Die Berliner Klax-Schule bildet für die Zukunft

Die Berliner Klax-Schule bildet für die Zukunft

Während an manchen öffentlichen Schulen noch Altgriechisch gelehrt wird, schaut die Berliner Klax-Schule in die Zukunft: Dort sind vor allem Kompetenzen gefragt – sowohl für ein soziales Miteinander als auch für den Arbeitsmarkt, der in 20 Jahren digitaler und in vielen Bereichen spezialisierter sein wird.

Stephen Kelly

© Stephen Kelly

Stephen Kelly, Leiter der Klax Grundschule in Berlin-Pankow.

Die Arbeitswelt braucht vor allem kreative Köpfe

Kinder, die dieses Jahr in die Grundschule kommen, werden zwischen den Jahren 2035 und 2045 ins Berufsleben einsteigen. Welche Jobs werden sie haben? Worauf müssen sie vorbereitet werden? Nicht jeder kann schließlich YouTuber werden. In Zeiten der digitalen Revolution entstehen komplette Berufszweige innerhalb weniger Jahre – auf der anderen Seite gehen viele Arbeitsplätze durch innovative Technologien verloren. Wie also können Eltern ihre Kinder auf die Zukunft vorbereiten – ohne genau zu wissen, worauf es ankommt?

Geht es nach Richard David Precht, einem der gefragten deutschen Philosophen unserer Zeit, liegt die Antwort auf der Hand: Deutschland braucht kreative Problemlöser – das predigt er seit Jahren in politischen Talkshow und Zeitungsinterviews. Auch eine 2016 veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Arbeit der Zukunft zeigt, dass unter anderem Virtualität und somit Programmierkenntnisse eine zunehmend wichtige Voraussetzung in der Arbeitswelt darstellt. „Vom Empathie-Interventionist bis zum Algorithmen-Versicherer entsteht neue Arbeit“, heißt es in der Studie. Auch hier wird Kreativität als wichtige Fähigkeit genannt.

"Lernen muss Spaß machen"

Dem gegenüber stehen in der aktuellen Bildungspolitik der Lehrermangel und verstaubte Lehrpläne, die Schüler zum sogenannten „Bulimie-Lernen“ zwingen. Engagierte Eltern greifen auf Alternativlösungen für die Bildung ihrer Kinder zurück. Mittlerweile geht fast jeder Zehnte auf eine Privatschule – Tendenz steigend. Eine davon ist die Klax-Schule. Sie wirbt mit alternativen Lernmethoden und selbstorganisierten Lernplänen.

Kompetenzen wie Kreativität, Toleranz und Respekt sind wichtig, um innerhalb der fünf großen Projektwochen im Jahr konstruktiv arbeiten zu können. Im Rahmen der vergangenen Projektwoche im Februar wurden verschiedene Visionen von der Schule der Zukunft erarbeitet. Die Grundschüler kreierten gemeinschaftlich Ideen von Ruheräumen, Bibliotheken und Öko-Schulhöfen. Manche produzierten ihre Ergebnisse in 3D-Konstrukten, andere drehten einen Spielfilm.

Aber auch außerhalb der Projektwochen soll das Lernen an der kunstbetonten Privatschule Spaß machen. Wer hier lernt, startet den Morgen üblicherweise mit Gesprächen, Ideen und Tagesplanungen und beendet ihn mit Kursen wie Kung Fu, Fotografie oder Graffity. Dazwischen wird Deutsch, Mathe und Englisch unterrichtet. Aber ist das nun besser als der konventionelle Unterricht an öffentlichen Schulen? Stephen Kelly leitet die Klax Grundschule in Berlin-Pankow und hat sich zu einem Gespräch bereit erklärt.
Herr Kelly, warum schaffen es öffentliche Schulen auch nach jahrelangen Zukunftsdebatten nicht, sowohl den Lehrplan als auch die Lehrmethoden zu modernisieren?

Kelly, Klax: Grundsätzlich denke ich nicht, dass dies die Aufgabe der öffentlichen Schulen, sondern eher Aufgabe der Politik ist. Die öffentlichen Schulen setzen letztendlich nur das um was sie vorgegeben bekommen. Generell gibt es eine Kluft zwischen den Lehrmethoden und Ansprüchen, die in den Lehrplänen, z.B. für Berlin und Brandenburg, formuliert wurden. Vor allem in Bezug auf das fachübergreifende Lernen und für die Kompetenzentwicklung müssen die Organisationsstrukturen an den Schulen verbessert und angepasst werden.

Ein weiteres Problem: Deutschland sucht händeringend nach Lehrern – warum will keiner mehr unterrichten?

Kelly, Klax: Der Beruf als Lehrer ist meiner Meinung nach ein sehr schöner und erfüllender Beruf. Dennoch gibt es mögliche Gründe für den fehlenden Nachwuchs in diesem Bereich. Zum einen, weil viele Menschen direkt nach der Schule nicht nur positive Erfahrungen aus ihrer Schulzeit mitnehmen und in diesem Kontext hier auch nicht ihre eigene Zukunft sehen. Und zum anderen habe ich das Gefühl, dass auch die öffentliche Wertschätzung für Lehrer nicht wirklich hoch ist. Es wäre eher ungewöhnlich den Beruf als Lehrer in einem Atemzug mit “erfolgreich sein” oder “erfolgreich werden” zu hören. Dies wird eher Berufen aus der Betriebswirtschaft oder dem Ingenieurwesen vorbehalten. In dieser Hinsicht sind die Werte in unsere Gesellschaft eventuell etwas ungleichmäßig verteilt. Ich denke auch, dass die unterschiedlichen Gehälter von Lehrern – welche meist abhängig von der Bildungsstufe oder dem Bundesland sind – eine Rolle für die eher schlechte öffentliche Wahrnehmung dieses Berufes spielt.

