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Über den Namesgeber Philipp Schaeffer

  • v.l.n.r.: Antonia und Philipp Schaeffer mit ihren Töchtern Antonie und Irene (etwa 1925), Antonia Glasatschewa (etwa 1916), Philipp Schaeffer mit der Mutter Hedwig Schaeffer und der Schwester Maria (1898), Phiipp Schaeffer (etwa 1931), Philipp Schaeffer mit Tochter Antonie (etwa 1918/19), Philipp Schaeffer (Gestapofoto 1942)

    v.l.n.r.: Antonia und Philipp Schaeffer mit ihren Töchtern Antonie und Irene (etwa 1925), Antonia Glasatschewa (etwa 1916), Philipp Schaeffer mit der Mutter Hedwig Schaeffer und der Schwester Maria (1898), Phiipp Schaeffer (etwa 1931), Philipp Schaeffer mit Tochter Antonie (etwa 1918/19), Philipp Schaeffer (Gestapofoto 1942)

  • Wilhelm Guddorf, Elfriede Paul, Kurt und Elisabeth Schumacher, Libertas und Harro Schulze-Boysen

    Wilhelm Guddorf, Elfriede Paul, Kurt und Elisabeth Schumacher, Libertas und Harro Schulze-Boysen

  • Elisabeth und Kurt Schumacher

    Elisabeth und Kurt Schumacher

  • Philipp Schaeffer mit Mutter 1898, Reifezeugnis

    Philipp Schaeffer mit Mutter 1898, Reifezeugnis

  • Philipp Schaeffer mit dem Fahrrad (wahrscheinlich Heidelberg 1922/23), Philipp Schaeffer mit seinen Töchtern Antonie und Irene (ohne Datum)

    Philipp Schaeffer mit dem Fahrrad (wahrscheinlich Heidelberg 1922/23), Philipp Schaeffer mit seinen Töchtern Antonie und Irene (ohne Datum)

  • Arbeit in der Bibliothek (Bescheinigung, 1927)
  • Lesesaal der städtischen Volksbücherei um 1928
  • Anna Seghers, Antonia und Philipp Schaeffer

    Anna Seghers, Antonia und Philipp Schaeffer

  • Wilhelm Guddorf,Elfriede Paul, Kurt und Elisabeth Schumacher, Libertas und Harro Schulze-Boysen

    Wilhelm Guddorf, Elfriede Paul, Kurt und Elisabeth Schumacher, Libertas und Harro Schulze-Boysen

  • Kriegsteilnehmerausweis, Heiratsurkunde

    Kriegsteilnehmerausweis, Heiratsurkunde

  • Zuchthaus Luckau (1930er Jahre), die Tochter Irene Schaeffer (um 1938)
  • Kammergericht (ohne Datum), Philipp Schaeffer (um 1933)
  • Philipp Schaeffer (Gestapofotos 1942), Gerichtssaal Reichskriegsgericht Berlin Witzlebenstr., Luftaufnahme des Strafgefängnisses Plötzensee

Kindheit und Jugend in Russland

Philipp Schaeffer wird am 16. November 1894 in Königsberg als Sohn eines Kaiserlichen Offiziers geboren. 1896 übersiedelt die Familie nach Sankt Petersburg. Der Vater, inzwischen ein vermögender Kaufmann, erwirbt ein Gut in der Nähe von Petersburg. Philipp Schaeffer besucht von 1903 bis 1913 die Internatsschule der reformierten Gemeinde in St. Petersburg.

Anfang Juli 1913 beginnt er ein Studium an der Orientalischen Fakultät der Kaiserlichen Universität in Sankt Petersburg. Nach dem Kriegsausbruch im August 1914 wird das Eigentum der Familie konfisziert und die gesamte Familie Schaeffer als „feindliche Ausländer“ in das Gouvernement Archangelsk verbannt. Philipp Schaeffer muss in der Verbannung für den Unterhalt der Familie arbeiten und beschäftigt sich weiter mit Sanskrit-Studien. Er lernt die Lehrerin für russische Literatur Irina Glasatschewa kennen. Sie heiraten im Juni 1916, im August 1916 und im Juni 1918 kommen die Töchter Antonie Tosca und Irina zur Welt. Nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk im März 1918 lebt die Familie wieder in Petersburg, erhält jedoch ihr Eigentum nicht zurück. Ende des Jahres 1918 entschliessen sich Schaeffers, nach Deutschland zurückzukehren. Philipp Schaeffer schließt sich im Frühjahr 1919 einem Freikorpsverband im Baltikum an, kämpft dort zunächst gegen die Rote Armee, dann gegen lettische Einheiten und kommt nach der Niederlage Ende 1919 nach Deutschland.

