Veranstaltungsreihe 2008

Am Vorabend der Friedlichen Revolution.

Berlin 1988

Berliner Landesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.

Ende des Jahres 1987 hatte sich in aller Deutlichkeit gezeigt, dass die SED-Führung keineswegs bereit war, den wachsenden Forderungen nach einer Demokratisierung der DDR zu entsprechen. Dieses Phänomen setzte sich auch 1988 fort: International standen die Zeichen auf Entspannung, im selbst ernannten “Arbeiter- und Bauernstaat” verhärteten sich die Fronten hingegen immer mehr. Zu keinem Zeitpunkt gelang es der Monopolpartei dabei, effektive Strategien zur Sicherung der eigenen Macht zu entwickeln. Im Gegenteil. Wie bisher setzte man auf Repression, Gewalt und den allgegenwärtigen Überwachungsapparat. Damit aber vertiefte sich die Kluft zwischen Herrschenden und Gesellschaft, auch wenn weiterhin nur wenige bereit waren, sich aktiv gegen die Missstände zu engagieren.

In der Veranstaltungsreihe soll aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert werden, warum die DDR des Jahres 1988 bei oberflächlicher Betrachtung noch immer einen stabilen Eindruck machte, obwohl die Probleme deutlicher als bisher sichtbar wurden und sich die allgemeine Lethargie nachhaltig verstärkte. Wie lässt sich diese Ruhe vor dem Sturm erklären? Welche Faktoren trugen dazu bei, dass nur wenige Monate später eine Friedliche Revolution die gewohnten Verhältnisse ebenso schnell wie gründlich hinwegfegen konnte? Diese und weitere Fragen werden am Beispiel wichtiger Teilbereiche der Gesellschaft erörtert. Die Bedeutung der West-Medien wird in diesem Zusammenhang ebenso zur Sprache kommen wie das Spannungsfeld zwischen Opposition und Ausreisebewegung und das sich wandelnde Selbstverständnis der Kirchen.

30. Januar 2008

Umsturzhelfer West-Medien?
Die Rolle der West-Korrespondenten in der DDR

Westliche Medien stellten in den 1980er Jahren einen wesentlichen Schutz für die Opposition in der DDR dar. Sie waren zudem die wichtigste Informationsquelle und ein entscheidender Informationsträger für die Bevölkerung der DDR. Wie gelang es der Opposition und den westlichen Korrespondenten, trotz totaler Überwachung Texte, Audio- und Filmmaterial in den Westen zu schmuggeln? Unter welchen Bedingungen arbeiteten die Korrespondenten in der DDR? Und wie kam ein Bürger der Bundesrepublik auf die Idee, in der DDR arbeiten zu wollen?

mit:

  • Hans-Jürgen Börner
  • Dieter Rulff
  • Siegbert Schefke
  • Klaus Schroeder
  • Ulrich Schwarz

Moderation:
Peter Wensierski

26. März 2008

Der Letzte macht das Licht aus!
Das Spannungsverhältnis zwischen Opposition und Ausreise

Für viele Menschen wurde es in der DDR in den 1980er Jahren immer unerträglicher, sie sahen für sich keine Perspektive mehr. Die einen wollten das System ändern, für andere schien das nicht möglich. Sie wollten das Land verlassen. Gemeinsam war ihnen, dass sie jeweils Verbündete mit gleichen Zielen suchten. Es gab nur wenige, die den Mut fanden, sich zu organisieren. Noch schwieriger gestaltete sich das Zusammengehen von Ausreisern und Oppositionellen, obwohl auch von denen viele ausreisten. Mit den Verhältnissen hatten beide Strömungen gebrochen und ein gemeinsames Ziel war immerhin das individuelle Selbstbestimmungsrecht. SED und MfS seinerseits versuchten alles, um Antragsteller auf Ausreise und Opposition zu isolieren und Konflikte zu verschärfen. Was aber waren die eigentlichen Gründe, die ein gemeinsames Handeln erschwerten? Welche Rolle spielten beide Gruppen für den Sturz des Regimes? Solche und andere Fragen diskutieren die Zeitzeugen im Podium.

Einführungsreferat:
Reinhard Schult (LStU / Neues Forum Berlin)

Podiumsteilnehmer:

  • Günter Jeschonnek (Arbeitsgruppe für Staatsbürgerschaftsrecht der DDR)
  • Dr. Hans-Jürgen Fischbeck (Initiative Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung)
  • Wolfgang Templin (Initiative Frieden und Menschenrechte)
  • Wolfgang Rüddenklau (Umwelt Bibliothek Berlin)

Moderation:
Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk (BStU)

In Kooperation mit der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und der Gedenkstätte Berliner Mauer

28. Mai 2008

Das Ende der “Kirche im Sozialismus”

Seit Beginn der 1970er Jahre war die Formel “Kirche im Sozialismus” prägende Standortbestimmung der evangelischen Kirchen in der DDR, auch wenn sie nie kritiklos blieb. Die Kirche stand 1988 mitten in der DDR-Gesellschaft, die von zunehmenden Konflikten gekennzeichnet war. Gemeindegruppen oder andere Initiativen meldeten sich immer deutlicher zu Wort. Die Auseinandersetzungen zwischen SED und Kirche spitzten sich zu. Dies führte auch zu neuen grundsätzlichen Debatten über die Stellung der Protestanten und ihrer Kirche in der DDR. Bei der Veranstaltung sollen Hintergründe und Folgen dieser Entwicklung differenziert betrachtet und erörtert werden.

