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Bioindikatoren 1991

Kartenbeschreibung

Karte 03.07.1: Kartierung der Flechtenvegetation

Die Karte gibt die Ergebnisse der Flechtenkartierung entsprechend der Bewertungsskala der VDI-Richtlinie 3799 Blatt 1 wieder (vgl. Tab. 1). Die Stufe “extrem hoher” Belastung (Luftgüteklassen 1 und 2) ist durch das weitgehende Fehlen einer natürlichen Flechtenvegetation gekennzeichnet. In diesen Bereichen kommt nur die außerordentlich toxitolerante Krustenflechte Lecanora conizaeoides häufig vor. In der Zone “sehr hoher” Belastung (Luftgüteklassen 3, 4 und 5) kommen neben Lecanora conizaeoides nur wenige, meist geschädigte Blattflechten in geringer Anzahl vor. Etwas höhere Artenzahlen und Deckungsgrade sind erst in der Zone “hoher” Belastung (Luftgüteklassen 6, 7, 8 und 9) nachzuweisen. Die in der o.a. VDI-Richtlinie definierten Bereiche mit “mäßiger”, “geringer” und “sehr geringer” Belastung sind innerhalb des Untersuchungsgebietes, das u.a. den gesamten Raum nördlich von Berlin bis zur Landesgrenze Brandenburgs zu Mecklenburg-Vorpommern umfaßt, nicht vorhanden. Innerhalb der drei Hauptbelastungszonen, die farblich differenziert sind, konnten neun Luftgüteklassen unterschieden werden, die u.a. eine besondere Belastung im innerstädtischen Bereich deutlich machen (Luftgüteklasse 1). Dort war selbst die toxitolerante Flechte Lecanora conizaeoides in Häufigkeit und Vitalität deutlich beeinträchtigt.

Neben der Erfassung der Flechtenvegetation an standardisierten Trägerbäumen erfolgten umfassende Stichproben-Untersuchungen der Flechtenflora des Gebietes. Die ermittelten Daten unterstreichen die o.a. Befunde in eindrucksvoller Weise. So können nur ca. 20 % der nachgewiesenen Arten als häufig bezeichnet werden. Es besteht ein offensichtliches Ungleichgewicht zwischen wenigen toxitoleranten Arten, die weit verbreitet sind, und einer großen Zahl empfindlicherer Arten, die nur vereinzelt nachzuweisen sind.

Die in Karte 03.07.1 dokumentierten Belastungszonen finden ihren Ausdruck auch in der Verbreitung der einzelnen Arten. Potentiell häufige Arten, wie die Strauchflechte Evernia prunastri, können im Untersuchungsgebiet nur in den geringer geschädigten Gebieten nördlich von Berlin existieren (vgl. Abb. 2). Mäßig empfindliche Arten, wie die in Deutschland sehr häufige Blattflechte Parmelia sulcata, sind auch im Untersuchungsgebiet weit verbreitet, können jedoch die städtischen Bereiche, deren Randzonen und insbesondere den stärker immissionsbelasteten Süden von Berlin nur sporadisch besiedeln.

Abb. 2: Verbreitung von Flechten [Evernia prunastri (a), Parmelia sulcata (b)] im Raum Berlin/Brandenburg 1991
Abb. 2: Verbreitung von Flechten [Evernia prunastri (a), Parmelia sulcata (b)] im Raum Berlin/Brandenburg 1991
Bild: Linders 1991

Zusammenfassend ist festzustellen, daß sich der größte Teil des Untersuchungsgebietes unter dem Einfluß erheblicher Schadstoffimmissionen befindet. Die Ausprägung einer natürlichen Flechtenvegetation ist insbesondere südlich der Linie Neuruppin – Angermünde nicht möglich. Damit unterliegen die gesamte Stadt Berlin und ihr näheres Umland einer lufthygienischen Belastung, die gemäß VDI 3799 Blatt 1 mit “sehr hoch” bzw. “extrem hoch” zu kennzeichnen ist. Innerhalb der Innenstadtbezirke Berlins ist die Ausprägung einer besonders belasteten Zone festzustellen (vgl. Rabe u. Beckelmann 1987).

