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Grundwasserabhängige Ökosysteme 2003

Einleitung

Aktueller Anlass für die Erstellung der Karte 05.07 ist die Wasserrahmenrichtlinie – Richtlinie 2000/60/EG des Europäischen Parlaments und des Rates zur Schaffung eines Ordnungsrahmens für Maßnahmen der Gemeinschaft im Bereich der Wasserpolitik (WRRL) – die die Europäische Union im Jahr 2000 erlassen hat.

Daneben ist eine gesamtstädische Übersicht der grundwasserabhängigen Biotope als Grundlage für die Steuerung der Grundwasserentnahme von Bedeutung. Hier besteht das Ziel, die Grundwasserförderung ökologisch verträglicher zu gestalten. Alle Berliner Wasserwerke sollen unter anderem deshalb neue Förderbewilligungen erhalten, in denen auch ökologische Erfordernisse verankert werden.

Die Kenntnis der grundwasserbeeinflussten Ökosysteme ermöglicht auch eine Einschätzung, an welchen Standorten bei anstehenden Grundwasserabsenkungen eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen ist.

Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie

Die Wasserrahmenrichtlinie gibt den Mitgliedsstaaten vor, zunächst eine umfassende Bestandserfassung für die Flussgebiete durchzuführen. Grundsätzlich ist eine allgemeine Beschreibung vorzunehmen und die Auswirkungen anthropogener Einflüsse auf Grund- und Oberflächenwasser sind zu prüfen.

Für das Grundwasser sind im Rahmen der Bestandserfassung u.a. grundwasserabhängige Landökosysteme und grundwasserabhängige Oberflächengewässer, im Folgenden als grundwasserabhängigen Ökosysteme zusammengefasst, zu ermitteln.

Das Ziel der Richtlinie besteht in der „Vermeidung einer weiteren Verschlechterung sowie Schutz und Verbesserung der aquatischen Ökosysteme und der direkt von ihnen anhängigen Landökosysteme und Feuchtgebiete im Hinblick auf deren Wasserhaushalt“ (Artikel 1).

Der mit der WRRL angestrebte gute mengenmäßige Zustand der Grundwasserkörper schließt signifikante Schädigungen von Landökosystemen, die unmittelbar vom Grundwasser abhängen, aus.

In der Bestandserfassung sind diejenigen Grundwasserkörper zu ermitteln, für die ein hohes Risiko besteht, dass die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie nicht erfüllt werden. Die Abgrenzung der für Berlin definierten Grundwasserkörper zeigt Abb. 1.

Abb. 1: Abgrenzung der Berliner Grundwasserkörper
Abb. 1: Abgrenzung der Berliner Grundwasserkörper
Bild: Umweltatlas Berlin

Die Berliner Situation

Seit über 100 Jahren fördern die Wasserwerke in Berlin Grundwasser aus den Grundwasserkörpern des Stadtgebiets für die Trinkwassergewinnung. Zusätzlich finden Grundwasserentnahmen durch Eigenwasserversorgungsanlagen, Bauwasserhaltungen und Grundwassersanierungen statt.

Hohe Grundwasserentnahmen bewirkten in den sechziger und siebziger Jahren stadtweit sinkende Grundwasserstände. Seit Anfang der 90er Jahre steigt der Grundwasserspiegel in der Gesamtstadt wieder an. Die Hauptursache sind niedrigere Fördermengen infolge des verringerten Wasserverbrauchs von Industrie, Gewerbe und Haushalten. Die Rohwasserförderung aller Berliner Wasserwerke sank von 378 Millionen Kubikmeter im Jahr 1989 auf 226 Millionen 2003.

