Teilzeitlehre bietet jungen Müttern zweite Chance

Teilzeitlehre bietet jungen Müttern zweite Chance

Minderjährig und Mutter: Ein Leben mit Hartz-IV? Das muss nicht sein, denn Teilzeitlehren ermöglichen, Ausbildung und Kind unter einem Hut zu bringen.

Teilzeitlehre

© dpa

Der Arzt Martin Erdmann (M.) sitzt zusammen mit Azubi Jennifer Weber, seiner Ehefrau Erdmann-Böhm, Martina Velten und Azubi Katharina Kehl (v.l.n.r.).

Menschen wie Katharina Kehl nennt man auf dem Arbeitsmarkt chancenlos: 17 Jahre alt, keine Arbeit, keine Berufserfahrung, nicht einmal eine Ausbildung.

«Eine klassische Hartz-IV-Karriere?»

Dafür ein Kind, aber keinen Mann. Selbst wenn Frauen wie sie eine Lehrstelle finden, macht die Pflege des Kindes - einen Partner gibt es ja nicht - Vollzeitjob- und Ausbildung unmöglich.

Eine klassische Hartz-IV-Karriere? Im Bundesland Hessen nicht unbedingt. Ein spezielles Programm versucht, Frauen wie Katharina Kehl ins Arbeitsleben zu holen. Mit einigem Erfolg.

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Hohe Erfolgschancen für Arbeitswillige

«Im letzten Jahr lag die Erfolgsquote bei 100 Prozent. So hoch ist sie nicht immer, aber die jungen Frauen sind sehr motiviert», sagt Ullrich van Leeuwen von der Arbeitsförderung Kassel-Stadt GmbH.

Seine Kollegen sprechen gezielt junge Arbeitslose an, um ihnen eine Berufsausbildung in Teilzeit anzubieten. So bleibt Zeit für das Kind, die Mutter erarbeitet sich aber auch eine Chance für den Arbeitsmarkt.

Kein leichtes Unterfangen, räumt van Leeuwen ein - viele würden abgeschreckt: «Auf jede Frau, die mitmacht, kommen vier, fünf, die absagen. Manche trauen sich das nicht zu.» Die Mitarbeiter der Arbeitsämter wissen auch, dass sich manche mit Hartz IV ganz wohl fühlen.

Unternehmen sind interessiert

Kehl nicht. «Ich wollte arbeiten. Aber ohne Ausbildung hatte ich keine Chance und Lehre mit Kind funktioniert einfach nicht.» In Teilzeit vielleicht, aber welcher Arbeitgeber will schon diesen Aufwand?

Die Kasseler Arbeitsvermittler machten sich auf die Suche. Mit Erfolg. «Ich fand das Projekt sehr interessant und deshalb standen bei uns die Türen offen», sagt Martin Erdmann. Der Arzt bildet inzwischen die dritte junge Frau in seiner Praxis aus - in Teilzeit.

Mehr Verantwortung für Mütter

«Natürlich ist es schwieriger, den Arbeitsablauf zu gestalten. Die Frauen sind nur 20 Stunden in der Woche hier und haben auch noch Berufsschule», sagt der Allgemeinmediziner. Das gleiche den monatlichen Zuschuss von bis zu 300 Euro von Stadt und Land nicht aus.

«Aber wir profitieren trotzdem von dem Modell. Denn diese jungen Mütter haben schon Erfahrung, die ein 16-jähriges Mädchen sonst nicht hat. Das sind schon richtige Persönlichkeiten, denen ich Aufgaben anvertrauen kann, die sonst nichts für Auszubildende sind.»

Positives Feedback

So sieht es auch Erdmanns Frau: «Früh schwanger zu werden ist ja keine Straftat. Und wer nur Piercings und Fingernageldesign im Kopf hat, ist vielleicht weniger geeignet als jemand, der schon Erfahrung mit Verantwortung hat.» Fazit nach mehreren Jahren: «Die Probleme sind geringer als befürchtet, die Vorteile größer als erhofft.»

Auszubildene wissen ihre Chance zu schätzen

So arbeiten derzeit drei junge Frauen bei Erdmann, die als Teenager Mutter geworden sind und weder Job noch Ausbildung hatten. «Mir war immer klar, dass eine Ausbildung her muss. Aber wer nimmt schon eine alleinstehende Mutter ohne Berufserfahrung», sagt Martina Velten.

Das hessische Programm sei deshalb ein Glücksfall gewesen, sagt die heute 25-Jährige. «Man hat uns eine Menge Flexibilität entgegengebracht», sagt die ein Jahr jüngere Jennifer Weber. «Es ist okay, wenn das auch von uns erwartet wird. Wenn eine von uns nicht kann, springen wir ohne Frust ein. Wir wissen ja, wie es ist.»

Eine Hand wäscht die andere

Etwa einem Dutzend Frauen kann in Kassel jedes Jahr mit dem Projekt geholfen werden. Die hohe Erfolgsquote wundert van Leeuwen nicht: «Wir wollen nur die, die auch wollen. Wer die Chance erkannt hat, verspielt sie nicht so leicht.» Auch die Arbeitgeber, wie der Arzt Erdmann, seien treu: «Ganz eigennützig. Es hilft nämlich auch unserer Praxis.»

Wieder auf dem richtigen Weg

Von den drei jungen Frauen hatte keine davon geträumt, mit 17 oder 18 mit Kind, aber ohne Mann dazustehen. «Die Ausbildung hat enorm geholfen, wieder in ruhigere Bahnen zu kommen. Ohne das Programm hätte es in unserem Leben ganz anders ausgesehen», sagt Weber.

Zum Ex hat sie keinen Kontakt mehr, lebt aber wieder in einer glücklichen Familie. Velten ist wieder mit dem Vater ihres nun zwei Jahre alten Sohnes zusammen. «Und wenn es in der Praxis länger dauert, muss er ran. Keine Widerrede», sagt sie grinsend.

Auf ihre Freundin Kehl wird man in der Praxis allerdings demnächst verzichten müssen: Im Dezember kommt das zweite Kind der inzwischen verheirateten Frau zur Welt.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Donnerstag, 17. Februar 2011 10:32 Uhr