In ihrem jüngsten Werk GLA55, das seine Weltpremiere bei den Berliner Festspielen feiert, verbindet Anne Teresa De Keersmaeker Drehungen, geometrische Formen und frühe Kompositionen von Philip Glass zu einer choreografischen Versuchsanordnung zwischen Trance und strenger Form.
Ein Raum wird zu Kreis und Spirale, Zeit und Körper werden zum Pulsschlag: Mit GLA55 lädt Anne Teresa De Keersmaeker, Pionierin der zeitgenössischen Choreografie, erneut in die mechanische und zugleich tranceartige Welt minimaler Bewegungen ein.
Sechs Tänzer*innen der Kompanie Rosas teilen sich die Bühne mit sechs Mitgliedern der Ensembles Ictus und Bl!ndman. Impulsgebend für sie sind Philip Glass’ frühe Werke – Music in Contrary Motion, Music in Fifths, Music in Similar Motion und Music with Changing Parts. Zusammen schaffen die Künstler*innen ein körperliches Ritual, das sowohl Geometrie als auch Zeit erfahrbar macht: Ellipsen, Kreise und Spiralen werden zu wiederkehrenden Figuren, die Choreografie verdichtet die Bewegung zu einem Kontinuum von Spannung und Entspannung, Stillstand und Rotation. Jeder Impuls, jede Wendung erzeugt eine Resonanz im Raum, die das Publikum in ein körperlich erfahrbares Zeitgefüge einschließt und obsessive Wiederholung und rhythmische Präzision spürbar machen. GLA55 ist eine experimentelle Beschwörung, die das Verhältnis von Musik, Raum und Körper neu austariert und das minimale Material zu höchster Wirkung verdichtet. Hier verschmelzen Körper, Klang und rhythmische Struktur zu einer singulären Erfahrung, in der die Wahrnehmung selbst einem feinen, hypnotischen Schwingen unterliegt.
Mit GLA55 kehrt De Keersmaeker zu einem Leitprinzip ihrer Arbeit zurück: das Ausschöpfen minimaler abstrakter Materialien bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten. Dabei treten tranceartige Zustände, manische Wendungen und kreisende Bewegungen in den Vordergrund – choreografische Gesten, die seit Fase (1982) und der Gründung der Kompanie Rosas 1983 die Handschrift der Künstlerin prägen und sich mit der 1995 gegründeten Ausbildungsstätte für zeitgenössischen Tanz P.A.R.T.S. auch institutionell fortgeschrieben haben.
Seit über vier Jahrzehnten entwickelt Anne Teresa De Keersmaeker Arbeiten, die das Verhältnis von Musik, Raum und Bewegung intensiv ausloten. Frühere Schlüsselwerke wie Asch (1980), Rosas danst Rosas (1983) oder The Six Brandenburg Concertos (2018) zeigen den konsequenten Einsatz minimaler Formensprache, der nun in GLA55 eine neue Verschmelzung mit der Musik Philip Glass’ erfährt.
Künstlerisches Team
Anne Teresa De Keersmaeker – Choreografie
Getanzt und entwickelt mit
Boštjan Antončič, Niklas Capel, Lav Crnčević, José Paulo dos Santos, Sunai Elbers, Sue Yeon Youn
Musik
Music in Contrary Motion, Music in Fifths, Music in Similar Motion, Music with Changing Parts
von Philip Glass
Musiker*innen
Ictus & Bl!ndman
Fabian Coomans, Chryssi Dimitriou, Aisha Orazbayeva, Hendrik Pellens, Jean-Luc Plouvier, Piet Rebel, Eric Sleichim
Minna Tiikkainen – Lichtdesign
Aouatif Boulaich – Kostüme
Wannes Gyselinck – Dramaturgie
Alexandre Fostier – Ton