Der Norden des Untersuchungsgebietes ist trotz der relativen Artenvielfalt keineswegs als Reinluftgebiet zu bezeichnen. Die hier nachgewiesenen Flechtenvorkommen bilden spärliche Relikte einer früher reichhaltigeren Vegetation. Sie befinden sich unter dem Einfluß von Fernimmissionen, die bei empfindlichen Arten zu makroskopisch sichtbaren Schäden führen und eine Reproduktion nur an besonders günstigen Wuchsorten zulassen.

Besonders hervorzuheben ist das großräumige Gefälle der lufthygienischen Situation zwischen dem geringer belasteten Norden und dem stark belasteten Süden sowie der Mitte des Untersuchungsgebietes. Der ermittelte Luftqualitätsgradient scheint nur teilweise auf den Einfluß des Berliner Ballungsraumes zurückzugehen, da zwischen dem Stadtzentrum und dem Umland vor allem im Süden nur geringe Unterschiede festzustellen sind. So muß vielmehr angenommen werden, daß die Flechtenvegetation im Berliner Umland zusätzlich durch Fernimmissionen erheblich beeinträchtigt wird.

Im Vergleich zu einer methodisch vergleichbaren Kartierung des Landes Hessen (Kirschbaum u. Windisch 1995) fällt auf, daß dort keine Bereiche “extremer Belastung” ermittelt wurden, daß jedoch mehr als zwei Drittel aller Untersuchungsstationen den im Berliner Raum ausschließlich vertretenen Belastungsstufen “sehr hoch” und “hoch” zuzuordnen sind. Große Teile des Berliner Umlandes können aufgrund der Flechtenvegetation deshalb lufthygienisch mit dem Rhein-Main-Gebiet und Nordhessen verglichen werden.

Es ist hervorzuheben, daß die Beurteilung der natürlichen Flechtenvegetation vor allem Aussagen über die Immissionsbelastung der jüngeren Vergangenheit ermöglicht. Da Flechten trotz der Verbesserung der Luftgüte das Berliner Gebiet nur langsam wiederbesiedeln, wird durch die vorliegenden Daten eine Situation dokumentiert, die der aktuellen Schadstoffbelastung nicht mehr entspricht. Es ist anzunehmen, daß mit der gegenwärtigen Verminderung der Emissionen mittelfristig eine Erholung der Flechtenbestände eintritt, sofern nicht neue Emissionsquellen an Bedeutung gewinnen. Um derartige Wiederbesiedlungsprozesse und die damit verbundene Verbesserung der Luftqualität nachvollziehen zu können, sind regelmäßige Nachkartierungen erforderlich.

Karte 03.07.2: Exponierung von Hypogymnia physodes

Die Blattflechte Hypogymnia physodes weist in der Untersuchungsperiode 1991/1992 Absterberaten des Thallus von 0 – 19 % auf. Da Anfang der 80er Jahre bei einer vergleichbaren Untersuchung in West-Berlin noch Absterberaten von 42 – 87 % ermittelt worden waren (vgl. Cornelius et al. 1984), kann von einer deutlichen Verbesserung der lufthygienischen Situation innerhalb der letzten Dekade ausgegangen werden (vgl. Abb. 3).

Abb. 3: Thallus-Absterberate von Hypogymnia physodes im Stadtgebiet von Berlin seit 1981/82
Abb. 3: Thallus-Absterberate von Hypogymnia physodes im Stadtgebiet von Berlin seit 1981/82
Bild: nach Cornelius et al. 1984, Mezger 1992, Mezger 1995

Anhand der Absterberaten der Sorale von Hypogymnia physodes im Bereich von 3 – 94 % wird jedoch deutlich, daß im Stadtgebiet weiterhin eine relevante Immissionsbelastung vorliegt. Die niedrigsten mittleren Vitalitätseinbußen wurden 1991/1992 mit 27 % im Umland Berlins verzeichnet, während in der Stadt Berlin mittlere Absterberaten der Sorale von 66 % auftraten.

