Wohnungssuche für Obdachlose soll ausgebaut werden

Wohnungssuche für Obdachlose soll ausgebaut werden

Das Modellprojekt «Housing First Berlin» läuft aus Sicht der Organisatoren und der Sozialverwaltung so erfolgreich, dass es weitergeführt werden soll. «Housing First ist geeignet, um Obdachlosigkeit zu beenden. Unsere Verwaltung will die Mittel dafür ab 2022 auf 1,3 Millionen Euro pro Jahr verdoppeln», sagte Sprecher Stefan Strauß der Deutschen Presse-Agentur.

Obdachlose

© dpa

Obdachlose haben ihr Lager unter einer Brücke aufgeschlagen.

Ende September läuft das Modellprojekt nach drei Jahren aus. Wie die Zukunft aussieht, hängt vom Willen der Berliner Abgeordneten ab - im September stehen Wahlen an. Danach wird über den Haushalt für 2022/23 entschieden. «Wir sind optimistisch, dass es weitergeht», sagte Wohnraumkoordinator Sebastian Böwe vom Verein «Neue Chance», der mit der Berliner Stadtmission zusammenarbeitet.

Bisher 68 Wohnungen vermittelt

Seit Oktober 2018 wurden insgesamt 68 Wohnungen an Frauen und Männer vermittelt. Weitere sind in Aussicht. «Bei zwei Frauen stehen die Mietverträge kurz vor der Unterschrift», sagte Böwe. Ziel ist es demnach, bis Ende September 80 Wohnungen zu finden.
«Wir hatten damit gerechnet, dass es pandemiebedingt nach unten geht», sagte Böwe mit Blick auf die Wohnungssuche. Doch trotz der Corona-Krise sei der Verein weiter erfolgreich. «Die Vermieter wissen, dass wir zuverlässige Partner sind.» Die meisten Wohnungen habe der Verein bei landeseigenen Unternehmen gefunden. «Die Gesobau will uns jährlich bis zu fünf Wohnungen zur Verfügung stellen. Wenn das alle machen würden, wären wir fein raus», sagte Böwe. Das landeseigene Unternehmen hat dazu mit dem Verein eine Kooperationsvereinbarung für zunächst drei Jahre abgeschlossen.

Auch Mütter mit Kindern unter den Obdachlosen

Der Projektpartner Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) arbeitet besonders erfolgreich mit privaten Anbietern wie dem Unternehmen Deutsche Wohnen zusammen. Das Ziel von 30 Wohnungen sei bereits erreicht. «Wir haben 35 Frauen untergebracht, bis Ende September sollen es mindestens 40 sein», sagte SkF-Sprecherin Charlotte Riepe. Der Bedarf sei riesig. «340 Frauen stehen auf unserer Anfrageliste, darunter sind auch viele Mütter mit Kindern, die in Obdachlosenunterkünften leben. Die Verzweiflung ist oft groß.»

Wohnungen müssen eigenständig finanziert werden

Bei «Housing First» bekommen Menschen ohne Vorbedingungen einen unbefristeten Mietvertrag und sozialpädagogische Unterstützung. Allerdings müssen sie die Wohnung selbst finanzieren können, etwa mit Hilfe des Jobcenters, durch eine Rente oder Arbeit. Sie sollen erst zur Ruhe kommen und dann ihr Leben organisieren können. Zuvor mussten sie viele Voraussetzungen erfüllen, um eine Wohnung zu erhalten, etwa mögliche Schulden oder eine vorhandene Sucht in den Griff bekommen. Daran scheiterten aber viele.
Das Projekt zeige, dass sich das Leben der Frauen deutlich effektiver ändere, wenn sie selbstbestimmt entscheiden könnten, ob und welche Hilfen sie annehmen, sagte Riepe. Einige der Frauen im Projekt hätten bereits eine Vollzeitstelle gefunden, andere eine Therapie begonnen. Gerade in der kalten Jahreszeit und in der Pandemie sei eine eigene Wohnung wichtiger denn je, sagte Riepe. «Viele Orte, an denen sich Frauen früher aufhalten konnten, sind geschlossen. Corona zeigt: Das Motto «Bleibt zu Hause» funktioniert nur, wenn man auch ein Zuhause hat», sagte die Sprecherin. «Mehr Notunterkünfte sind keine Lösung, sondern Projekte wie Housing First.»

Günstiger als Unterbringung in Notunterkünften

Die Idee von «Housing First» kommt aus Nordamerika und zeigt bereits auch in einigen europäischen Staaten Erfolge. Polen, Finnland, Belgien, Norwegen, Dänemark, Österreich und Frankreich gehören zu den Ländern, in denen die Idee praktiziert wird. «Enorme Erfolge hat das Projekt in Finnland gebracht. Dort wurde die Zahl der Obdachlosen im Laufe von zehn Jahren erheblich verringert», sagte Projekt-Sprecher Strauß. Das Projekt sei auch unter finanziellen Gesichtspunkten sinnvoll. Eine eigene Wohnung sei deutlich günstiger als eine Unterbringung in einer Unterkunft.
Nach Ergebnissen einer Zählung im Februar 2020 leben etwa 2000 Obdachlose in der Stadt. Im Winter können sie Schlafplätze der Berliner Kältehilfe nutzen. Aktuell stehen laut Sozialverwaltung für Soziales mehr als 1500 Plätze zur Verfügung - den Angaben zufolge so viele wie noch nie.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: 18. Februar 2021