Toywheel-Gründer Evgeni Kouris

Toywheel-Gründer Evgeni Kouris

Evgeni Kouris führt mit Toywheel klassische Spielzeuge in die digitale Gegenwart. Wir haben ihn in Berlin getroffen.

Evgeni Kouris

© Toywheel

Evgeni Kouris

Berlin gilt auch als StartUp-Hauptstadt – Was glauben Sie warum so viele Gründer nach Berlin kommen?

Berlin galt schon immer als Kreativ-Hauptstadt Deutschlands, die viele Künstler angezogen hat, nicht zuletzt weil es sich in Berlin mit recht wenig Geld gut leben lässt. Ich bin seit 2004 als Musiker bei Timid Tiger bereits viel in Berlin gewesen und dann unterschrieben wir in 2010 den Vertrag bei FourMusic / Sony. Spätestens seitdem habe ich über einen Umzug nach Berlin nachgedacht, doch damals konnte man von der Startup-Szene noch nicht viel spüren. Allerdings hat sich Berlin in den letzten 3 Jahren stark gewandelt und bietet nun ein einzigartiges Ökosystem, um an neuen Startup-Ideen zu arbeiten - man braucht schlussendlich nur ein Ticket für die U8, um Tausende spannende Startup-Founder zu treffen. Die Popularität von Berlin als Trend-Setter im internationalen Vergleich, aber auch solche neuen internationalen Event-Formate wie hy! Berlin helfen stark Talente aus dem Ausland zu gewinnen und eine Brücke zwischen Silicon Valley und Berlin zu bauen.

Inwieweit beeinflusst die Atmosphäre der Stadt Ihre Arbeit hier?

Die Stadt Berlin ist und war schon immer eine große Inspirationsquelle für mich. Neben der Inspiration aus der Kreativwirtschaft, der Startupszene und den unzähligen Events, fühle ich mich in Berlin auch persönlich sehr wohl. Ich bin in Russland geboren und mit meiner Familie nach Deutschland gekommen als ich 15 Jahre alt war. Die Zäsur des Umzugs vergesse ich in Berlin fast gänzlich, denn Berlin verbindet die östlichen und westlichen Kultureinflüsse, die ich in meinem Leben gleichwohl erleben durfte, auf einzigartige Art und Weise und lässt vor allem hohe Authentizität zu. Einen Nachteil hat Berlin allerdings auch - es gibt sehr viel “Luft” und Bewegung, so dass man selber aufpassen muss den Fokus nicht zu verlieren.

Ihr persönlicher Lieblingshotspot in der Stadt? Wo halten Sie sich gern auf?

Am liebsten bin ich in Kreuzberg. Wir arbeiten seit der Zeit bei hub:raum (Accelerator der Deutschen Telekom) im Betahaus, Nähe Moritzplatz. Mittlerweile haben wir uns an die “Familie” aus Startup-Founders und Freelancern, die auf 4 Etagen und auf 2000 Quadratmeter neue Ideen brüten - umsorgt vom engagierten Betahaus-Team - sehr gewöhnt. In Kreuzberg ist alles noch ziemlich alternativ im Vergleich zu Mitte oder Charlottenburg - das imponiert meiner Künstler-Seele sehr und ermöglich auch günstig mit Team lunchen zu gehen! Der Kaffee schmeckt allerdings besser im Modulor um die Ecke vom Betahaus, dabei kann man auch die brandneuen 3D-Drucker dort in der neuen Werkstatt ausprobieren und sich von der Kreativwelt verführen lassen.

Weiterhin mag ich das “Kater Holzig” sehr gerne - auch wenn es leider nun die Location gewechselt hat - und möchte die historischen Flügel und klassischen Konzerte aus der Klavierwerkstatt in den Uferhallen in Wedding nicht missen. Wenn es ums Essen geht dann gehe ich sehr gern zum “Punk-Italiener” Il Casolare in dem Gräfekiez - das war schon immer so eine Tradition meiner Band, jedes Mal wenn wir ein Konzert in Berlin gespielt haben. Neulich habe ich die PLATOON Kunsthalle durch die MakeTechX Konferenz für mich entdeckt und mag die Location sehr. Zuletzt, wenn es mal raus aus der Digitalwirtschaft gehen soll, entfliehe ich für einen langen Spaziergang in den Tiergarten und schaue im Café am Neuen See vorbei, um sich an “das andere Leben” und die Zeiten in München und Düsseldorf zu erinnern.

Können Sie die Idee, die hinter Toywheel steht, in drei Sätzen beschreiben?

Toywheel ist ein Berliner Entwicklungsstudio für Digital Toys, das sich zum Ziel gesetzt hat,
das intuitive Erlebnis von klassischen Spielzeugen in die digitale Gegenwart zu führen, oder in kurz “Toywheel = Toys Reimagined”. Unsere Toys setzen da an, wo traditionelle Spielzeuge an ihre Grenzen geraten, sind dabei aber nicht mit herkömmlichen Online-Games zu vergleichen: Toywheel Apps sind nicht ziel- oder gewinnorientiert, sondern können endlos oft und anders genutzt und gespielt werden. Eigens für Kinder kreiert und designed, verknüpfen die Toywheel Apps die reale und virtuelle Welt und erzeugen mit Smartphones und Tablets eine Spielerfahrung, die vollkommen frei, instinktiv und haptisch ist.

Wie groß ist Ihr Team?

Derzeit sind wir zu viert, wobei wir das Team gerade nach einer Pivot-Phase erst neu aufgestellt haben, um Fokus auf Engineering und Game Design & Development zu legen. Mit zwei Vätern wollen wir sowohl auf Entwicklerseite als auch auf persönlicher Ebene wichtiges Knowhow einfließen lassen. Deshalb bin ich sehr froh, mit Christian Bittler als Mitgründer und Marjan Plöderl als Head of Engineering insgesamt über 40 Jahre Erfahrung in der Spiel- und IT-Industrie für Toywheel dazu gewonnen zu haben.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?