Diesem räumlichen Muster entsprechen weitgehend die in den exponierten Flechten nachgewiesenen Schwefelgehalte. So treten die Höchstwerte der Schwefelbelastung 1991/1992 mit 2,3 g/kg TS in den innerstädtischen Bezirken mit hohem Anteil an Ofenheizungen auf. Allerdings bestehen zwischen den Meßpunkten in der Stadt Berlin mit 1,9 g/kg TS und dem Umland mit 1,8 g/kg TS nur sehr geringe Unterschiede. Ein Vergleichsstandort ca. 70 km nördlich von Berlin wies mit 1,4 g/kg TS eine geringere Hintergrundbelastung auf.

Für die gegenüber SO2 im Vergleich mit dem Flechtenthallus wesentlich empfindlicheren Sorale von Hypogymnia physodes sind deutliche Immissionswirkungen nachzuweisen. Erhöhungen des Schwefelgehaltes von Hypogymnia physodes in Berlin belegen den nachteiligen Einfluß der Schwefelverbindungen auf die Vitalität der Flechte. Zwischen den Konzentrationen von SO2 und Schwebstaub in der Luft einerseits und dem Vitalitätsgrad von Soralen bzw. dem Schwefelgehalt des Flechtenthallus andererseits bestehen hochsignifikante Korrelationen (Mezger 1992).

Während in Berlin hohe Schwefelanreicherungen im Flechtenthallus mit hohen Schädigungsgraden der Sorale zusammentreffen, fällt auf, daß im Umland bei ebenfalls hohen Schwefelgehalten meist nur eine geringe Schädigung auftritt. Diese wenig ausgeprägten räumlichen Unterschiede der Schwefelgehalte von Hypogymnia physodes lassen zwei unterschiedliche Quellen von Schwefel vermuten: Die erhöhten Schwefelgehalte im Flechtenthallus an Standorten in Berlin können auf höhere SO2-Immissionen zurückgeführt werden, wohingegen die höheren Schwefelgehalte der Flechten im Umland durch Ammoniumsulfateinträge aus der Landwirtschaft verursacht sind. Unmittelbar toxisch wirkt auf Hypogymnia physodes jedoch nur die gasförmige Belastung durch SO2, so daß im Umland trotz hoher Schwefeleinträge aus Düngern während der Expositionszeit eine vergleichsweise hohe Vitalität der Flechten verzeichnet werden kann.

Nach VDI 3799 Blatt 2 sind Schäden an Blättern bzw. Nadeln von höheren Pflanzen dann zu erwarten, wenn der Flechtenthallus Absterbegrade von 10 – 35 % aufweist (vgl. Tab. 2). Dieser Schwellenwert wurde 1991/1992 noch an vier Meßstationen im Stadtgebiet von Berlin überschritten. An folgenden innerstädtischen Meßpunkten ist demnach eine Gefährdung von Nutz- und Zierpflanzen durch winterliche Immissionen möglich gewesen: Mariendorf, Karlshorst, Friedrichshain und Hellersdorf.

Die ausgeprägten Schädigungen der Sorale an Meßpunkten der höchsten Schädigungsklassen lassen immer noch eine starke Beeinträchtigung der Reproduktion von Hypogymnia physodes im Stadtgebiet von Berlin vermuten, so daß sich diese im Umland verbreitete Art in der Stadt nicht ansiedeln kann.

Karte 03.07.3: Akkumulation anorganischer Schadstoffe in Kiefernnadeln und Weidelgras

In der Karte werden die Stoffgehalte von Blei und Fluor in Kiefernnadeln (1991) sowie in exponierten Weidelgrasproben (1993) dargestellt. Die Angabe der Schwefelkonzentrationen bezieht sich nur auf die Anreicherung in Kiefernnadeln (1991). Die Werte belegen immissionsbedingte Anreicherungen der Stoffe im gesamten Untersuchungsgebiet, wobei die innerstädtischen Meßpunkte in der Regel erhöhte Konzentrationen aufweisen. Die Anreicherungen im Weidelgras erreichen 1993 allerdings keine Schwellenwerte, die ökotoxikologisch problematisch sind (vgl. Tab. 4).