Studium in Heidelberg

Die Familie lässt sich in Heidelberg nieder. Im April 1920 setzt Philipp Schaeffer sein Studium der orientalischen Sprachen (Sinologie, Tibetanisch und Sanskrit) an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg fort. Zeitweise arbeitet Schaeffer in einem Steinbruch, um das Studium zu finanzieren. Im Jahre 1926 erhält der Vater einen Lastenausgleich für das in Russland verlustig gegangene Vermögen. Von der ersten Rate des Lastenausgleiches kaufen sich Schaeffers einen Fotoapparat und ein Segelboot. Anna Seghers studiert in dieser Zeit ebenfalls Sinologie und ist mit Philipp Schaeffer eng befreundet, der zeitweise am Heidelberger Institut für Buddhismus arbeitet.
In seiner Dissertation, die Schaeffer im Januar 1924 erfolgreich verteidigt, übersetzt er die 60 Lehrverse des Nagarjuna aus der chinesischen und tibetanischen Version, da die Fassung im Sanskrit nicht mehr vorhanden war. Nagurjana, ein südindischer Brahmane, trat zum Buddhismus über und begründete damit eine Periode des Buddhismus. Philipp Schaeffer beherrscht außer Russisch, Französisch auch Persisch, Tibetanisch Chinesisch und Sanskrit.

Bibliothekar in Berlin

Mitte der zwanziger Jahre ziehen die Eltern und die Familie nach Berlin. Schaeffers beziehen eine Atelierwohnung in der Kurfürstenstraße 65. Philipp Schaeffer hofft in Berlin, eine Arbeit zu finden. Außer Gelegenheitsarbeiten, so als Expedient und Lektor bei der Universum-Film-Aktiengesellschaft (UFA) in Babelsberg, findet er keine feste Anstellung.
1927 wird die Ehe mit Irina Schaeffer geschieden. 1928 lernt er die Bildhauerin Ilse Liebig kennen und 1929 heiraten sie.
Nach einer mehrwöchigen aushilfsweisen Tätigkeit als „geistiger Notstandsarbeiter“ im „Büchereidienst“ Mitte wird Philipp Schaeffer Mitte Mai 1927 Bibliotheksangestellter in der Bücherei Adalbertstraße. Als am 8. Dezember 1928 die neue Volksbibliothek als erste moderne zentrale Bezirksbibliothek in der Brunnenstraße 181 eröffnet wird, übernimmt Schaeffer die Verwaltung des Lesesaals. Mit der Übernahme der wertvollen Buchbestände aus der ehemaligen Heimannschen Bibliothek und der Katalogisierung durch Schaeffer entsteht eine der besten sozialwissenschaftlichen Sammlungen in Berliner Bibliotheken. Während der Treffen junger Bibliothekare 1930 in Probstzella und 1931 in Halberstadt war Schaeffer der führende Kopf der dort anwesenden kommunistischen Volksbibliothekare.
Im März 1932 wird er aufgrund struktureller Veränderungen in der Bibliothek gekündigt. Schaeffer vermutet der wirkliche Grund sei seine politische Tätigkeit in der Bibliothek und seine Mitgliedschaft in der KPD sowie der Revolutionären Gewerkschaftsoppositon, einer kommunistischen Gewerkschaft, gewesen.

Politische Tätigkeit und illegale Arbeit

Seit 1930 leben Ilse und Philipp Schaeffer in Spandau, Tiefenwerder-Siedlung, Pfuhl Nr. 31, ein am Wasser gelegenes Grundstück mit einem kleinen Haus. Philipp Schaeffer, 1928 in die KPD eingetreten, gehört zunächst einer Zelle der KPD in Charlottenburg, später der Unterbezirksleitung der KPD in Spandau an und besucht die Marxistische Arbeiterschule in Mitte.
Bei Schulungen mit KPD-Mitgliedern und Sympathisanten macht Schaeffer die Teilnehmer mit Grundzügen der marxistischen und vormarxistischen Philosophie vertraut. Außerdem erteilt er Russisch-Unterricht. In der „Fichte-Sportgruppe“, einer Rudergruppe, diskutiert er in Spandau mit Berliner Arbeitern. Von 1932 bis zu seiner Verhaftung im Mitte März 1935 ist er, bis auf eine kurze Zeit, in der für die sowjetischen Presseagentur TASS tätig ist, arbeitslos.

