Ertrag fehlt trotz Rekord-Finanzen: Präsident bestätigt

Ertrag fehlt trotz Rekord-Finanzen: Präsident bestätigt

Der Präsident wird nur mit knapper Mehrheit im Amt bestätigt, der Manager sieht seinen Club benachteiligt, und das Team sucht weiter die Erfolgsformel. Hertha BSC steht im Herbst 2020 auf wackligen Füßen. «Die aktuelle Situation ist leider nicht ideal, aber dem Umbruch geschuldet», sagte Manager Michael Preetz am Sonntag bei der Mitgliederversammlung des Berliner Fußball-Bundesligisten: «Wir brauchen Vertrauen und Geduld in die Mannschaft und das Trainerteam.» Die Veranstaltung fand wegen der Corona-Pandemie mit knapp über 1000 Besuchern erstmals in der Club-Historie unter freiem Himmel statt.

Hertha-Manager Preetz

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Hertha-Manager Preetz.

Trotz des gegenwärtigen 15. Platzes in der Fußball-Bundesliga traut Preetz dem aktuellen Profikader in absehbarer Zukunft einen Platz in Fußball-Europa zu. «Wir sind überzeugt, dass der Kader mittelfristig das Zeug hat, dahin zu kommen, wonach wir uns alle sehnen: ins internationale Geschäft», erklärte der Geschäftsführer Sport.
Wirtschaftlich hat Hertha die Voraussetzungen auch für sportliches Wachstum geschaffen. In der Vorsaison hat die Profiabteilung mit 181,2 Millionen Euro so viel Geld ausgegeben wie nie zuvor. Davon waren 80 Millionen Euro Personalkosten. Auch das ist Rekord.
Allerdings wird die Diskrepanz zwischen Zielen, Ansprüchen und Finanzrekorden auf der einen Seite und dem sportlichen Ertrag auf der anderen langsam zur Nervensache. Das neu zusammengestellte Team legte beim Topclub RB Leipzig wieder eine ordentliche Auswärts-Vorstellung hin, am Ende aber stand ein 1:2 und damit die vierte Niederlage nacheinander. «Es war mehr drin, sogar mehr als ein Punkt, wenn es länger 1:1 gestanden hätte», sagte Trainer Bruno Labbadia.
«Es ist sehr frustrierend, denn wir haben die Qualitäten und die Stärke, bessere Resultate einzufahren», meinte Kapitän Dedryck Boyata: «Leider haben wir das Spiel selbst aus den Händen gegeben - das ist uns in dieser Saison schon häufiger passiert.» Preetz machte auch Schiedsrichter Tobias Stieler mitverantwortlich für den Ausgang. Der Referee hatte den zur Halbzeit eingewechselte Deyovaisio Zeefuik nach 4:20 Minuten mit einer überzogenen zweiten Gelben Karte wieder vom Platz geschickt. Es war der Knackpunkt in der Partie.
«Das sage ich selten: Wir haben uns richtig geärgert, weil wir gestern deutlich den Eindruck hatten, dass der Schiedsrichter den Spielausgang massiv beeinflusst hat», sagte Preetz am Sonntag nochmal vor den Mitgliedern. Direkt nach dem Spiel war er noch deutlicher. «Ich sage es ganz offen: Wir fühlen uns in den vielen kleinen und engen Entscheidungen benachteiligt.» Den entscheidenden Foulelfmeter schloss der Manager dabei aber explizit aus: «Der war eindeutig.»
Jhon Cordoba, der vor 999 Zuschauern die Gäste in Führung gebracht hatte, leistete sich ein Foul gegen Leipzigs Innenverteidiger Willi Orban. Marcel Sabitzer bestrafte das mit dem verwandelten Elfmeter (77. Minute). Und die auch in Unterzahl lange geschickt verteidigende Hertha war geschlagen. «Die Jungs müssen nun schnell eine Einheit werden. Durch den schlechten Start fehlt ein Stück Leichtigkeit. Es gab Licht, aber auch viel mehr Schatten», bemerkte Preetz auf der viereinhalbstündigen Sonntags-Versammlung.
Die Mitglieder wählten Werner Gegenbauer mit 542 Ja-Stimmen wieder zum Club-Präsident. Allerdings gab es auch 421 Nein-Stimmen und 49 Enthaltungen. Einen Gegenkandidaten hatte Gegenbauer nicht. 54 Prozent sind das schlechteste Ergebnis in der Amtszeit des 70 Jahre alten Unternehmers seit 2008. Auch Vizepräsident Thorsten Manske bleibt im Amt.
Der alte und neue Vereinschef Gegenbauer ist für weitere vier Jahre angetreten, auch um die Unabhängigkeit des Vereins von Investor Lars Windhorst und dessen Tennor-Gruppe zu wahren. «Wir müssen vertrauensvoll mit dem Investor zusammenarbeiten, ihm aber auch klar machen, dass wir der Komplementär sind und der Komplementär die Entscheidungen trifft», sagte Gegenbauer.
Die sich bald auf 374 Millionen Euro summierenden Investoren-Gelder haben entscheidend mit dazu beigetragen, dass sich Hertha auch für die weiteren Unwägbarkeiten der Corona-Krise gut gerüstet fühlt. Dabei standen 2018/19 auf der Einnahmenseite nur 122,2 Millionen Euro und ein Jahres-Minus von 59 Millionen Euro. Als Hauptgrund nannte Finanzchef Ingo Schiller die Auswirkungen der Corona-Krise: «Keiner kann etwas dafür, dass jetzt 35 Millionen Einnahmen fehlen.»
Die Verbindlichkeiten sind zum Stand 30. Juni diesen Jahres auf die Rekordhöhe von 141,8 Millionen Euro gestiegen. Dem stehe aber ein Eigenkapital von 146,7 Millionen Euro entgegen, bemerkte Schiller.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Sonntag, 25. Oktober 2020 16:12 Uhr

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