Die Bleigehalte in Kiefernnadeln zeigen mit einer Wertespanne von 2,0 mg/kg TS am Standort Neuseddin bis zu 15,2 mg/kg TS in Blankenburg eine deutliche Differenzierung. Damit sind nur drei Meßstellen im Umland als unbelastet einzustufen, während das Untersuchungsgebiet insgesamt ein mittleres Belastungsniveau aufweist. Die Zunahme der Gebietsmittelwerte unterstreicht die Zunahme der Konzentrationen vom Umland (6,2 mg/kg TS) über die Außenbezirke der Stadt Berlin (6,9 mg/kg TS) zu den innerstädtischen Meßstellen (8,3 mg/kg TS). Damit ist die Belastung durch dieses Schwermetall trotz der Einführung bleifreien Benzins weiterhin von Bedeutung.

Die Fluorkonzentrationen in Kiefernnadeln liegen zwischen 0,7 mg/kg TS am Flughafen Tegel und 30,6 mg/kg TS in Blankenburg. An 64 % der Meßpunkte wurden geringe (< 10 mg/kg TS) und an 8 % erhöhte Fluorkonzentrationen (> 20 mg/kg TS) festgestellt, während die übrigen Werte im mittleren Bereich lagen. Der Teilgebietsmittelwert der Innenstadtbezirke liegt mit 11,6 mg/kg TS über dem Gesamtgebietsmittelwert von 9,6 mg/kg TS. Die Außenbezirke sind etwa durchschnittlich und das Umland ist unterdurchschnittlich belastet. Im Umland tritt jedoch die größte Variationsbreite unter den Teilgebieten auf, was auf lokale Emissionsquellen schließen läßt. Hinsichtlich der regionalen Verteilung ist insgesamt ein deutlicher Unterschied zwischen der östlichen und der westlichen Hälfte des Untersuchungsgebietes festzustellen: Sowohl im Stadtgebiet als auch im Umland zeigt sich der Ostteil stärker belastet; möglicherweise ist dafür der hohe Anteil von Braunkohle im Hausbrandbereich verantwortlich. Legt man die von Kreutzer (1978) beschriebene phytotoxische Wirkschwelle von 10 mg/kg TS Fluor zugrunde, so liegen die Werte an 36 % der Meßstellen oberhalb dieses Wertes.

Die Schwefelgehalte in Kiefernnadeln liegen im Untersuchungsgebiet zwischen 1 270 mg/kg TS am Standort Siethen und 2 190 mg/kg TS in Zehlendorf. Der Teilgebietsmittelwert der Innenstadt weist mit 1 905 mg/kg TS ein deutlich höheres Niveau als die Außenbezirke (1.744 mg/kg TS) und das Umland (1 621 mg/kg TS) auf. Der Gesamtgebietsmittelwert befindet sich mit 1 725 mg/kg TS bereits im erhöhten Konzentrationsbereich. Regionale Belastungsschwerpunkte sind vor allem in der Innenstadt und in der östlichen Stadthälfte auszumachen. Trotz sich teilweise widersprechender Literaturangaben über die Bewertung der Schwefelkonzentrationen kann festgestellt werden, daß an 83 % der Meßstellen ein Immissionseinfluß zu erkennen ist, während an 11 % sogar nachhaltige Schäden in Form von Zuwachsreduktionen nicht auszuschließen sind.

Die Bleigehalte in Weidelgras weisen eine immissionsbedingte Anreicherung mit hoher räumlicher Variabilität auf. Der Gesamtgebietsmittelwert lag 1993 bei 1,5 mg/kg TS. Mit 1,6 mg/kg TS besteht in den Innenstadtbezirken gegenüber dem Umland (1,3 mg/kg TS) eine etwas höhere Belastung. Vor allem die östlichen Bezirke Berlins sind von erhöhten Bleiimmissionen betroffen. Der Richtwert von 8 mg/kg TS (vgl. Tab. 4) wird jedoch an keiner Meßstelle erreicht, so daß derzeit keine unmittelbare Gefährdung vorliegt.

