Was hält unsere Gegenwart (noch) zusammen? "Blick ins Land" zeigt
elf fotografische Essays zu Verhältnissen zwischen Wandel und Zugehörigkeit,
entlang von Migration und Familie, unserem Umgang mit Natur, dem deutschen
Sozialstaat, Konsum und lokalen wie nationalen Identitäten. Die Ausstellung ist vom 3.
bis 6. September im Kunstquartier Bethanien in Berlin zu sehen.
Alina Rapoport – Ankommen
Mehr
als vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs ist der Berliner
Alltag für viele ukrainische Geflüchtete zur neuen Realität geworden. Längst
haben sie eine Wohnung, manche sogar einen Job. Doch reicht das aus, um in
einem fremden Land anzukommen? In Deutschland aufgewachsen, aber in der
ukrainischen Hauptstadt Kyjiw geboren, ist Alina Rapoport dieser Frage in einer
Reportage nachgegangen. Dafür hat sie drei Ukrainerinnen fast ein Jahr lang
fotografisch begleitet.
Andre Schönherr – Was bleibt
Andre Schönherrs Arbeit ist eine visuelle Auseinandersetzung mit
der offensichtlichen und oft widersprüchlichen Transformation der alpinen
Landschaft. Geprägt von klimatischen Veränderungen, menschlichen Eingriffen und
einer zunehmenden touristischen Nutzung, verändert sich diese Landschaft in
rasantem Tempo. Seine Fotografien entstehen als Beobachtungen und laden dazu
ein, innezuhalten und genauer hinzusehen. Sie eröffnen Räume für Reflexion über
unseren Umgang mit der Natur und stellen Fragen nach Verantwortung, Maß und
Zukunft. @andreschoenherr
Astrid Caridad Scheuermann – Rosa de los Vientos /
Windrose
Dieser Fotoessay untersucht Migration, kulturelle Erinnerung und
Zugehörigkeit aus der Perspektive einer panamaischen Folkloregruppe in Berlin,
die Astrid Caridad Scheuermann seit ihrer Gründung 2018 mitgestaltet. In
dokumentarischen Porträts und poetischen Bildern zeigt das Projekt, wie
Traditionen Grenzen überschreiten, sich verändern und zwischen Panama und
Deutschland neue Formen von Heimat und Identität entstehen lassen. @astridcaridadscheuermann
Britta Brugger – Nichts ist sicher
Wenige Monate reichen manchmal aus, um alles zu verlieren. Ein
Jobverlust, eine Wohnungskündigung, eine längere Erkrankung, der Verlust eines
geliebten Menschen: Armut kann uns (fast) alle treffen. Gleichzeitig ist die
Hetze gegen Bezieher:innen von Grundsicherungsgeld alltäglich – und
unerträglich. Mit dem Fotoprojekt wollte sie das Leben hinter den Vorurteilen
kennenlernen, gefunden hat sie fünf Frauen und ihre Geschichten. @britta_36
Leonie Pock – Hausberg
Ein Hausberg ist jener Berg, der einem Ort am nächsten steht. Er
prägt den Blick aus dem Fenster und gibt Orientierung. Im Oberwallis
aufgewachsen, waren die Berge für Leonie Pock lange etwas Ewiges und
Unveränderliches. Extremereignisse der vergangenen Jahre – Überschwemmungen,
Bergstürze und schwindende Gletscher – haben dieses Gefühl erschüttert. Was
geschieht vor ihrer Haustür? Wie leben andere mit dieser Unsicherheit? Hausberg
sucht nach Antworten und begegnet Menschen, deren Leben auf vielfältige Weise
mit den Alpen verbunden ist.
Lucia Götz – Käsekuchen
Meine Großeltern wohnen nur acht Minuten voneinander entfernt,
und doch ist es auch im gelebten Alltag ein Sprung von der Kleinstadt ins Dorf.
