Pendler sind anfälliger für Burnout und Depressionen

Pendler sind anfälliger für Burnout und Depressionen

Kilometerweites Pendeln gehört für die meisten Beschäftigten zum Alltag. Laut Experten kann es den Arbeitsstress noch potenzieren und das Burnout-Risiko erhöhen.

Pendler in Frankfurt am Main

© dpa

Kilometerweites Pendeln gehört für die meisten Beschäftigten zum Alltag. Viele nehmen ihre Arbeit auch mit nach Hause.

Der Arbeitsweg ist bei deutschen Arbeitnehmern im Schnitt 17 Kilometer lang und wird künftig noch zunehmen. Die Auswirkungen für Pendler erläutert die Präsidentin des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen, Sabine Siegl, im Interview.

Viele Menschen legen heutzutage immer weitere Wege zur Arbeit zurück. Was bedeutet Pendeln für die Arbeitnehmer?

Siegl: «Mobilität, Flexibilität und Pendeln ist Fluch und Segen zugleich. Für Arbeitnehmer bedeutet es ein durchorganisiertes Leben und Stress, denn man muss diszipliniert, strukturiert und koordiniert sein. Oft sind Pendler vom Auto abhängig, so dass man Gefahr läuft zu spät zu kommen und so durch die Verkehrshektik gestresst wird. Das ist ein zusätzlicher permanenter Druck. Darüber hinaus geht durch Pendeln erholsamer Schlaf verloren. Pendler haben weniger Freizeitaktivitäten, machen nicht so viel Sport und können sich weniger selbstbestimmt erholen. Obwohl man sagt, dass Pendeln zu erhöhter Flexibilität führt, bin ich der Ansicht, dass sie zum Gegenteil führen kann- man nimmt sich ein Stück Spontanität.»

Wie wichtig ist die Einstellung des Pendlers selbst?

Siegl: «Die Einstellung zum Pendeln spielt eine große Rolle. Wenn ich mich bewusst dafür entscheide, fällt es leichter. Für Pendler kann der Arbeitsweg auch Entspannung sein, um sich auf den Tag vorzubereiten oder ihn ausklingen zu lassen. Wenn man jedoch zum Pendeln gezwungen ist und sich so fühlt, steigt die Belastung wesentlich. Gefährlich wird es, wenn Pendler kaum Entspannung, Freizeit oder Regenerationsmöglichkeiten mehr haben. Das kann zu psychischen Problemen wie Depressionen und Burnout oder körperlichen Leiden wie Schlafstörungen, Herzinfarkten oder sogar zu Schlaganfällen führen.

Die Distanz von der Haustür bis zum Büro wird immer länger. Wie erklären Sie sich diesen Anstieg?

Siegl: «Ein Grund dafür ist sicherlich, dass sich die Einstellung der Menschen geändert hat. Viele auch junge Leute legen heutzutage viel mehr Wert auf Familie, Freunde und Erholung- beispielsweise am Stadtrand. Karriere steht nicht über allem. Darüber hinaus legen auch die Arbeitgeber ein stärkeres Augenmerk auf ein positives familiäres Umfeld. Vielen Unternehmen fällt es zudem schwer, geeignete Mitarbeiter in der Umgebung zu finden. Aus diesen Gründen wird die Distanz zur Arbeitsstelle meiner Ansicht nach noch zunehmen.»

Viele Arbeitnehmer arbeiten nach Dienstschluss von zu Hause aus. Wie beurteilen sie dies?

Siegl: «Von zu Hause aus zu arbeiten in Kombination mit dem Pendeln ist ein Teufelskreis. Denn es bringt keinen ersichtlichen Vorteil mehr, wenn man aufgrund der Arbeit keine Zeit für Freunde und Familie hat. Die Belastung wird noch einmal potenziert. Für den Nicht-Pendler spricht nichts dagegen, nach dem Abendessen noch einmal ein Arbeitstelefonat zu führen. Es schränkt jedoch den Erholungswert des Zuhauses ein, es ist aber nicht grundsätzlich schlecht. Dabei ist jedoch wichtig, dass man diszipliniert ist und sich bewusst einen klaren Rahmen setzt. Daher sollte das Arbeiten zu Hause eher eine Ausnahme sein.»

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Freitag, 17. August 2012 16:14 Uhr

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