Einführungsreferat:
Prof. Dr. Richard Schröder (Humboldt-Universität zu Berlin)

Podiumsteilnehmer:

  • Ingrid Albani (1988 Pfarrerin und Mitglied der Bundessynode)
  • Stephan Bickhardt (1988 Vikar)
  • Wolfram Hülsemann (1988 Stadtjugendpfarrer)
  • Richard Schröder (1988 Dozent am Sprachenkonvikt)

Moderation:
Markus Meckel (MdB; 1988 Pfarrer)

In Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin

Mitte 1988 hatte sich die wirtschaftliche Situation in der DDR spürbar zugespitzt. Versorgungsengpässe erregten den Unmut der Bevölkerung. Doch die SED-Führung lehnte jede Reform ab und verbreitete weiter Erfolgsmeldungen. Während in der Sowjetunion unter Gorbatschow eine gesellschaftliche Umgestaltung im Gange war, sollte in der DDR alles beim Alten bleiben. Die Kritik an der greisen SED-Führung und ihrer politischen Unbeweglichkeit wuchs. Die Opposition hatte Zulauf. Auch die Zahl der “Ausreiser” stieg immer weiter an. Die SED-Spitze und ihre Staatssicherheit waren nicht in der Lage, das sich aufstauende Konfliktpotential abzubauen. Doch Überwachung und Kontrolle konnten politische Konzepte nicht ersetzen.

Die Veranstaltungen dokumentieren das Geschehen in der zweiten Hälfte des Jahres 1988. Die Opposition ließ die Lethargie nach der Luxemburg-Liebknecht-Demo hinter sich. Es erfolgte eine Neuformierung, die sich bis in die Jahre 1989/90 auswirken sollte. Das Verbot der sowjetischen Zeitschrift “Sputnik” im November unterstrich nochmals die Reformunwilligkeit der SED. Selbst in den eigenen Reihen hagelte es Kritik. Auch in West-Berlin war es mit der Ruhe vorbei. Erstmals regierte eine rot-grüne Koalition. Die Besetzung des Lenné-Dreiecks an der Mauer zeigte, dass die Teilung der Stadt keineswegs hermetisch war. Noch schien Ruhe zu herrschen, doch diese Ruhe war trügerisch.

24. September 2008

Neuorientierung der Opposition nach der Luxemburg-Liebknecht-Demo

Nach der Luxemburg-Liebknecht-Demo vom Januar 1988 gelang es der Staatssicherheit zum letzten Mal, in Teilen der DDR-Opposition Verunsicherung und Resignation zu erzeugen. Doch schon Mitte 1988 begann eine Neuorientierung der Opposition, die von nun an immer offener auftrat. Zwar war es noch ein langer Weg bis zum Herbst 1989, aber schon Mitte 1988 zeichnete sich die Herausbildung jener unterschiedlichen Gruppierungen ab, die im Zuge der Friedlichen Revolution hervortraten. Vier damalige Akteure diskutieren über die Perspektiven und Strategien, aber auch die Defizite und Irrtümer der Opposition ein Jahr vor der Friedlichen Revolution.

mit:

  • Martin Gutzeit
  • Rudi Pahnke
  • Ulrike Poppe
  • Hans-Jochen Tschiche

Moderation:
Dieter Rulff (“Radio Glasnost”)

12. November 2008

“Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!” – Glasnost, Perestroika und das Sputnik-Verbot in der DDR

Das Auslieferungsverbot der sowjetischen Zeitschrift “Sputnik” in der DDR Ende November 1988 war ein deutliches Zeichen der zunehmenden Entfremdung zwischen DDR-Führung und Michail Gorbatschow. Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Veränderung) verbanden sich auch in der DDR-Bevölkerung mit der Hoffnung auf Umgestaltung. Das nahm die SED-Spitze als so bedrohlich wahr, dass sogar eine Zeitschrift verboten wurde, die darüber berichtete. Die daraus resultierenden Spannungen durchzogen die ganze ostdeutsche Gesellschaft. Selbst in der SED und ihrer Bürokratie setzten heftige Diskussionen ein. Die Opposition konnte die Parole “Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!” nun gegen die Betonköpfe im eigenen Land wenden.

mit:

  • Dr. Dietmar Keller (Stellvertretender Kulturminister der DDR 1984-89)
  • Dr. Tatiana Timofeeva (Historikerin, Moskau)
  • Arnold Vaatz, MdB (DDR-Bürgerrechtler)
  • Dr. Stefan Wolle (Historiker)

