Which stories end up in archives, which do we prefer to forget? How can we deal with the painful chapters of our own life story? With the episodes you'd prefer to leave deep at the bottom of the cardboard box, even though you wouldn't be the person you are today without them? Carmen Maria Machado has found an answer to this in her memoir "Das Archiv der Träume" ("In the Dream House"): she tells the story of the literature student Carmen, who wins back control over the interpretation of her relationship with the charismatic, unpredictable "woman in the dream house", a relationship marked by violence and manipulation. Machado jumps playfully between genres, keeps rebuilding the dream house of her memories over and over – as a romantic novel, confession, spy thriller and self-help book – only to tear it down again afterwards. She dispels the cliché that lesbian love stories are an idealised utopia: "I enter into the archive that domestic violence between partners of the same gender identity is possible and not unusual. I throw the stone of my story into an enormous chasm and investigate the extent of the emptiness based on the quiet thud."Writer Leo Lorena Wyss (who has won awards such as the Nestroy Prize for Best Young Author) has dramatised Machado's book for the Berliner Ensemble. Jules Head from Bristol embarks on a search for a theatrical language for the psychological mechanisms of traumatic experiences with great enthusiasm for experimentation.
Artists/Collaborators: Von Carmen Maria Machado (Autor/in), Amelie Willberg, Lucien Strauch, Jules Head, Emilia Bongilaj, Svenja Kosmalski, Tom Foskett-Barnes, Robert Matysiak
Im Traum(a)haus "Wer weiß von uns? Früher hätte das vieles bedeuten können. Wer weiß, dass wir zusammen sind? Wer weiß, dass wir uns lieben? Wer weiß, dass wir queer sind? Aber jetzt: Wer weiß, dass ich dich so anschreie?" Als Carmen Maria Machados "Das Archiv der Träume" 2019 in den USA erscheint, trifft es einen Nerv. Scheinbar nie zuvor wurde Gewalt in lesbischen Liebesbeziehungen so in einem literarischen Werk thematisiert – umfassend, schonungslos, formal ambitioniert. Machado bricht mit einem Tabu, das lange besagte: Die lesbische Community steht derart unter Beschuss von außen, dass innerhalb der Community das Bild der heilen Beziehungswelt aufrechterhalten werden muss. Wir können uns keine schlechte PR leisten.Machado wählt die Gattung des Memoir. Die Geschichte, die sie erzählt, ist ihr real passiert; ihre Protagonistin heißt Carmen wie sie selbst. Carmen ist Anfang Zwanzig, studiert Kreatives Schreiben in Iowa City und verliebt sich Hals über Kopf in eine andere junge Schriftstellerin, Machado nennt sie nur "die Frau aus dem Traumhaus". Das Hindernis, dass die Geliebte bereits vergeben ist, räumt diese schnell aus dem Weg. Sie schlägt eine Dreiecksbeziehung vor. Ihre Freundin, Val, sei dafür offen. Doch die polyamore Lovestory bekommt bald Risse und Carmen findet sich in einem Gefängnis aus psychischer und physischer Gewalt, Manipulation und Abhängigkeit wieder, aus dem sie erst Jahre später einen Ausweg finden wird.Mit dem Leben und einem Trauma davongekommen, in einer glücklichen Ehe mit Val (ausgerechnet der Frau, die zu Beginn ebenfalls Teil des Dreiecks war) fragt sie nun: Was ist mir da passiert? Wieso konnte ich dieser Beziehung so lange nicht entfliehen? Was braucht es, damit ich das Geschehene überwinden kann? Und was, damit andere mir glauben? Hier setzt die Inszenierung von Jules Head an: Carmen und Val begeben sich im Werkraum auf einen Reenactment-Parcours durch Carmens Vergangenheit, dabei schlüpft Val immer wieder in die Rolle der Täterin. "Erinnerung ist eine Form der Architektur", schrieb die Künstlerin Louise Bourgeois. Im "Archiv der Träume" werden Carmen und Val zu Architektinnen eines Traum(a)hauses und Archivarinnen eines unfertigen Kapitels queerer Geschichtsschreibung.Von Lucien Strauch