Erinnerungskultur

Gedenk- und Lernort Güterbahnhof Moabit

Am 5. Juni 2015 bewilligte der Stiftungsrat der Stiftung Deutsche Klassenlotterie den Antrag des Amtes für Weiterbildung und Kultur des Bezirksamtes Mitte von Berlin über 150.000,00 Euro für die Realisierung eines Gedenk- und Lernorts am historischen Ort der Gleise 69, 81 und 82 des ehemaligen Güterbahnhofs Moabit, von wo zwischen März 1942 und Januar 1944 32.000 jüdische Bürgerinnen und Bürger in Konzentrationslager deportiert wurden.

Ohne diese Zusage der Stiftung Deutsche Klassenlotterie wäre es nicht möglich gewesen, einen Kunstwettbewerb zur Gestaltung eines Gedenk- und Lernorts auszuschreiben, da die Finanzierung der Umsetzung des Ergebnisses vorab gesichert sein muss. Der Kunstwettbewerb wird nun noch in diesem Jahr ausgelobt, die Realisierung ist für 2016 vorgesehen.

Die Bezirksstadträtin Sabine Weißler erklärt dazu: “Ich bin sehr erleichtert. Jetzt ist es endlich möglich, dass der ehemalige Güterbahnhof Moabit seine Geschichte durch künstlerische Mittel erzählt, eine Geschichte des Leidens und Mordens. Die Berliner Topographie der Vernichtung und Verschleppung wird um einen bedeutenden und aussagefähigen Ort ergänzt“.

Die große Herausforderung wird sein, diesen Ort erstmalig auf eine Karte unserer Landesgeschichte zu setzen. Heute ist es ein vernachlässigter, unscheinbarer und gesichtsloser Ort, an dem beinahe alle Spuren der Geschichte verwischt wurden; es ist ein Unort, eingezwängt in einem Industriegebiet, zwischen Baumarkt Hellweg und Supermarkt Lidl und den dazugehörigen Parkplätzen. Die Durchführung eines Kunstwettbewerbs bietet nun die Chance, mit dem Erinnern und dem Vergessen sowie dem Verdrängen noch einmal anders Umzugehen und nicht zuletzt, die Frage nach dem Umgang mit Orten und ihrer Geschichte neu zu stellen.

Rückblick

„Im Frühjahr 1943 kam ich vom Dienst nach Hause und sah eine große Gruppe von Menschen durch die Lübecker Straße ziehen. Da ich mich wunderte und neugierig wurde, ging ich ihnen nach. Sie bogen in die Havelberger Straße und dann in die Quitzowstraße ein. Ich sah, wie sie in einen kleinen Weg in Richtung Bahngelände abbogen. Soweit ich aus sicherer Entfernung sehen konnte, wurden sie gleich verladen1.“

Der kurze Bericht eines Zeitzeugen ruft eindrücklich die Situation an der Quitzowstraße in Erinnerung und enthüllt die Bedeutung eines heute noch immer vorhandenen historischen Weges, der zu den Gleisen 69, 81 und 82 des damaligen Güterbahnhofs Moabit führte. Dass von dort zwischen März 1942 und Januar 1944 mehr als 32.000 jüdische Bürgerinnen und Bürger nach Theresienstadt, Riga, Raasiku und Auschwitz in den Tod geschickt wurden, war lange Zeit nicht bekannt. Inzwischen belegen die publizierten Zahlen eindeutig, dass der Güterbahnhof Moabit der „Hauptort“ in der Geschichte der von den Nationalsozialisten angeordneten Verschleppung in die Ghettos und Vernichtungslager war.

Seit 1987 wurde über die Errichtung eines Gedenkorts am ehemaligen Standort des Güterbahnhofs Moabit diskutiert. Der Bahnhof lag auf Reichsbahngelände und konnte somit nicht vom ehemaligen Bezirk Tiergarten gestaltet werden. Als die Mauer fiel wurde das Gebiet nördlich der Quitzowstraße komplett umgestaltet, die Stimmen, die auf die Geschichte des Geländes hinwiesen, wurden übergangen.

Seit 2012 wurde erneut die Diskussion über die Gestaltung aufgenommen und noch bestehende Grundstückfragen gelöst. Detaillierte Informationen dazu finden Sie u.a. hier.

Aufgrund der gesamtstädtischen Bedeutung dieses künftigen Gedenkorts erfolgt die Vorbereitung, Durchführung und Finanzierung eines Kunstwettbewerbes durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten. Die Kommission Kunst im Stadtraum von Mitte (KIST) empfiehlt für das Vorhaben “Gedenkort Güterbahnhof Moabit” zwischen Quitzowstraße und Ellen-Epstein-Straße einen nichtoffenen Wettbewerb für professionelle Künstlerinnen und Künstler.

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1 Roskamp, H., Verfolgung und Widerstand. Tiergarten – Ein Bezirk im Spannungsfeld der Geschichte 1933 – 1945, S. 80, zit. nach Klaus Dettmer, Alfred Gottwaldt, Diana Schulle, Forschungsgutachten zur Geschichte des Güterbahnhofs Berlin-Moabit unter schwerpunktmäßiger Berücksichtigung der Geschichte der Deportation der Berliner Juden von den Gleisen 69, 81 und 82, Berlin 2006, Auftraggeber: Bezirksamt Mitte von Berlin, Abteilung Bildung und Kultur, Amt für Bibliotheken und Kultur

Standort

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Stadtplan Berlin.de

Publikationen

  • Gottwaldt, Alfred: Mahnort Güterbahnhof Moabit: Die Deportation von Juden aus Berlin, Hentrich und Hentrich Verlag Berlin, Januar 2015
  • Klaus Dettmer, Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Forschungsgutachten zur Geschichte des Güterbahnhofs Berlin-Moabit unter schwerpunktmäßiger Berücksichtigung der Geschichte der Deportation der Berliner Juden von den Gleisen 69, 81 und 82, Auftraggeber: Bezirksamt Mitte von Berlin, Abteilung Bildung und Kultur, Amt für Bibliotheken und Kultur, Berlin, April 2006

Forschungsgutachten zur Geschichte des Güterbahnhofs Berlin-Moabit

PDF-Dokument (5.3 MB) - Stand: Berlin, 24. April 2006

Empfehlung der KIST: Vorhaben Güterbahnhof Moabit

PDF-Dokument (69.2 kB)

Links

  • Die Initiative Sie waren Nachbarn erinnert seit 2011 mit Plakataktionen, Informationsveranstaltungen und Tagungen an die zentrale Rolle Moabits während des Holocausts.