Nach dem Reichstagsbrandprozess findet eine Hausdurchsuchung in Schaeffers Haus statt. Ilse und Philipp Schaeffer werden für zehn Tage im Berliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz inhaftiert. Anfang 1934 ziehen sie nach Mitte in die Dorotheenstraße 19. Philipp Schaeffer ist in die illegale Arbeit der KPD eingebunden. Mitte Dezember 1934 wird er aufgrund einer Denunziation verhaftet. Daraufhin erstattet Schaeffer eine Anzeige wegen falscher Anschuldigungen, worauf der Staatsanwalt das Verfahren Mitte Januar 1935 einstellt und Schaeffer aus dem Untersuchungsgefängnis Moabit entlassen wird.
Mit Gesinnungsgenossen betreibt er antifaschistische Propagandaarbeit unter SA-Leuten und Studenten, um eine kritische Haltung zum Nazi-Regime zu fördern. Von April bis Juni 1934 gibt er die illegale Zeitschrift „Die Rote Standarte. Organ der revolutionären SA-Männer der Gruppe Berlin-Brandenburg“ heraus. Mitte März 1935 wird er verhaftet und am 7. November 1935 in einem Prozess vor dem 4. Strafsenat des Berliner Kammergerichtes wegen „Zersetzungsarbeit in der SA und Tätigkeit für die verbotene KPD“ zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Zuchthaus Luckau

Philipp Schaeffer wird sofort nach seiner Verurteilung am 7. November 1935 in das Zuchthaus Luckau eingeliefert. Nach über zwei Jahren Einzelhaft arbeitet er als Kipperwagenfahrer in einer Außenarbeitskolonne im Straßenbau und in der Gefangenenbibliothek. Dort trifft er auf Wilhelm Guddorf, einem früheren Redakteur der Roten Fahne, der mehrere europäische Sprachen, aber auch Arabisch und Hebräisch beherrscht. Guddorf lernt von Schaeffer Russisch und beginnt, auf Anregung von Schaeffer sich mit persischer, chinesischer und japanischer Sprache zu beschäftigen. Der Gefängnispfarrer aus Luckau schreibt an Anna Seghers in Paris und bittet sie, ihm für Philipp Schaeffer ein chinesisches Lexikon zu schicken.
Schaeffer bringt Mitgefangenen Russisch bei. Auf komplizierte Weise werden im Zuchthaus von ihm Kassiber mit Grundkenntnissen der russischen Grammatik und einen bestimmten Vokalschatz an Mitgefangene geschmuggelt. Mit anderen Gefangenen, darunter mit Wolfgang Abendroth, diskutiert er über aktuelle politische Ereignisse, auch über die Terrorprozesse gegen alte Bolschewisten in Moskau.
Ilse Schaeffer wird 1936 verhaftet, vom Berliner Kammergericht wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach ihrer Entlassung versucht die Gestapo, sie für eine Mitarbeit zu gewinnen, was sie jedoch ablehnt.

Im Widerstandskreis um Harro Schulze-Boysen

Nach seiner Entlassung Mitte März 1940 arbeitet Philipp Schaeffer als Expedient bei der Firma Frigidaire Berlin. Er steht unter Polizeiaufsicht, muss sich regelmäßig bei der Polizei melden. Durch seine Frau lernt er den Bildhauer Kurt Schumacher und seine Frau Elisabeth sowie die Ärztin Elfriede Paul kennen, die einem Freundes- und Widerstandskreis um den Oberleutnant Harro Schulze-Boysen angehören. Bei Schumachers trifft Schaeffer auf Harro und Libertas Schulze-Boysen, die er später auch in ihrer Wohnung aufsucht. Philipp Schaeffer zieht seine Frau nicht in die Illegale Arbeit mit ein. Er lässt lediglich durchblicken, dass er in sehr enger Verbindung mit Harro Schulze-Boysen, Elisabeth und Kurt Schumacher sowie Wilhelm Guddorf steht.

