„Man erinnert sich nicht, sondern man schreibt das Gedächtnis um, wie man die Geschichte umschreibt. Wie sollte man sich an den Durst erinnern?“
– Chris Marker
Rafik Greiss (* 1997, IE) arbeitet an der Schnittstelle von Film, Fotografie und Bildhauerei. Für den ägyptischen Künstler ist Zeit kein lineares System, das sich von der Vergangenheit zur Gegenwart erstreckt. Vielmehr setzt sie sich aus Fragmenten zusammen – aus Momenten, die sich ansammeln, auflösen und unerwartet als Empfindung oder Nachbild erneut auftauchen können. In seiner künstlerischen Praxis, die sowohl digitale als auch analoge Verfahren umfasst, setzt sich Greiss mit Transformation, Erinnerung und den sich wandelnden Zuständen von Bildern und Objekten auseinander.
The City and the City ist Greiss’ erste institutionelle Einzelausstellung. Im Mittelpunkt steht sein neu in Auftrag gegebener, gleichnamiger Film, der rätselhaften Personen durch weite Wüstenlandschaften folgt. Sie halten Ausschau und warten auf etwas, das offenbar erst noch geschehen wird. Angesichts des möglicherweise niemals eintretenden Ereignisses dehnt sich die Zeit, und die scheinbar leere Szenerie ist erwartungsvoll aufgeladen. Das Warten der Protagonist*innen wird zu einer Art von Arbeit – sich wiederholend, langwierig und endlos. Der Soundtrack des Films, komponiert von Musiker*in 7038634357, überträgt die Atmosphäre des Films akustisch in den Ausstellungsraum. Greiss präsentiert zudem eine Serie von Schwarz-Weiß-Fotografien, die Artefakte, Objekte und verlassene Räume zeigen. Herausgelöst aus ihrem ursprünglichen Kontext werden diese zu Fragmenten von Orten und Ereignissen, die sich nicht mehr vollständig rekonstruieren lassen.
Indem Greiss jede geografische und historische Zuordnung verweigert, verlagert er den Fokus von der Interpretation hin zum Erleben. Er lässt uns selbst entscheiden, wie wir die Bilder verstehen wollen. Im Werk des Künstlers schwebt Erinnerung stets am Rand des Bewusstseins. Sie wird davon geprägt, was gesehen und nur noch bruchstückhaft erinnert wird, und befindet sich in der Schwebe zwischen persönlichem Empfinden und kollektiver Geschichte.
Laufzeit: Sa, 17.10.2026 bis So, 10.01.2027