Ruhnert soll Union weiter voranbringen

Ruhnert soll Union weiter voranbringen

Ein linker Lokalpolitiker aus dem Sauerland, der erst die Jugend-Akademie von Schalke 04 leitet und dann in Berlin-Köpenick den Kult-Club des Ost-Fußballs als Manager zu Erfolgen führt: So eine Figur kann man sich nicht ausdenken. Sie ist Realität. Oliver Ruhnert hat zum Abschluss eines für ihn denkwürdigen Jahres einen neuen Vertrag als Geschäftsführer Sport beim 1. FC Union Berlin bekommen. Die Verlängerung des Kontraktes mit dem 49-Jährigen ist kurz nach dem neuen Arbeitspapier für Trainer Urs Fischer logische Personalpolitik bei den auf Platz sechs der Bundesliga gestürmten Eisernen.

Union Berlins Geschäftsführer Oliver Ruhnert

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Union Berlins Geschäftsführer Oliver Ruhnert.

Die Verkündung ausgerechnet am zweiten Weihnachtsfeiertag passt zu den unkonventionellen Gepflogenheiten des Hauptstadt-Clubs. Wie auch das beharrliche Schweigen über die Laufzeit der Zusammenarbeit. «Ihm ist es, gemeinsam mit Cheftrainer Urs Fischer, gelungen, auf Basis unserer wirtschaftlichen Möglichkeiten sehr ambitionierte sportliche Ziele zu erreichen», sagte Union-Präsident Dirk Zingler.
Ruhnert selbst war im Club-TV für einen Spaß zu haben und beklagte ironisch: «Ich finde schon, dass wir hier in einem Verein leben, wo ich fast gar nichts entscheiden kann und das macht mich doch schon sehr stutzig», sagte er. Die Wahrheit ist eine andere. Ruhnert hat trotz der herausgehobenen Position von Zingler eine gewichtige Stellung und vor allem sehr viele richtige Entscheidungen getroffen.
Während sein Ex-Arbeitgeber Schalke in der tiefen Krise versunken ist und der längst nicht mehr übermächtige Lokalrivale Hertha BSC trotz großem Millioneneinsatz noch nicht dem Mittelmaß entkommen kann, hat der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Stadtrat von Iserlohn mehrfach gezeigt, wie man mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln im Bundesliga-Business erfolgreich sein kann. Sein Königstransfer war sicherlich schon die Verpflichtung von Trainer Fischer.
Nach dem Bundesliga-Aufstieg sorgten dann unter anderen Routiniers wie Christian Gentner und Neven Subotic für Stabilität. Für die zweite Saison griff Ruhnert inmitten der Corona-Krise anders an und lotste zur allgemeinen Überraschung in Max Kruse und Loris Karius Profis mit Glamour-Faktor zum Schnäppchen-Tarif in den Osten der Hauptstadt. Konnte das gut gehen? Es ging bislang mehr als gut. «Union in der Bundesliga zu halten ist eine spannende Aufgabe, die mich herausfordert und reizt», sagte Ruhnert.
Der neue Vertrag sichert Union zumindest monetär ab, dass das Multitalent nicht das Interesse der Konkurrenz weckt. Ob Ruhnert allerdings an anderem Ort funktionieren könnte wie in Köpenick, wo man auch mit einem gewissen Dogmatismus Distanz zum Mainstream pflegt? Der Inhaber der Trainer-B-Lizenz, der auch Kreisliga-Referee ist, bleibt eben auch eine ungewöhnliche Figur im Profisport.
Auseinandersetzungen mit den Mächtigen scheut Ruhnert nicht und passt damit in den besonderen Orbit der Eisernen, die mehr denn je die Gratwanderung zwischen Kommerz und Kultur hinbekommen müssen. Zuletzt legte er sich wie Zingler verbal mit dem DFB an. Das neue Jugendkonzept des Verbandes behagt dem Nachwuchsfachmann nicht. «Das ist die Abschaffung des freien Wettbewerbs in der Jugend, weil man Amateure und die Lizenzligen mit ihren Leistungszentren komplett trennt», schimpfte Ruhnert im Interview der «Süddeutschen Zeitung».

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Sonntag, 27. Dezember 2020 11:59 Uhr

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