Ein letztes Mal Kerosingeruch: Flughafen Tegel schließt

Ein letztes Mal Kerosingeruch: Flughafen Tegel schließt

60 Jahre nach dem ersten Linienflug ist der Berliner Flughafen Tegel Geschichte. Hunderte Mitarbeiter und Berliner verabschiedeten am Sonntag (08. November 2020) den letzten planmäßigen Flug.

  • Letztes Flugzeug startet von Tegel nach Paris© dpa
    08.11.2020, Berlin: Mit den Buchstaben des Slogans "#DankeTXL" wird der Airbus der französischen Fluggesellschaft Air France auf dem Flughafen Tegel (TXL) vor seinem Abflug nach Paris verabschiedet. Mit dem Abflug der letzten Linienmaschine mit der Flugnummer AF 1235 schließt der Flughafen Tegel.
  • "#DankeTXL" steht auf der Flughafen-Terrasse© dpa
    "#DankeTXL" steht auf der Terrasse des Flughafen Tegel, von der aus der Airbus der französischen Fluggesellschaft Air France zu sehen ist.
Eine Sondermaschine der Air France hob ab nach Paris. Am Abend sollte sie zurückkehren - zum neuen Hauptstadtflughafen BER am Stadtrand im brandenburgischen Schönefeld. Er wurde vor einer Woche eröffnet. In Tegel ist der Kerosingeruch verflogen.

Tegel-Schließung stimmt viele Menschen traurig

«Ein Kapitel Berliner Geschichte wird damit abgeschlossen», sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD). Er warb für den Forschungs- und Gewerbepark sowie Tausende Wohnungen, die auf dem Gelände nahe der Innenstadt geplant sind, bekannte aber: «Es ist ein Tag, da gibt es nichts darum herum zu reden, wo vielen auch das Herz blutet.»

Emotionale Stimmung an Bord des letzten Flugs

Im Flugzeug der Air France war die Stimmung entsprechend emotional. Als die Maschine vor dem Start noch eine Ehrenrunde um den Flughafen drehte, winkten Hunderte Menschen an den Zäunen vor dem Flughafengelände. Im Flugzeug wurde zurückgewunken. «Meine Damen und Herren, mit diesem letzten Start beenden wir ein Kapitel 60 Jahre europäische Flughafengeschichte», sagte Kapitän Christophe Ruch noch auf der Startbahn. «Genießen Sie es.» Unter Jubel und Applaus beschleunigte die Maschine. Auch nach der Landung in Paris am späteren Nachmittag wurde ausgiebig geklatscht.

Viele Besucher in den letzen Tegel-Tagen

In Berlin-Weißensee wurden von mehreren Grundstücken Feuerwerke gezündet, als die Air France den Bezirk überflog. Tausende Menschen kamen am Wochenende nach Tegel, um Adieu zu sagen. Bereits am Samstag war die Besucher-Terrasse ausgebucht, von dort sahen die Menschen den letzten regulären Passagierflügen beim Starten und Landen zu. Vor Ort war auch Necmi Ak-Schulz, der 1976 am Check-In angefangen hat und fast 40 Jahre blieb. Der Rentner hat viele Millionen Touristen, Geschäftsleute und Berliner durch das «Tor zur Welt» gehen sehen. Denn das war der Flughafen vor allem für die West-Berliner zur Mauerzeit.

Flughafen hatte Belastungsgrenze erreicht

Am Ende arbeitete der Flughafen hart an der Belastungsgrenze, das sechseckige Terminal mit seinen oft gepriesenen kurzen Wegen steht unter Denkmalschutz. Ak-Schulz hat seine alte Uniform aus dem Schrank geholt und zwei Taschentücher eingepackt - für die Tränen, wie er freimütig sagt. «Es ist traurig, aber ich bin dankbar und stolz.» An Bord der Air-France-Sondermaschine verkündet der Kapitän noch: «Tegel wird für immer im Herzen der Berliner bleiben.»

Volksentscheid für Tegel-Erhalt lief ins Leere

Auch der Spandauer Horst Zeising hat sich einen Platz in der letzten Maschine gesichert. «Mit dem Flughafen geht ein Stück Heimat verloren», sagte der 53-Jährige. «Verkehrstechnisch ist das eine Katastrophe, dass eine Hauptstadt nur einen Flughafen hat», meint er. Eine Schande sei es auch, dass der Senat 2017 den Volksentscheid für den Erhalt des Flughafens nicht beachtet habe.

Fahrraddemo am Flughafen: Freude über Tegel-Ende

Am Wochenende fuhren Dutzende Radfahrer über die Auffahrt zum Terminal hoch - jahrelang war daran nicht zu denken wegen der vielen Autos an dem Flughafen ohne Bahnanschluss. «Hoch für den Klimaschutz, runter mit dem Flugverkehr», mit diesem Sprechchor bejubelten die Fahrraddemonstranten das Ende des Flugverkehrs in Tegel.

Air France erste und letzte Maschine

Schon während der Berlin-Blockade 1948 hatten die französischen Besatzungstruppen in ihrem Sektor West-Berlins in Tegel einen Flugplatz bauen lassen. Im Januar 1960 nahm Air France den Linienflugbetrieb auf. 60 Jahre später beendet die Gesellschaft den Umzug zum neuen Flughafen Berlin-Brandenburg Willy Brandt, kurz BER.

Tegel bleibt bis Mai 2021 auf Standby

In den vergangenen Jahren stand das Kürzel BER für Planungsfehler, Baumängel, abgesagte Eröffnungstermine und verdreifachte Kosten. Hunderttausende Berliner in der Einflugschneise von Tegel mussten den Fluglärm länger ertragen. Ein halbes Jahr bleibt der Flughafen zur Sicherheit noch betriebsbereit, bisher läuft der Betrieb am BER aber reibungslos.

Wenige Flüge am BER durch Corona-Krise erwartet

Vom Fluglärm sind nun vor allem viele Brandenburger im dicht besiedelten BER-Umfeld betroffen. Wegen der Corona-Krise wird aber relativ wenig geflogen. Im Oktober gab es in Tegel und Schönefeld insgesamt rund 9000 Flüge. Im Vorjahresmonat waren es allein in Schönefeld 8300, in Tegel 17 300.

Daldrup sprach allen Mitarbeitern Dank aus

«Tegel hat lange durchgehalten und lange an der Belastungsgrenze gearbeitet», sagte Flughafen-Chef Engelbert Lütke Daldrup. Er dankte den Mitarbeitern. «Der Flughafen hat Berlin, der ganzen Region einen großen Dienst erwiesen, herzlichen Dank.»
Flughafen Tegel vor dem letzten Flug
© dpa

Fotos: Tegels letzte Tage

Am 08. November 2020 schloss der Flughafen Berlin Tegel endgültig. Bis dahin nutzten viele Menschen die Möglichkeit, sich von Tegel zu verabschieden. Bilder aus den letzten Tegel-Tagen... mehr

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Sonntag, 8. November 2020 22:28 Uhr

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