Der typische Alltag fängt für die Toywheeler damit an, dass sie die Kinder in die Kita bringen! Also, im Ernst: Uns ist es von Anfang an sehr wichtig gewesen ein Umfeld zu schaffen, in dem ein Eltern-Dasein zur Normalität gehört. Wir gehen recht flexibel mit Arbeitszeiten um und treffen uns teils erst nach 9:30 im Betahaus, um die aktuellen Herausforderungen / Neuigkeiten zu besprechen. Oft verzichten wir dafür auf den Lunch, um mehr Zeit am Abend mit unseren Familien verbringen zu können – dabei werden die neuen Entwicklungen auch direkt ausprobiert, das liefert uns wertvolles Feedback der Kinder. Auch wird ab und zu ganz von zu Hause gearbeitet - da alle extrem motiviert sind und wir die Vorteile des kleinen Startup-Kernteams genießen, haben wir nicht viele feste Strukturen, um Arbeit zu kontrollieren bzw. kaum längere Meetings – stattdessen arbeiten alle eigenverantwortlich an den entsprechenden Bereichen und wir geben uns gegenseitig täglich Feedback zu den neuesten Entwicklungen.

Womit verdient Toywheel Geld?

Toywheel verdient Geld mit Verkauf von Digital Toys und vertreibt diese momentan als Mobile Apps über die bestehenden App Stores. Manche Toys gibt es auch kostenfrei, zum Beispiel das erste Toy Car RC. Die kostenlosen Toys haben den Zweck, Kinder und Eltern vom Konzept der Digital Toys zu begeistern, darum haben sie bereits alle erforderlichen Spielelemente in sich, um ein langanhaltendes Spielerlebnis zu garantieren. Wir verzichten bewusst auf In-App-Käufe – ein Mal gekauft, gibt es alle Erweiterungen des Toys „for free“. Im Laufe der nächsten Monate werden wir weitere Digital Toys releasen. Wir werden zusätzliche Einnahmequellen testen, wie zum Beispiel den Verkauf von physischen Ergänzungen zu den Spielen (z.B. gedruckte Targets oder 3D-gedruckte Modelle). Mittelfristig wollen wir das Wissen aus dem kreativen Umgang mit Augmented Reality auf weitere Markt-Segmente anwenden. Wir glauben, dass wir in der Zukunft digitale und physische Welten noch stärker verschmelzen werden, so dass alle Sinne aus der physischen Welt in die Digitale intuitiv einbezogen werden können.

Wie sind Sie auf die Idee zu Toywheel gekommen?

Aus unseren bisherigen Erfahrungen mit der DIY-IdeenPlattform ist uns eine Sache bewusst geworden: Kinder wollen digitale Welten genau so interaktiv kennenlernen wie die echte
physische und machen da keinen großen Unterschied. Darum wollen wir es ermöglichen, beide Welten in eine große, intuitive Spielwiese zu verwandeln. Unser langfristiges Ziel ist, alles, was gesehen, gehört oder gefühlt werden kann bzw. über menschliche Sinne wahrgenommen wird ¬ reale Gegenstände, Geräusche, Zeitveränderungen, Wetter ¬im virtuellen Erlebnis widerzuspiegeln und kinderleicht aufzubereiten. Dabei verfolgen wir eine große Vision: Kindern Wurzel und Flügel zu geben, durch einen intuitiven, imaginativen und sicheren Zugang zu neuen Technologien in Verbund mit der physischen Welt.

Wenn Sie jungen Gründerinnen und Gründern einen Tipp geben könnten, welcher wäre das?

Eigentlich klingt es in der Theorie ganz einfach – man muss nur drei Schritten folgen, um ein Distruptive Startup zu gründen. Zuerst sollte man eine große Vision entwickeln, an die man stark glaubt. Als nächstes sollte man die Vision in kleine umsetzbare Schritte zerteilen und dann zuletzt mit der Umsetzung des ersten Schrittes so schnell und effizient wie möglich zu beginnen. Nachdem die Ergebnisse aus der Umsetzung des ersten Schrittes vorliegen, passt man die Schritte aus dem Gelernten an und setzt die Umsetzung fort. In der Praxis – gibt es viele Dinge, die schief gehen können: von einer Vision, die zu weit weg von der Realität ist bis zu einzigartigen Expertise, die für die Umsetzung fehlt. Aber, bevor man es nicht ausprobiert hat, wird man es nie wissen, was genau schief gehen wird. Darum gibt es nur einen Tipp für die jungen Gründer: „Thing big, act small - but start!“

Was ist neben Ihrer Idee das nächste große Ding im Internet?

Die Menge der Daten im Internet wächst weiterhin exponentiell an. Laut CISCO soll in 2016 1.3 Zettabyte (eine Zahl mit 20 Nullen) allein über die Leitungen fließen, dass die gesamten gespeicherten Daten einen Yottabyte erreichen ist nur eine Frage der Zeit. Die nächste große Frage ist: Wie leitet man aus diesen ganzen Daten sinnvollen und relevanten Output und wie verbindet man diesen intuitiv und personifiziert mit der physischen Welt? Dabei sind neben Augmented Reality, die Entwicklungen im Bereich Artificial Intelligence, Machine Learning, sowie Robotik und Hardware Prototyping - z.B. mithilfe von Arduino / UDOO in Kombination mit günstigen 3D-Druckern - spannend.

Aktualisierung: Donnerstag, 18. Februar 2016 17:02 Uhr

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