Wenn ich in meine Heimat zurückkomme, spüre ich eine Zerrissenheit zwischen
einer befremdlich wirkenden Welt und einem Gefühl von Geborgenheit und Nähe. Im
Verlauf meiner Arbeit blieb mein Blick nun an Dingen hängen, an denen ich
früher selbstverständlich vorbeigelaufen bin. Retrospektiv wurde ich mit meiner
Prägung konfrontiert, die mit zeitlichem Abstand und verbildlicht eine andere
Klarheit bekommt. @luciagoetzzz
Lynn Koesling – Kraft
Energie. Elektrizität. Immer. Überall.
Zu. Jeder. Zeit. Jahrzehntelang stand die Kohlekraft für Versorgungssicherheit
und Wachstum. Heute ist die Branche konfrontiert mit wechselnden politischen
Rahmenbedingungen und wird häufig einseitig für energie- und klimapolitische
Probleme verantwortlich gemacht. Dabei liegt der Ursprung dieser Problematik
woanders. Ein Zweck, der unhinterfragt bleibt. Eine Diskrepanz zwischen
ungezügeltem Energieverbrauch und der durch die entsprechende Energieproduktion
angefeuerten Klimakrise.
Marc Emmerich – Keine Zeit für Monster
Als
die Mauer fiel, war Marc Emmerich vier Jahre alt. Zu jung, die Wende bewusst zu
erleben. Alt genug, trotzdem etwas mitzukriegen: Der Kindergarten bekam einen
neuen Spielplatz, am Kiosk vor der Haustür gab es Mickey-Mouse-Comics und zum
Wocheneinkauf ging es auf einmal in ein riesiges Einkaufscenter. Nichts davon
kam ihm damals merkwürdig vor. Das Alte war einfach weg, das Neue plötzlich da.
In Schaufenstern von heute spürt er dem Befremden nach, das ihm als Kind
verborgen blieb.
Markus Born – heim
Während der Arbeit an „heim" lebt Markus Born in seinem
Auto. Fahrten durch Deutschland führen ihn an alltägliche und historische Orte
wie Städte, Natur, Industrie und Gedenkstätten. Ebenso interessieren ihn lokale
Rituale und öffentliche Versammlungen. Mit „heim" versucht er, sich im
Land zu verorten – in seiner Geschichte und in den sozialen und politischen
Umbrüchen der Gegenwart. Hierfür verbindet er einen dokumentarischen Ansatz mit
einem Streben nach Form, in dem Komposition und Zufall ineinander übergehen. @markusborn.photo
Natalia Bronny – Wintar
Schwindende Vorräte, verschneite Wegstrecken, ein eisiges
Zuhause: Der deutsche Winter war einst brutaler Überlebenskampf. Auch wenn von
ihm heute weniger Bedrohung ausgeht, blicken viele von uns mit Angst auf die
kalte Jahreszeit – ihre Stille, Dunkelheit, Einsamkeit: Noch immer wird im
Winter mehr gestorben. In ganz Deutschland aber stemmen sich Menschen gemeinsam
gegen die Dämonen des Winters, mit Bräuchen aus vergangenen Jahrhunderten.
Natalia Bronny zeigt, wie wir es zwischen Sylt und Rupertiwinkel knallen
lassen. @nataliabronny
Rory Grubb – Im Delta
Der Spreewald: Sumpfland, Bäume, Wasserläufe, ein ruhiges Leben.
Die brandenburgische Region erinnert Rory Grubb an seine Heimat in Irland. Seit
einem Jahr ist er immer wieder in diesem abgelegenen Delta der Stille unterwegs
– mit dem Fahrrad, kreuz und quer durch die Landschaft, oft ohne feste Route.
Auf dem Weg begegnet er Menschen und Geschichten, Offenheit und einer stolzen
Verbundenheit mit dem Land. @rorygrubb_
Öffnungszeiten:
Vernissage am 3. September ab 19 Uhr
Freitag und Samstag von 12 bis 21 Uhr, Sonntag von 12 bis 18 Uhr
Der Eintritt ist frei.
Laufzeit: Do, 03.09.2026 bis So, 06.09.2026