Die Fluorgehalte in Weidelgras erreichten 1993 im Untersuchungsgebiet Werte zwischen 3,0 mg/kg TS am Meßpunkt Brieselang und 11,2 mg/kg TS am Flughafen Tempelhof. Der Gesamtgebietsmittelwert liegt bei 5,2 mg/kg TS, die Mittelwerte der Meßpunkte im Umland bei 4,6 mg/kg TS, während die Belastung der Innenstadt mit 5,5 mg/kg TS deutlich erhöht ist. Der Grenzwert von 30 mg/kg TS wird nicht erreicht.

Der Vergleich der aktuellen Anreicherung von Schadstoffen in Weidelgras mit Untersuchungen zu Anfang der 80er Jahre (Cornelius et al. 1984), zeigt deutlich, daß die Immissionsbelastung der Stadt Berlin bei bestimmten Stoffen wesentlich abgenommen hat (vgl. Abb. 4). So liegen die ermittelten Maximalkonzentrationen der Bleibelastung 1993 bei 43 %, der Fluorbelastung bei 28 % und der Schwefelbelastung bei 67 % der Werte von 1981. Die Minimalkonzentrationen erreichen 1993 44 % der Fluor-, 73 % der Blei- und 72 % der Schwefelgehalte von 1981. Während 1981 die jeweiligen Schwellenwerte der Schadstoffbelastung noch erreicht bzw. überschritten wurden, liegen die Konzentrationen 1993 auf einem wesentlich niedrigeren Niveau.

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Abb. 4: Schadstoffgehalte in Weidelgras an ausgewählten Meßpunkten im Stadtgebiet von Berlin 1981 und 1993
Bild: nach Cornelius et al. 1984, Kuznik 1993

Trotz der generell verminderten Schadstoffbelastung sind die Immissionsfaktoren Blei und Schwefel hinsichtlich potentiell öko- bzw. phytotoxischer Wirkungen weiterhin von Bedeutung. Auch durch das Element Fluor können an bestimmten Meßpunkten noch Belastungen von Pflanzen entstehen.

Karte 03.07.4: Akkumulation organischer Schadstoffe in Grünkohl

Die Karte zeigt die relative Belastung des Untersuchungsgebietes mit organischen Schadstoffen entlang eines West-Ost-Transektes im Herbst 1993. Die Konzentrationen der untersuchten Stoffe unterstreichen eine erhöhte Belastung der innerstädtischen Bereiche, wobei auch einige Meßpunkte des Umlandes Spitzenwerte aufweisen. Die ebenfalls in den inneren Stadtbezirken erhöhten Kfz-Maßzahlen zeigen einen erheblichen Anteil des Autoverkehrs an der Gesamtbelastung durch PAK.

Die durchschnittliche PAK -Anreicherung war – bezogen auf das Frischgewicht – im Herbst 1993 zwölffach höher als im Sommer des darauffolgenden Jahres, wohingegen die Relationen zwischen den einzelnen Meßpunkten im Sommer 1994 ähnlich wie im Herbst 1993 waren, allerdings auf wesentlich niedrigerem Niveau und ohne die lokalen Maxima. Es läßt sich feststellen, daß im Winterhalbjahr während des Betriebes von Heizungsanlagen die Gefährdung besonders hoch ist und die Auswirkung der herbstlichen hohen Belastung auch in den äußeren Stadtbereichen bzw. dem Berliner Umland zu bemerken war.

Während die PAK-Summenkonzentrationen insgesamt als weniger bedenklich eingestuft werden können, sind die Benz(a)pyren -Gehalte (BaP) kritischer zu bewerten. Bei einer mittleren Konzentration von 12,8 µg/kg TS im Herbst 1993 ist die Belastung für das Gesamtgebiet hoch. Selbst Standorte in einiger Entfernung von der Berliner Stadtgrenze (Falkensee, Seeburg, Altlandsberg, Neuenhagen, Rüdersdorf) zeigten Werte, die in Süddeutschland industriellen Ballungsgebieten zugeordnet werden und an einigen Stellen mehr als doppelt so hoch wie an vergleichbaren Standorten in der Münchener Innenstadt liegen (LfU Bayern 1995). Das hohe Benz(a)pyren-Niveau während der Herbstmonate ist mit der Heiztätigkeit in den Haushalten zu erklären.