Abb. 2: Rohwasserförderung der Berliner Wasserbetriebe 1989 - 2003
Abb. 2: Rohwasserförderung der Berliner Wasserbetriebe 1989 - 2003
Bild: Umweltatlas Berlin

Differenzierter stellt sich die Situation im direkten Wirkbereich der Brunnen dar. Fünf kleinere Berliner Wasserwerke stellten ihre Produktion in den Jahren von 1991 bis 1997 dauerhaft ein. Die leistungsstärksten Wasserwerke, die gleichzeitig qualitativ das beste Grundwasser fördern, liegen aber in den Gebieten, die auch durch empfindliche und wertvolle Ökosysteme gekennzeichnet sind. Hier treten nach wie vor Belastungen auf.

Die Brunnen liegen vorrangig in Wald- und Feuchtgebieten des Urstromtals von Spree und Havel, das von Natur aus durch sehr hohe Grundwasserstände geprägt ist.

Durch die großflächigen Grundwasserabsenkungen sind nahezu alle Berliner Feuchtgebiete mehr oder minder stark beeinträchtigt. Im 1994 vom Abgeordnetenhauses von Berlin beschlossenen Landschafts-/Artenschutzprogramm wurde deshalb die “Erarbeitung von speziellen Schutz- und Entwicklungsanforderungen zum Erhalt der ökologischen Funktionsfähigkeit der grundwasserabhängigen Biotope und Vegetationsbestände” festgelegt.

Im Einflussbereich der Brunnen liegen auch grundwasserbeeinflusste Natura 2000 Gebiete (nach der Flora-Fauna-Habitat und Vogelschutz -Richtlinie der EU geschützte Gebiete) mit fast 3000 ha Fläche. Diese bereits als Natur- und Landschaftsschutzgebiete (Karte 05.06) gesicherten Flächen enthalten unter anderem Übergangs- und Schwingrasenmoore, Pfeifengraswiesen, Hochstaudenfluren, Eichen-Hainbuchen-Wälder und Erlen-Eschen-Wälder.

Abb. 3: Berliner FFH- Gebiete
Abb. 3: Berliner FFH- Gebiete
Bild: Umweltatlas Berlin

Im Einzugsbereich der Brunnen der Wasserwerke haben sich dauerhafte, weitgespannte und tiefe Absenkungstrichter ausgebildet. Dort sind zudem, analog zu den innerhalb des Jahres schwankenden Fördermengen der meisten Wasserwerke, zum Teil erhebliche Schwankungen des Grundwasserspiegels zu beobachten.

Grundwasserabsenkungen stellten als Folge der Trinkwassergewinnung in der Vergangenheit ein gravierendes Problem dar. Früher artenreiche Feuchtwiesen zeigten deutliche Versteppungs- und Übernutzungserscheinungen. Moore, wie das Teufelsbruch und der Große Rohrpfuhl, trockneten aus; die Moorvegetation wurde durch Verbuschung zurückgedrängt. Grundwasserabhängige Waldbestände wiesen z.T. erhebliche Dürreschäden auf. Besonders betroffen waren auch die seltenen und sehr gefährdeten Bruch- und Auwälder.

Im Südosten Berlins sind 90 % der Feuchtgebiete um den Müggelsee in ihrem Bestand bedroht (Krumme Laake Müggelheim, Teufelsseemoor, Neue Wiesen/Kuhgraben, Mostpfuhl, Thyrn, Unterlauf Fredersdorfer Fließ).

Großflächige Absenkungen ergaben sich ebenso im Bereich des Spandauer Forstes, bedingt durch die seit den 70er Jahren erheblich angestiegene Grundwasserförderung des Wasserwerkes Spandau. Mit Hilfe einer 1983 in Betrieb genommenen Grundwasseranreicherungsanlage wird hier der Beeinträchtigung wertvoller Feuchtbiotope durch die Versickerung von aufbereitetem Havelwasser gegengesteuert.

Abb. 4: Förderung des Horizontalbrunnens im Spandauer Forst und Auswirkung auf den Grundwasserstand an der Messstelle 1502
Abb. 4: Förderung des Horizontalbrunnens im Spandauer Forst und Auswirkung auf den Grundwasserstand an der Messstelle 1502
Bild: Umweltatlas Berlin