Wie sich der Mauerfall am 9. November 1989 anfühlte

An diesem Datum wurde Geschichte geschrieben: Ein Zeitzeuge berichtet, wie sich der Abend des 9. November 1989 in Ost-Berlin anfühlte.
Mauerfall
Feiernde Menschen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989. © dpa

Alles begann mit einer ziemlich unübersichtlichen, heute legendären Pressekonferenz. ZK-Sekretär Günter Schabowski erklärte den anwesenden Journalisten, dass Privatreisen ins Ausland "ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen – beantragt werden" könnten, und zwar "sofort, unverzüglich". Das war eigentlich nicht so - es sollte lediglich eine neue Besuchsregelung für Privatreisen mit Rückkehrrecht ohne besondere Voraussetzungen eintreten - aber da war es schon gesagt. Andreas Falge, heute Stadtführer und gefragter Zeitzeuge in Berlin, lebte damals im Prenzlauer Berg und kann sich ganz genau an die Nacht erinnern, in der sich alles änderte.

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Veränderung lag in der Luft

"Eigentlich konnte man vorher schon ahnen, dass bald etwas passieren wird. Die Botschaftsbesetzungen in Prag und Warschau hat man zum Beispiel mitgekriegt. Einige aus meinem Bekanntenkreis sind über Ungarn nach Westdeutschland gekommen, aber das war mir zu blöd: Zum Kurfürstendamm über Österreich und Wien? Wenn, dann wollte ich direkt rüber. Als auf einmal so viel passiert ist, Honecker vom Sockel gestoßen wurde und so weiter, dachte ich mir: Es wird Zeit, dass sie die Türen aufmachen, das geht so nicht mehr. Ich hatte sogar schon einen Reisepass beantragt, denn wenn es so weit sein sollte, wollte ich nicht erst auf den Pass warten müssen."

Bloß nichts überstürzen

"Am 9. November, das war ein Donnerstag, war ich abends bei meiner Mutter in Lichtenberg. Im zweiten DDR-Fernsehen gab es abends immer eine Pressekonferenz. Ich machte den großen Sharp-Farbfernseher aus dem Intershop an und Schabowski sagte seine berühmten Worte. Ich dachte nur: "Wie jetzt? Der kann doch nicht einfach die Tür aufmachen?""

"Ich fasste den Plan, am 11. November ganz gemütlich und behütet mit meinem Freund Rainer, der an diesem Tag mit dem Auto aus dem Westen zu Besuch kommen wollte, rüberzufahren. Also holte ich mir 100 DM und einen Westberliner Stadtplan von meiner Mutter und ging erstmal nach Hause. Auf dem Weg zum Helmholtzplatz kam ich an der Meldestelle vorbei, wo man Personalausweise beantragen und sich den Visa-Stempel für den Reisepass holen konnte. Da wollte ich am nächsten Morgen ganz gemütlich hin. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass Millionen andere auch schon auf die Idee gekommen waren!"

Fußball statt Mauerfall

"Als ich dann zu Hause war, wollte ich gucken, was denn die Tagesthemen zu der Thematik sagen. Das ZDF hat überhaupt nichts dazu gebracht, die haben den Mauerfall quasi verschlafen. Ich machte also den Fernseher an – und da kam Fußball, irgendein Fußballspiel aus Hamburg, sogar bis in die Verlängerung. Das werde ich nie vergessen. Dann begannen gegen 22:40 Uhr endlich die Tagesthemen und Hans-Joachim Friedrichs sagte "Ost-Berlin öffnet die Mauer". Sie haben zu den einzelnen Grenzübergängen in Berlin geschaltet, ich glaube, Checkpoint Charlie, Invalidenstraße und es wurde behauptet, der Grenzübergang Bornholmer Straße sei bereits geöffnet."

Raus in den Wilden Westen

"Ich bin dann einfach los: Lederjacke an, Stadtplan, Ausweis, 100 Mark in die Taschen. Auf dem Weg in Richtung Grenzübergang war schon eine Völkerwanderung unterwegs, jeder fragte "Hast du schon gehört?" Nicht einmal die Straßenbahnen kamen durch. Auf einmal stand ich zehn Meter vor der Grenze der Diplomatenspur am Übergang Bornholmer Straße. Es war völlig unklar, wo die Grenze eigentlich anfängt und ich wusste nicht, was als nächstes passiert. Die Grenzer waren selbst verunsichert und die Stimmung war leicht aggressiv."