Die ermittelten Kfz-Maßzahlen lassen die Unterscheidung von Stationen mit stärkerer und schwächerer Beeinflussung zu. Während der Quotient am Stadtrand und im Brandenburger Umland den Wert von 0,6 nicht überschreitet, treten im inneren Stadtbereich Werte zwischen 0,7 und 1,0 auf. Die höchste Maßzahl wurde mit 0,99 im Sommer 1994 an der Station Charlottenburg in unmittelbarer Nähe der Stadtautobahn ermittelt, die hier von über 150 000 Kraftfahrzeugen pro Tag befahren wird (vgl. Karte 07.01, SenStadtUmTech 1996b).

Die gemessenen PCB -Konzentrationen belegen insgesamt ein mittleres Belastungsniveau für das Untersuchungsgebiet. Die dargestellten Stationswerte zeigen eine fallende Tendenz von der Innenstadt zur Stadtgrenze und besonders im östlichen Bereich eine weitere Abnahme zu den ländlichen Gebieten. Das Mittel der Stationen im Stadtgebiet liegt mit 13,9 µg/kg TS fast doppelt so hoch wie das Mittel der Umland-Meßpunkte mit 7,8 µg/kg TS. Es treten jedoch teilweise ausgeprägte Belastungsunterschiede auf. So erreicht die Konzentration am Standort Charlottenburg mit 90 µg/kg TS das Vierzigfache des Minimumwertes (Standort Falkensee 2,3 µg/kg TS) und das Dreifache des direkt benachbarten, ebenfalls hoch belasteten Standorts Tiergarten (30,8 µg/kg TS). Als mögliche Ursache wird ein Einfluß der Müllverbrennungsanlage Ruhleben vermutet. Neben Charlottenburg sind auch die Stationen Tiergarten und Mitte durch ein erhöhtes Anreicherungsniveau gekennzeichnet, das auf unmittelbar vorbeiführende Hauptverkehrsstraßen zurückgeführt wird.

Die ermittelten PCDD/PCDF -Konzentrationen lassen eine ganzjährige immissionsbedingte Anreicherung bei einer insgesamt mittleren Belastungssituation erkennen, wobei der Schwerpunkt auf den Wintermonaten liegt, in denen dreifach höhere Werte auftreten. Die Konzentrationen im Sommer sind weniger kritisch einzuschätzen, weisen aber ebenfalls auf immissionsbedingte Anreicherungen hin. Lokale Belastungsschwerpunkte mit I-TEQ-Werten (= Internationales Toxizitätsäquivalent) über 3,0 ergaben sich im Herbst 1993 in Haselhorst, Wedding, Hohenschönhausen, Seeburg, Lichtenberg, Hellersdorf und Rüdersdorf. Die Analyse einzelner Dioxin-Verbindungen, die auf spezifische Emittenten hindeuten, ergab einen erhöhten Hausbrandeinfluß an den Meßstellen Tempelhof und Marienfelde sowie Elstal und Kartzow am Westrand des Transektes und ein Überwiegen verkehrsbedingter Dioxin-Immissionen an den Meßstellen Wedding, Weißensee, Hohenschönhausen, Neuenhagen und Werder.

Autobahn-Transekt

Reichweite und Höhe von Straßenverkehrsimmissionen sind an einem Transekt an der Autobahn A 115 südöstlich von Potsdam beispielhaft untersucht worden (vgl. Abb. 5). Entsprechend der Definition der Belastungsstufen ist das 500 m lange Transekt hinsichtlich der PAK-Anreicherung im Grünkohl hoch belastet. Der Mittelwert der PAK-Summe aller zwölf Stationen liegt mehr als 25 % über dem oberen Eckwert der mittleren Belastung (400 µg/kg Frischsubstanz [FS]). Die unerwartet geringe Abnahme der Konzentrationen mit zunehmendem Abstand von der Fahrbahn kann neben der möglicherweise weiten Verfrachtung von Kfz-Abgasen auch mit der Überlagerung durch lokale Emissionsquellen und durch Fernimmissionen erklärt werden.