Ist das an den Klax-Schulen anders? Haben Sie genug Lehrer bzw. haben die Lehrer Ihrer Meinung nach mehr Freude an der Arbeit – warum?

Kelly, Klax: Für Lehrer an Klax-Schulen ist teilweise eine Umgewöhnung oder ein Umdenken notwendig, da wir an unseren Schulen strukturell ganz anders an den Lehralltag herangehen. Bei uns sind Lehrer keine Einzelkämpfer, sondern Teamplayer. Das heißt inhaltliche, aber auch organisatorische Absprachen finden täglich und im laufenden Betrieb statt. Zusätzlich ermöglichen wir unseren Lehrkräften möglichst wenig Arbeit mit nach Hause zu nehmen, da die Vor- und Nachbereitung der Unterrichtsmaterialien in der Schule stattfindet. Kollegen profitieren auch von dem Erfahrungs- und Informationsaustausch untereinander, vor allem da wir an unseren Schulen auch sehr viele internationale Lehrkräfte zu unserem Team zählen können. Allerdings ist es für unsere Lehrer auch immer wieder eine große Verlockung in den öffentlichen Dienst zu wechseln, da dieser eventuelle Sicherheiten für die Zukunft mit sich bringt.

Das Konzept der Klax-Schulen sieht vor, den Fokus auf Kompetenzen zu setzen statt auf Wissen – ist Wissen in 25 Jahren etwa unwichtig?

Kelly, Klax: Nein, das würde ich nicht so sehen. Wir betrachten Kompetenzen auch nicht als Ersatz für Wissen, sondern als einen zusätzlichen Schwerpunkt des Klax-Lernkonzeptes. Ohne Wissen kann man schließlich auch keine Kompetenzen erwerben, deshalb sollte man diese beiden Sachen nicht gegeneinander ausspielen.
Vielmehr sollte es um die Erweiterung von Wissen gehen und darum Kompetenzen zu erlernen oder zu vermitteln, um das erworbene Wissen richtig einzusetzen. Hierbei ist es wichtig eine gesunde Balance beider Felder zu finden. Das Erlernen von Wissen ist bzw. kann nicht immer nur leicht sein, sondern erfordert auch, dass man sich Herausforderungen stellt und diese meistert. Dazu gehört auch, dass man sich mit dem Wissen – sowohl aus Büchern, als auch aus dem Internet – kritisch auseinandersetzt. Daher würde ich die Frage, ob Wissen in 25 Jahren unwichtig ist, ganz klar mit “nein” beantworten.

Haben Sie die Dokumentation Alphabet gesehen? Sie berichtet unter anderem über Studien, die zeigen, wie junge Menschen in konventionellen Schulen eine wichtige Kompetenz verlieren: Kreativität. Wie geht Ihre Schule damit um?

Kelly, Klax: Ich habe diese Dokumentation gesehen, allerdings wäre ich mit solchen Studien immer etwas vorsichtig. Kreativität ist eine wichtige Kompetenz, aber das Entscheidende ist das Zusammenspiel aus Sozialkompetenz und dem richtigen Umgang mit Herausforderungen und Widrigkeiten. Meiner Meinung nach liefert die Dokumentation interessante Impulse, jedoch sollten man sich auch mit den dort dargestellten Inhalten kritisch auseinandersetzen. Die Chance positiven und nachhaltigen Einfluss auf Kreativität zu nehmen, liegt darin den richtigen Ausgleich zwischen einem alternativen und konservativen Bildungsansatz zu finden.

Toleranz und Respekt sind Kompetenzen, die in einer globalen Arbeitswelt wichtig sind. Wie vermitteln Sie solche Werte?

Kelly, Klax: Sowohl im alltäglichen Umgang, das sich jeder Schüler in Projekten mit seinen Stärken einbringen kann, als auch im Anspruch, das Regeln eingehalten werden und man sich gegenseitig auch immer wieder daran erinnert. Solche Werte sollten nicht nur einfach auf einem Blatt Papier stehen, sondern auch kontinuierlich Anwendung finden. Genauso gehört auch das Vermitteln der richtigen Werte im Umgang mit möglichen Konfliktsituationen dazu. Ich gebe zu, dies kann natürlich auch manchmal sehr mühevoll sein, aber es zahlt sich am Ende aus.

Eine Frage, die sicher auch vielen Eltern am Herzen liegt: Was hat ein Schüler, der die Klax Sekundarschule verlässt, dem Arbeitsmarkt zu bieten?

Kelly, Klax: Ich glaube nicht, dass diese Frage den Eltern am Herzen liegt. Es ist vielleicht eher etwas, dass ihnen Bauchschmerzen bereitet, weil Sie Angst um die Zukunftschancen ihrer Kinder haben und für sie nur das Beste wollen. Das ist verständlich. Aber Entscheidungen aus Angst sind selten gut, das gilt auch für die Wahl der Schule.

Was würden Sie sich von der Bildungspolitik für die Zukunft der Bildung wünschen?

Kelly, Klax: Das was im Bereich Bildung leider immer zu fehlen scheint, ist eine klare und verlässliche Zukunftsstrategie, die mutig und nachhaltig ist. Es ist für uns noch nicht einmal wichtig, wie diese genau aussehen mag, vielmehr sollte sie verschiedene Formen des Lernens und Lehrens zu lassen und dafür die nötigen Freiräume bereitstellen. Außerdem sollte Bildung eine langfristige Orientierung haben und vor allem flächendeckend wirksam sein, anstatt von punktuellen ad hoc Maßnahmen dominiert zu werden, die nicht effektiv zur Lösung des großen Ganzen beitragen können.

Aktualisierung: Mittwoch, 20. Juni 2018 14:59 Uhr