Digitales Fechten bei Hertha: Stadionplan nicht zu halten

Digitales Fechten bei Hertha: Stadionplan nicht zu halten

Hertha BSC sorgt in der Corona-Krise für ein weiteres Novum. 1574 Anhänger der «Alten Dame» waren an Computern, Tablets und Handys bei der ersten digitalen Mitgliederversammlung in der Fußball-Bundesliga dabei - und auch Cheftrainer Bruno Labbadia grüßte per Video in die Wohnzimmer. «Wir haben eine komische Zeit», erklärte der neue Trainer am Sonntag angesichts der Auswirkungen der Corona-Pandemie: «Eigenartig, dass ich mich über eine Videobotschaft vorstellen muss. Aber wir versuchen, das Beste daraus zu machen.»

Ingo Schiller

© dpa

Ingo Schiller, Geschäftsführer von Hertha BSC, verfolgt Mitgliederversammlung mit erstem Blick.

Mit zwei Siegen und 7:0-Toren in den ersten beiden Geisterspielen unter Labbadia hätten die Hertha-Profis bei einer der normalen Mitgliederversammlungen in einer vollbesetzten Berliner Messehalle garantiert für Begeisterungsstürme gesorgt. «Er ist akribisch, offen und empathisch, liebt die Details und folgt unserer Strategie, sowohl auf eigene Nachwuchs-Talente als auch auf erfahrene Spieler zu setzen», sagte Manager Michael Preetz zu Stimmungsaufheller Labbadia.
Die Vertreter der Gremien stellten sich aufgrund der Hygiene-Anforderungen gleich in zwei verschieden Räumen der Hertha-Geschäftsstelle digital den Fragen der Mitglieder. Zwischendurch wurde das Mikrofon immer wieder desinfiziert, Preetz und Co. saßen an quadratischen Pulten mit weitem Abstand.
Auch Hertha sei «gezwungen, in Sachen Vereinsleben neue Wege zu gehen», sagte Präsident Werner Gegenbauer. Die Neuwahl des Präsidiums aber wurde auf eine hoffentlich dann wieder normale Zusammenkunft im Herbst verschoben. Die erste Ausgabe der virtuellen Vollversammlung war nach 3:10 Stunden ohne größere Pannen beendet - Premiere durchaus gelungen. Nur auf gewohnte Emotionen sowie ein «Florett- und Säbelfechten zwischen den einzelnen Meinungen» mussten alle verzichten, wie Gegenbauer formulierte.
Das Wichtigste bleibt ohnehin der sportliche Erfolg, wie die jüngste 4:0-Wiedergutmachung im Derby gegen den 1. FC Union erneut bewies. «Was für ein Einstand, für uns sind das ganz wichtige Punkte, um uns vom kritischen Tabellenbereich zu entfernen», betonte Preetz zum Neustart nach der Corona-Pause, nachdem er den Mitgliedern nochmals seine Sicht auf die zuvor teilweise chaotische Saison mit gleich vier Cheftrainern gegeben hatte.
Stellvertretend für 37.500 Mitglieder wies ein Fragesteller auf den riesigen Image-Schaden hin, der durch den Knall-Abgang von Big-City-Trainer Jürgen Klinsmann und das Live-Video des inzwischen suspendierten Salomon Kalou noch gesteigert wurde. Der Ivorer hatte Verstöße gegen das Hygienekonzept öffentlich gemacht.
«Na klar, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir in der Vergangenheit für ausreichend Gesprächsstoff gesorgt haben», bemerkte Preetz. Dass Hertha anhaftende Graue-Maus-Image sei revidiert worden, «aber nicht immer in der Form, wie wir uns das gewünscht haben». Allerdings bat der Manager um Differenzierung. In Sachen Corona beispielsweise habe der Verein die Profis «in etlichen Sitzungen auf die Regeln hingewiesen und werden das weiter tun».
Korrigieren muss Hertha BSC seine Stadionpläne. Ursprünglich sollte von 2025 an in einer neuen, reinen Fußball-Arena gespielt werden. «Es ist eher unwahrscheinlicher geworden, dass das Datum gehalten werden kann. Wir wollen aber an dem Projekt festhalten», sagte Herthas Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller. In Zeiten der Corona-Krise könne der Verein «nicht den Fokus auf das Thema richten», sagte Schiller: «Derzeit gilt es, die aktuelle Situation zu beherrschen.»

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Sonntag, 24. Mai 2020 14:52 Uhr

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