Stress im Job: Die Kunst des Nein-Sagens

Stress im Job: Die Kunst des Nein-Sagens

Für Arbeitnehmer wird der Stress im Job immer größer. Wie man den Befreiungsschlag wagt.

Stress im Beruf

© dpa

Am Stress sind nicht immer nur andere Schuld.

Das Überstundenkonto steht kurz vor dem Platzen und der Chef macht immer mehr Druck: Der Jobfrust vieler Arbeitnehmer ist groß. Doch die Zeit, als man überlasteten Mitarbeitern nur den Besuch von Zeitmanagement-Seminaren empfohlen hat, scheint vorbei zu sein. Experten raten inzwischen dazu, sich zur Wehr zu setzen.

Wie sieht die Situation für Arbeitnehmer aus?

Die Zahlen, die das Beratungsunternehmen Gallup seit vielen Jahren zum Engagement der Beschäftigen in Deutschland erhebt, sind niederschmetternd. Nach der jüngsten Erhebung haben 24 Prozent der Arbeitnehmer innerlich gekündigt, 61 Prozent machen nur Dienst nach Vorschrift. Befragt wurden 2198 Arbeitnehmer ab 18 Jahren.

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Wo liegen die Gründe für den Frust im Job?

Karrierecoach Klaus Merg aus Waldstetten bei Ulm wundert das nicht. «Immer weniger Menschen müssen immer mehr Arbeit bewältigen.» Und Martin Wehrle fügt hinzu: «Vieles, was die Arbeiter in Jahrhunderten errungen haben - wie geregelte Arbeitszeiten -, lassen wir uns wieder wegnehmen», sagt der Coach aus Appel bei Hamburg.

Hilft ein gutes Zeitmanagement?

Die ständigen Forderungen, dass Mitarbeiter ihr Zeitmanagement und ihre Multitasking-Fähigkeit verbessern müssten, stießen längst an ihre Grenzen. «Die Leute schuften den ganzen Tag wie verrückt und sind auch nach Feierabend in permanenter Rufbereitschaft. Dadurch kriegt man den Job einfach nicht aus dem Kopf», sagt Wehrle.

Was können Arbeitnehmer gegen den Stress tun?

Die Experten raten deshalb: Arbeitnehmer müssen auch den Mut haben, sich gegen diese Entwicklung zu wehren. «Jeden Abend länger im Büro zu bleiben, ist eine Kapitulation davor, dass man das geforderte Pensum während des Tages nicht schafft», erklärt Merg. Zwar können Arbeitnehmer nicht jede zusätzliche Aufgabe ablehnen, wenn im Betrieb die Hütte brennt. Aber manches stelle sich bei genauem Hinsehen als nicht so dringend heraus- und zumindest dann müsse man nicht gleich einspringen. Andere Dinge lassen sich delegieren, wenn sie nichts mit dem eigenen Aufgabengebiet zu tun haben.
Um Kollegen dabei nicht vor den Kopf zu stoßen, wird am besten mit offenen Karten gespielt: Der Betroffene erklärt, warum er keine Zeit hat, die Aufgabe zu übernehmen. Sinnvoll sei auch, Alternativen aufzuzeigen- das kann ein späterer Termin sein, an dem sich um die Aufgabe gekümmert wird. Oder der Angestellte verweist auf einen Kollegen, der in diesem Moment womöglich ein besserer Ansprechpartner ist.

Was hilft noch im Kampf gegen den Stress?

Wichtig im Kampf gegen die ständige Überlastung sei, dass man sich Mitstreiter sucht. «Der Druck trifft ja meistens alle Kollegen gleichermaßen», erzählt Wehrle. Gemeinsam habe man eine ganz andere Schlagkraft. «Wenn alle konsequent pünktlich Feierabend machen, dann gerät nicht ein Einzelner in Erklärungsnot.»

Welche Rolle spielt der Chef?

Aber auch das Gespräch mit dem Chef sollten Mitarbeiter suchen. «Wenn er wieder mit neuer Arbeit kommt, dann muss man ihm klar aufzeigen, was dann stattdessen liegen bleibt.» Wenn gar nichts helfe, und der Chef nur noch mehr Druck macht, rät Wehrle zu einer radikalen Lösung. «Dann muss man auch mal den Mut haben und ein Projekt gegen die Wand fahren lassen, damit das Unternehmen reagiert.»

Wo liegen die Gefahren, wenn man sich gegen Stress wehrt?

Aber das ist nicht ganz ungefährlich. Wer als Leistungsträger im Team anerkannt ist, kann sich eine Konfrontation mit dem Chef vielleicht noch leisten. Wer aber ohnehin zu den schwächeren 50 Prozent seines Teams zählt, bekommt dann womöglich erst recht Probleme.

Gibt es einen Weg aus der Tretmühle?

Doch noch etwas ganz anderes kann man aus der Gallup-Studie über die Zufriedenheit der Deutschen mit ihrem Arbeitgeber schließen, sagt der Kölner Psychologe und Coach Manuel Tusch. «Wenn 85 Prozent der Menschen unzufrieden sind, dann heißt das: Man kann den Problemen nicht durch einen Wechsel des Arbeitgebers entfliehen.» Woanders sei es meist auch nicht besser. «Wenn wir immer nur versuchen, den Job zu finden, der uns glücklich macht, dann werden wir nie am Ziel ankommen.» Sein Rat ist deshalb, nicht zu viel zu erwarten. Außerdem müsse man gar nicht immer danach streben, sein Glück im Job zu finden. «Wenn ich gerne Wertschätzung erfahren möchte, finde ich das auch nach Feierabend bei meiner Familie.» Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man auch beizeiten Feierabend macht.

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Quelle: dpa

| Aktualisierung: Dienstag, 5. November 2013 10:52 Uhr

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