Moderation:
Hans-Joachim Lorenz (Journalist)

Musikalische Umrahmung:
Ekkehard Maaß singt Lieder von Bulat Okudschawa

In Kooperation mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

10. Dezember 2008

Ruhe vor dem Sturm? Berlin 1988

Die Veranstaltung zieht eine politische Bilanz des Jahres 1988, wagt aber auch einen Ausblick auf die Friedliche Revolution 1989. Im Osten der Stadt trat die Opposition immer offener auf. Risse im Gebäude der SED-Diktatur wurden sichtbar. Im Westen standen Wahlen zum Abgeordnetenhaus bevor, bei der SPD und Alternative Liste überraschend siegten. 1989 etablierte sich darauf erstmals eine rot-grüne Koalition. Unterdessen brachte die Besetzung des Lenné-Dreiecks das Grenzregime an der Mauer durcheinander. Der wirtschaftliche Niedergang im Osten schritt voran, und das Insel-Idyll im Westen erwies sich als immer weniger haltbar. Protestformen des Westens tauchten im Osten auf, was den Westen irritierte. Gerade solchen Phänomenen geht die Veranstaltung nach.

Einführend werden fotografische Schlaglichter auf Ost- und West-Berlin im Jahr 1988 von Elena Demke (Referentin beim Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen) präsentiert.

Danach diskutieren:

  • Walter Momper (1988 Fraktionsvorsitzender der SPD im Abgeordnetenhaus)
  • Wolfgang Rüddenklau (1988 Umwelt-Bibliothek)
  • Reinhard Weißhuhn (1988 Bürgerrechtler)
  • Wolfgang Wieland (1988 Fraktion der Alternativen Liste im Abgeordnetenhaus)

Moderation:
Dr. Jens Schöne (Stellvertretender Berliner Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen)

In Kooperation mit der Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Veranstaltungen außerhalb der Veranstaltungsreihe:

7. Oktober 2008

Dr. Walter Linse und der Umgang mit der historischen Wahrheit –
Präsentation der Biographie und Podiumsdiskussion

Dr. Walter Linse wurde 1952 von der Staatssicherheit aus West-Berlin entführt. Nach Verhören in Berlin-Hohenschönhausen und -Karlshorst verurteilte ihn ein sowjetisches Militärtribunal zum Tode. Die Erschießung folgte in Moskau. Vor dem Rathaus Schöneberg demonstrierten Zehntausende für Linse. Ernst Reuter hielt eine flammende Rede.
55 Jahre später löste der Fall eine heftige Kontroverse aus. Denn vor seinem antikommunistischen Engagement war Linse bis 1945 mit der “Arisierung” befasst. Jetzt liegt eine neue Biographie des Historikers und Juristen Dr. Klaus Bästlein vor. Sie analysiert auf der Grundlage bisher nicht berücksichtigter Akten insbesondere die Tätigkeit Linses vor 1945. So hatte er ab 1938 die jüdischen Betriebe in und um Chemnitz liquidiert.

Begrüßung:
Dr. Jens Schöne (Stellvertretender Berliner Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen)

Einführungsreferat : Dr. Klaus Bästlein (Referent beim Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen)

Podiumsteilnehmer:

  • Benedict Maria Mülder (Journalist beim RBB)
  • Prof. Dr. Johannes Tuchel (Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand)
  • Dr. Falco Werkentin (1993 bis 2007 Stellvertretender Berliner Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen)

Moderation:
Monika Nöhre (Präsidentin des Kammergerichts)

25. bis 26. November 2008

Opposition und SED in der Friedlichen Revolution -
Organisationsgeschichte der alten und neuen politischen Gruppen in der Friedlichen Revolution 1989/90

Aus der kleinen “oppositionellen Szene” der DDR entwickelten sich seit dem Frühjahr 1989 verschiedene politische Initiativen, Gruppierungen und Parteien. Anfang Oktober erklärten sie, bei der nächsten Volkskammerwahl antreten zu wollen – wenn möglich, gemeinsam. Auch die “alten Mächte” veränderten sich oder wurden entmachtet. Die rasant wachsende Demokratiebewegung fegte die bestehenden Verhältnisse in wenigen Monaten hinweg.
Die Vorgänge werden auf der Tagung im Wechsel von Vorträgen ausgewiesener Wissenschaftler und Diskussionen der aktiv Beteiligten untersucht. Wie kam es zur Formierung der unterschiedlichen Gruppierungen? Wie entwickelten sie sich bis zum Fall der Mauer? Welche Perspektiven ergaben sich daraus? Welche Rolle spielte der Zentrale Runde Tisch? Was geschah im Vorfeld der Volkskammerwahlen vom 18. März 1990? Wie stand die DDR-Opposition zur deutschen Einheit? Und was bedeutet die Friedliche Revolution für die politische Kultur des vereinigten Deutschland?

Tagung in Kooperation mit der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien e.V. und mit der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik.