiten entstanden in Darmstadt, Hannover, Bayreuth, Tel Aviv und Bautzen. Mit der Suche nach neuen Theaterformaten schafft er eine unmittelbare Nähe zum Geschehen – ein direktes, poetisches Theater.
Yoram Kaniuk (1930–2013) wurde in Tel Aviv geboren und war Schriftsteller, Maler und Journalist. Ihn prägten die Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden ebenso wie die deutsche Kultur, in die sein Vater tief verwurzelt war. Ihn beschäftigte das Verhältnis von Erinnerung, Trauma und Identität; besonders in seinen 17 Romanen, die weltweit übersetzt wurden. In Deutschland wurde er mit „Adam Hundesohn“ und „Der letzte Berliner in Deutschland“ sehr bekannt. KUKURÍKU (oder die „Hochzeit der gestorbenen Brüder“) ist sein ein einziges Theaterstück.