Bei dem Versuch, den jüdischen Musikwissenschaftler Dr. Richard Hohenemser, einem Onkel von Elisabeth Schumacher, und seine Frau Alice vor dem Tode zu retten, zieht sich Philipp Schaeffer Ostern 1942 schwere Verletzungen zu. Das Ehepaar hatte sich in der Wohnung eingeschlossen und den Gashahn geöffnet. Da der Nazihauswart das Einschlagen der Wohnungstür untersagt hatte, lässt sich Philipp Schaeffer von dem Dach des Hauses an einem Seil herunter und versucht, von außen in ein Fenster der Wohnung einzudringen. Das Seil scheuert am Dachrand durch und reißt. Philipp Schaeffer stürzt ab und erleidet komplizierte Knochenbrüche. Das Hüftgelenk muss mit einem 9 cm langen Nagel genagelt werden, das Fußgelenk versteift, der Arm bleibt gebrochen. Er kann sich nur noch auf Krücken fortbewegen, ständige Schmerzen bleiben zurück. Nach sechsmonatigem Krankenhausaufenthalt kommt er am 1. Oktober 1942 nach Hause und wird einen Tag später im Rahmen der Verfolgungskomplexes „Rote Kapelle“ von der Gestapo verhaftet.

Haft und Tod

Am 2. Oktober wird Philipp Schaeffer verhaftet, kommt zunächst in das Hausgefängnis der Gestapo-Zentrale, Prinz-Albrecht-Straße 8. Bei seinem Vernehmungen streitet er alle Vorwürfe ab, dass er sich nach seiner Haft weiterhin politisch betätigt habe. Er wird am 27. Oktober in das Strafgefängnis Spandau eingeliefert. Sein Zellernachbar ist zunächst Heinrich Scheel, und später der 20jährige Helmut Marquart. Beiden hilft er beim Erlernen der russischen Sprache. Philipp Schaeffer führt in Spandau das leicht zu erlernende Klopfalphabet ein, das über die Heizungsrohre eine Verständigung zwischen den Gefangenen ermöglicht. Beim täglichen Spaziergang kann er sich nur fortbewegen, indem er sich zwischen zwei Krücken vorwärtsschwingt.
Der 2. Senat des Reichskriegsgerichtes beschuldigt Schaeffer am 5. Februar 1943, ohne nachweisen zu können, dass er an konkreten Widerstandsaktionen beteiligt gewesen war, sich nicht von seinen kommunistischen Freunden ferngehalten und sie nicht angezeigt zu haben. Worauf Schaeffer in seinem Schlusswort erklärt: „Meine Herren, ich bin hier gefragt worden, warum ich diese Sache nicht zur Anzeige gebracht habe. Darauf muss ich Ihnen antworten: Ich bin kein Handlanger der Polizei.“ Am 6. Februar wird Schaeffer als „unverbesserlicher und rückfälliger Hochverräter“ zum Tode und seine Frau zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 17. Februar 1943 kommt er in das Strafgefängnis Plötzensee und wird dort am 13. Mai 1943 hingerichtet.

Weitere Artikel:

“Das Leben von Philipp Schaeffer war ein Leben in Brüchen, das sich nicht vollendete, sondern im Alter von 48 Jahren gewaltsam beendet wurde. Er studierte fünf Jahre Orientalistik, war sechs Jahre erwerbslos und hat fünf Jahre als Bibliothekar, zwei Jahre als Expedient in einer Külanlagenfirma, aber nie in seinem eigentlichen Beruf als Orientalist und Sinologe gearbeitet. Fast sechs Jahre mußte er in Haft verbringen, weitere vier Jahre in russischer Verbannung. Materielle Werte schienen ihm nicht wichtig gewesen zu sein, obwohl er die ersten zwanzig Jahre im Überfluß lebte.” – Hans Coppi

Zum Artikel

Quelle: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), IWK 41. 2005, 3 S. 366 – 386

Am 13. Mai 1943, wurde Philipp Schaeffer, der von 1928 bis 1932 in der Volksbibliothek Brunnenstraße 181 arbeitete, in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Die Bezirkszentralbibliothek Berlin-Mitte trägt seit 1952 seinen Namen.

Weitere Informationen im Artikel Der Berliner Nachbar (ZEIT ONLINE)