Lokführer-Ausbildung: Gleich auf die virtuellen Gleise

Auszubildende bei der Berliner S-Bahn kommen schnell in heikle Situationen- im Fahrsimulator.
Triebfahrzeugführer im S-Bahnzug
Es ist gar nicht so leicht, eine S-Bahn sicher durch Berlin zu steuern. © dpa

«Da unten, das ist die Hupe», sagt der Trainer. «Mit dem linken Hebel stellen sie die Geschwindigkeit ein und rechts geben sie Gas. Na, dann fahren wir mal los», fügt er hinzu. Es ruckelt kurz, dann setzt sich der Zug in Bewegung und nimmt Fahrt auf, während der Fernsehturm langsam aus dem Blickfeld verschwindet. Die S-Bahn Berlin stellte ihr Ausbildungsprogramm zum Triebfahrzeugführer vor. Dazu gehörte auch eine Fahrt im Simulator auf dem Gelände des Werks Schöneweide in Treptow-Köpenick. Und es ist gar nicht mal so leicht, den mehrere Tonnen schweren Zug heil durch Berlin zu lenken.

Im S-Bahn-Simulator wird der Ernstfall geprobt

In der simulierten Fahrt der Linie S3 geht es auf dem S-Bahnring Richtung Potsdam, bis zum Bahnhof Friedrichstraße. Die Aufregung steigt, irgendetwas Gemeines wird sich Ausbildungsleiter Roy Wallis bestimmt ausgedacht haben, um die Reaktion und das Verhalten des Fahrers auszutesten. Das typische Signal zum Öffnen der Türen ertönt, Passagiere steigen aus und ein. Kurz nachdem das O.K. zur Weiterfahrt kommt, gibt es plötzlich Panik im Funk. «Paula 3, Paula 3, halten vor Weiterfahrt, ein Fahrrad hat sich verklemmt. Stop, Stop», ertönt die aufgeregte Stimme von Wallis. Ein Adrenalinstoß, die Hand geht schnell zum Gashebel und zieht ihn ruckartig nach unten, bis der Zug wieder steht. «Nothalt, Nothalt, Sifa, Sifa», sagt die eintönige Computerstimme.

Es dauert ein paar Minuten, bis klar ist, was auf dem Bahnsteig passierte. Ein Fahrgast passte nicht auf, das Fahrrad rutschte in den Zwischenraum zwischen Bahnsteigkante und S-Bahn. Sifa, das ist die Sicherheits-Fahrschaltung gegen unaufmerksame oder dösende Fahrzeugführer. In regelmäßigen Abständen muss sie betätigt werden, ansonsten wird der Zug automatisch gestoppt. Nach gefühlten Minuten kommt die Anweisung, den Zug um fünf Meter zurückzusetzen.

Szenarien von Schneegestöber bis zur Schlägerei

Als es dann endlich weitergeht, setzt plötzlich ein Schneegestöber ein und Nebel versperrt die Sicht. Wer diese Situation schon einmal im Auto erlebt hat, kann sich vorstellen, wie es ist, mit rund 100 Passagieren im Gepäck blind in einen Bahnhof zu rauschen.

Ausbildungsleiter Wallis zufolge lassen sich alle möglichen Zwischenfälle und Szenarien in dem rund eine Million Euro teuren Simulator durchspielen, der 1998 im Werk in Schöneweide in Betrieb ging. Es gehe vor allem darum, die Kommunikation zu trainieren. Auch eine Schlägerei im Fahrgastbereich habe er im Programm. Den Notruf-Knopf für solche Fälle müssten die Fahrer aber sehr selten benutzen. «Auch wenn die Vorfälle in den vergangenen Monaten einen anderen Eindruck machen», betonte er.

Ausbildung mit guten Übernahme-Chancen

Das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG gehört zu einem der größten Ausbildungsbetriebe in Berlin. Derzeit werden rund 100 Azubis auf die Berufe Triebfahrzeugführer, Elektroniker für Betriebstechnik, Industriemechaniker und Mechatroniker vorbereitet. Künftig werde es auch eine kombinierte Ausbildung zum Lokführer S-Bahn geben, die die Berufe des Industriemechanikers und des Triebfahrzeugführers miteinander verbinde, sagte S-Bahnsprecher Ingo Priegnitz.

Die Chancen auf eine Übernahme nach der Lehre stehen laut Personal-Geschäftsführer Christoph Wachendorf sehr gut. «Wir bieten unseren Auszubildenden einen unbefristeten Arbeitsplatz an, wenn sie die Prüfungen bestehen», sagte er und fügte hinzu: «Dies ist ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich».

Traumberuf mit hohen Anforderungen

Viele der rund 1000 Lokführer, die bei der S-Bahn arbeiten, kommen nach Angaben der Leiterin Fahrbetrieb, Sabine Hamperl aus sogenannten Bahner-Familien. «Für sie ist der Lokführer der Traumberuf», fügte sie hinzu. So wie Jens Heidkrüger, der seit 1998 die Bahnen durch Berlin fährt. Sein Bruder wolle jetzt auch einsteigen, als letzter in der Familie, sagte er stolz. Dabei gibt es sehr hohe Anforderungen an die Auszubildenden. Sie müssen kerngesund sein, einen psychologischen Test bestehen, mindestens 21 Jahre alt sein und ein lupenreines polizeiliches Führungszeugnis haben, betonte Hamperl.

Nach Problemen bei der S-Bahn sind die meisten Wagen wieder einsatzbereit

Ob denn auch ein Achsbruch im Ausbildungszentrum in Schöneweide simuliert werden kann, wollte Ausbildungsleiter Wallis an diesem Abend verständlicherweise nicht so richtig beantworten. Seit rund zwei Jahren hat die S-Bahn Berlin immer wieder mit technischen Problemen bei Achsen, Bremsen und Fahrmotoren zu kämpfen. Mittlerweile seien aber fast alle Doppelwagen wieder einsatzbereit, sagte Hamperl. Ende dieses Jahres sollen nach umfangreichen Reparatur- und Wartungsarbeiten wieder 500 Doppelwagen eingesetzt werden können. Laut Verkehrsvertrag müssten es 562 Doppelwagen sein.

Quelle: dpa
Aktualisierung: Donnerstag, 9. Februar 2012 10:48 Uhr

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