"Plötzlich ging dann die Schranke zur Seite und die Leute sind einfach losmarschiert. Ich musste am nächsten Tag zur Arbeit ins Kino Babylon und wollte mir ganz pflichtbewusst den Grenzübergang dokumentieren lassen. Also ab mit meinem Personalausweis zum Kontrollhäuschen, wo ich dann den Stempel auf das Passbild bekam - dass das die permanente Ausreise bedeutete, erfuhr ich aber erst ein Jahr später in einer Dokumentation im Fernsehen. Am Ende der Bösebrücke standen zwei Westberliner Polizisten. Die sahen genauso aus wie die aus den Seyfried-Comics, mit zerknautschten Mützen und Knollennasen. Ich wusste, dass Westberliner Polizisten in Uniform Ostgebiet nie betreten durften. Da wurde mir dann klar, jetzt bist du ja wirklich im Westen."

Die Zombie-Kneipe im Wedding

"Drüben wollte ich zuerst einmal telefonieren. Vor den wenigen Telefonzellen waren natürlich schon lange Schlangen. Das war Zonenrandgebiet, das Ende der Welt für Westberliner. Aus Filmen wusste ich, dass Kneipen auch Telefone hatten, also bin ich in die nächste Kneipe gegangen. Eine Eckkneipe im Wedding kurz vor Mitternacht - ich kam mir vor wie im Jim Jarmusch-Film, nur Zombies an der Theke, alles voller Qualm. Für 50 Pfennig durfte ich telefonieren und habe in der WG eines Freundes in Charlottenburg angerufen. Dessen Mitbewohner schlug vor, ich sollte doch einfach mit der U-Bahn fahren - aber damit war ich völlig überfordert, ich kannte die Stadt ja gar nicht und wollte an die Hand genommen werden. Dann sagte er, ich könnte ja ein Taxi nehmen. Ich wusste aber gar nicht, wie ich an ein Taxi kommen sollte – im Osten gab es zwar auch welche, aber nie dann, wenn man eins brauchte. Der Kneipenwirt hat ganz schön doof geguckt, als er mir erklären musste, dass ich mir ja eins rufen könnte. Ich war misstrauisch gegenüber dem bösen Kapitalismus, Taxi rufen, am Ende wollen die dafür noch Geld haben. Draußen auf der Straße stand aber sowieso schon eine Taxe nach der anderen."

Sightseeing in der eigenen Stadt

"Der Taxifahrer fragte später, wo ich denn herkomme. Ich antwortete: "Aus dem Prenzlauer Berg" und er rief: "Das ist doch im Osten, ach du Sch…!" Für die Westberliner war das genau so überraschend wie für alle anderen. Während der Fahrt dachte ich, das sieht ja aus wie bei uns, nur die Schaufenster sind bunter. Das gleißende Neonlicht in den Schaufenstern werde ich nie vergessen."

"In Charlottenburg angekommen, zerrte mich der Mitbewohner meines Freundes quasi aus dem Taxi, setzte mich aufs Sofa und drückte mir ein Beck's in die Hand. Hier war ich "in Sicherheit". Ich kam mir aber auch vor wie in einer Zeitmaschine, man war völlig woanders. Mein ältester Freund war währenddessen im Kino und hatte von der gesamten Situation der Grenzöffnung nichts mitbekommen. Als er beim nach Hause kommen meine Stimme in seiner WG hörte, dachte er wohl, er hat Halluzinationen."

Keine Band im Babylon

"Am Freitag, dem 10. November, bin ich wieder nach Ost-Berlin zurückgefahren. Ich musste arbeiten, im Kino Babylon sollte am Abend ein Konzert stattfinden. Der Bahnhof Friedrichstraße war so voll mit Menschen, dass ich eine Stunde gebraucht habe, um von dort auf die Straße zu gelangen - ich kam eben von der falschen Seite. Im Babylon war außer mir nur mein Chef. Es kam keine Band und auch kein Publikum, alle waren im Westen. Wir haben dann noch eine halbe Stunde gewartet, abgeschlossen und sind erstmal ein Bier auf den Mauerfall trinken gegangen."

Betriebssystem löschen – Neues draufspielen

"Meine Freunde haben mir in der Zeit direkt nach der Wende Stück für Stück den Westen erklärt. Ich musste anfangs viel fragen, wie mache ich dies, wie mache ich das. Woher sollte ich es auch wissen? Viele Dinge kannte ich zwar schon aus Filmen, aber mittendrin stehen ist eine völlig andere Nummer. Der Stadt konnte man beim Zusammenwachsen zusehen: Am 11. November wurde an der Bernauer Straße im Bereich des heutigen Mauerparks ein zusätzlicher Grenzübergang aufgemacht. Da war für mich sonst immer die Welt zu Ende, nun konnte man durch den Sand des Todesstreifens völlig unkompliziert den Westteil der Stadt besuchen."

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