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Abb. 5: PAK-Summe, Benz(a)pyren und Kfz-Maßzahl im Bereich eines Autobahn-Transekts bei Potsdam im Herbst 1993
Bild: nach TÜV-Umwelt Berlin-Brandenburg GmbH 1995

Der Mittelwert von Benz(a)pyren in zwei bis fünf Meter Entfernung beträgt mit 30 µg/kg FS das Dreifache des oberen Eckwertes der mittleren Belastungsstufe. Der Anteil dieser kanzerogenen Leitkomponente am PAK-Gesamtgehalt liegt im Durchschnitt aller zwölf Meßpunkte bei 4,3 % und somit über dem Mittelwert aller Stationen im West-Ost-Transekt während der Herbstexposition 1993. Die auffällig hohen in den Pflanzen angereicherten Benz(a)pyren-Konzentrationen über das gesamte 500 m lange Autobahnprofil lassen neben der Einwirkung von Autoabgasen möglicherweise auf unvollständige Verbrennungsprozesse durch Einzelfeuerung aus umliegenden Ortschaften schließen.

Der Anteil der Verkehrsimmissionen kann mit Hilfe der Kfz-Maßzahl verdeutlicht werden, deren grafische Darstellung die fahrbahnnahe Belastung besonders deutlich macht (vgl. Abb. 5).

Die Ergebnisse der Grünkohlexponierung haben eine Bedeutung für die menschliche Gesundheit, da es sich bei dem verwendeten Indikator um eine Nahrungspflanze handelt. Unter Betrachtung der “worst-case-Annahme”, d.h. einer vollständigen Eigenversorgung mit pflanzlicher Kost aus dem Gebiet, ist der Mensch in der Stadt Berlin einer mittleren bis hohen Belastung durch organische Schadstoffe ausgesetzt. Die ubiquitäre Grundbelastung mit lufttransportierten Schadstoffen wird deutlich überschritten. Diese Belastung bewegt sich aber im Normalfall vermutlich noch im Bereich der toxikologisch tolerablen Aufnahme.

Die Immissionen des Straßenverkehrs bilden einen besonderen Belastungsfaktor in Berlin. An stark frequentierten Straßen besteht ein Wirkungsgradient atmosphärisch verbreiteter organischer Schadstoffe, der im Nahbereich dieser Linienquellen besonders ausgeprägt ist. Für die menschliche Gesundheit bedeutet dies ein erhöhtes Gefährdungsrisiko in direkter Umgebung von stark befahrenen Straßen und Autobahnen.

Die ermittelten Daten des immissionsökologischen Wirkungskatasters aus den Jahren 1991-94 können mit Hilfe eines einfachen Verfahrens zu einer Gesamtbewertung der untersuchten Meßpunkte zusammengefaßt werden. Hierbei werden Stoffgehalte bzw. Bonitierungen entsprechend der gemessenen Minimal- und Maximalwerte “normiert” und zu einem Einzelwert gemittelt. Aufgrund der Vergleichbarkeit gehen nur ausgewählte Parameter der Flechten- und Weidelgrasexponierung, der Analyse von Kieferninhaltsstoffen sowie der hier nicht erläuterten Bonitierung von Kiefernnadeln und der Exponierung von Tabak und Pintobohne in die Berechnung ein (vgl. SenStadtUmTech 1996a). Die grafische Darstellung der Daten zeigt einige Grundmuster, die die Einzelergebnisse bestätigen (vgl. Abb. 6).

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Abb. 6: Gesamtbewertung der Bioindikationsergebnisse
Bild: Umweltatlas Berlin

Auffallend ist, daß sich die Mittelwerte der Teilgebiete “Innenstadt”, “Außenbezirke” und “Umland” zwar erwartungsgemäß unterscheiden, daß diese Differenz jedoch nicht stark ausgeprägt ist. Dies liegt zum einen im insgesamt mäßigen Belastungsniveau der Innenstadt und zum anderen an teilweise deutlichen Belastungen der Außenbezirke und des Umlandes. So erreichen einige Meßstellen des Umlandes Belastungswerte, die denen der Innenstadt durchaus nahekommen. Es besteht offenbar eine großräumig wirksame Hintergrundbelastung des Umlandes, die im Einzelfall durch lokale Emissionen noch verstärkt wird.