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Die Nachweisrecherche

Laut Stiftungserrichtungsgesetz(Externer Link) muss der Antragsteller seine Leistungsberechtigung durch Unterlagen nachweisen oder auf andere Weise glaubhaft machen. Dementsprechend sind zwei Recherchewege zu unterscheiden: die personenbezogene Recherche nach Unterlagen über den ehemaligen Zwangsarbeiter und die Sachrecherche, bei der es darum geht, die Aussagen des Zwangsarbeiters über seinen Berlin-Aufenthalt zu verifizieren. Wenn ein Zwangsarbeiter spezielle und detaillierte Angaben mitteilen kann und diese mit dem Wissensstand der historischen Forschung vereinbar sind, ist seine Aussage glaubhaft.

Eine Standardquelle für die personenbezogene Recherche ist die alte Einwohnermeldekartei (EMK). Von ihr ist im Landesarchiv Berlin eine bruchstückhafte, nachträglich neu zusammengestellte Zweitüberlieferung erhalten, die mit gut zwei Millionen Karteikarten etwa ein Fünftel des ursprünglichen Umfangs besitzt, so dass nur eine Positivquote von gut 5 % erzielt werden kann. Da der ISD, der gemäß Verfahrensablauf die über den Online-Nachweisverbund übermittelten Rechercheersuchen bereits mit negativem Ergebnis recherchiert hat, die EMK bis zum Buchstaben "N" ebenfalls in seine Recherchen mit einbezieht, könnte sich die Koordinierungsstelle auf die Recherche des Alphabetteils ab "O" beschränken. Nachdem sich jedoch mehrmals herausgestellt hatte, dass angebliche Negativfälle doch in der EMK auffindbar waren, überprüft die Koordinierungsstelle generell alle Nachweisersuchen in der EMK. Hinzu kommt, dass der ISD in seinen Positivbescheiden oft nur bestätigt, dass der Antragsteller in Berlin gemeldet war; es fehlt die Aussage über den Arbeitgeber, die entscheidend für die Frage ist, ob der Antragsteller in die Entschädigungskategorie "Industriearbeiter" oder die finanziell ungünstige Kategorie "Landwirtschaft" eingestuft wird.

Auch die Landesversicherungsanstalt (LVA) wird über eine Kooperation regelmäßig in die Recherche mit einbezogen, im Falle von Geburten erfolgt eine Anfrage bei den Berliner Standesämtern. Die Nachfragen bei Nachfolgefirmen, sofern diese zu ermitteln waren, führen leider nur selten zum Erfolg: kaum eine Firma verfügt über nennenswerte namensbezogene Aktenbestände. Immerhin lassen sich über die Firmenkontakte Sachauskünfte für Plausibilitätsbescheide einholen, sofern die Angaben zum Verfolgungsweg einen Ansatz dafür bieten. Mit einigen wenigen Firmen besteht eine gute Kooperationsbeziehung.

Insgesamt ist die Quellenlage sehr schlecht. Daher war es zunächst ein wichtiges Ziel, weitere Quellenbestände aufzufinden und sie für die Einzelfallbearbeitung nutzbar zu machen. Zugleich sollten die erschlossenen Materialien sowohl für spätere Rückfragen oder Beschwerden als auch für die zukünftige Erinnerungsarbeit dokumentiert werden.

Die Dokumentensuche konzentriert sich auf zeitgenössische Namenslisten oder Namenskarteien, mit denen Betriebe, Polizeidienststellen, Standesämter, Versicherungen, Arbeitsämter oder Krankenhäuser die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter für die verschiedenen Kontrollzwecke erfasst hatten. Aber auch die unmittelbar nach Kriegsende auf Veranlassung der Alliierten entstandenen UN-Bürger-Listen stellen eine wichtige Quelle dar.

Angesichts der schlechten Quellenlage ist für den größten Teil der Antragsteller ein positiver Bescheid jedoch nur auf dem Weg der Glaubhaftmachung möglich, so dass der Sachrecherche eine hohe Bedeutung zukommt.

Die wichtigsten Arbeitsmittel für die Sachrecherche sind historische Adressbücher, Listen von Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigten, und Nachweise von Zwangsarbeiterlagern. Darüber hinaus werden weitere Hilfsmittel herangezogen, die die oft verschlungene Wege beschreitende Einzelfallrecherche erleichtern können: Verzeichnisse historischer Straßennamen, Ortslexika, Stadtpläne, historische Landkarten und nicht zuletzt das Internet, über das sich manch eine gesuchte Detailinformation in einer durchaus zuverlässigen Quelle auffinden lässt.

Wenn es der Koordinierungsstelle nicht selbst gelingt, einen Sachverhalt zu ermitteln, bittet sie andere Stellen, darunter insbesondere Heimatmuseen und ggf. Nachfolgeunternehmen der damaligen Firma, sowie Experten um ihre Mithilfe. Eine überregionale Plattform zur Einbeziehung von Experten bietet die von Dr. Bernhard Bremberger betreute Mailingliste "NS-Zwangsarbeit"(Externer Link).

Hinsichtlich der Firmen- und Lagerlisten konnte die Koordinierungsstelle auf einen lokalhistorischen Informations-Grundstock aus den Vorarbeiten des Historikerteams zurückgreifen: Dr. Bernhard Bremberger hatte ausführliche Recherchen zu Zwangsarbeiterlagern(Externer Link) vor allem in Neukölln, Kreuzberg und Tempelhof angestellt. Die Berliner Geschichtswerkstatt hatte 1999 eine Datenbank(Externer Link) mit gut 700 Berliner Firmen erstellt, die Zwangsarbeiter beschäftigt hatten. Von 100 Firmen wurde ein heute noch existierender Nachfolger ermittelt. Eine Standardquelle für den Nachweis von Zwangsarbeiterlagern ist der "Kubatzki" [5]. Der weitere Ausbau dieses Fundus' und seine elektronische Erschliessung bildeten den zweiten Schwerpunkt der Quellenrecherche neben dem Bereich der personenbezogenen Quellen.

Um die neu aufgefundenen Quellen für die Einzelfallbearbeiter nutzbar zu machen, entstand eine Recherche-Datenbank mit vier Listen als den zentralen Komponenten: Namen ehemaliger Zwangsarbeiter; Zwangsarbeiterlager; Firmen, bei denen Zwangsarbeiter arbeiten mussten; Quellenbestände bzw. Ansprechpartner für die weitere Recherche.

Diese Listen enthalten je nach ausgewerteter Quelle detaillierte Angaben, die auch über eine Volltextsuche zugänglich sind. In die Lagerliste sind beispielsweise unter anderem eingetragen: genaue Lagerbezeichnung, Adresse, Betreiber, Belegung sowie diverse weitere Angaben wie Nutzung, Ausstattung, besondere Ereignisse. Dank der Volltextsuche können auch solche Lager identifiziert werden, zu denen in den Angaben zum Verfolgungsweg nur stichwortartige, teilweise kryptische Andeutungen enthalten sind, bei denen eine Recherche in einer alphabetisch geordneten Liste nicht möglich wäre.

Kontakt

Landesamt für Bürger-
und Ordnungs-
angelegenheiten
Abt. I, Koordinierungsstelle zur Ausführung des Bundesgesetzes zur Errichtung einer Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft"
Fehrbelliner Platz 1
10707 Berlin