Wann ist Hypochondrie eine gefährliche Störung?

Wann ist Hypochondrie eine gefährliche Störung?

Mancher kokettiert damit, ein Hypochonder zu sein - und ist es eigentlich kaum. Für ernsthaft Betroffene ist die Angst vor der Krankheit aber selbst eine Krankheit, mit ernsten Folgen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit.

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    Nur Kopfschmerz - oder etwas ernsteres? Menschen mit Hypochondrie vermuten hinter Allerwelts-Symptomen schwere, manchmal tödliche Krankheiten. Foto: Christin Klose
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    Julia Scharnhorst ist Diplom-Psychologin und Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Foto: Fredi Lang/BDP/dpa-tmn
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    Dr. Christa Roth-Sackenheim ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie und Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater (BVDP). Foto: BVDP/dpa-tmn
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    Sven Steffes-Holländer ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Chefarzt an der Heiligenfeld Klinik Berlin. Foto: Petra Balling/Heiligenfeld Klinik Berlin/dpa-tmn
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    Tief durchatmen: Zumindest bei leichten Krankheitsängsten können Entspannungstechniken wie Meditation eine Hilfe sein. Foto: Christin Klose
Berlin (dpa/tmn) - Kopfschmerzen halten sie für einen Hirntumor. Schlägt das Herz schneller, könnte es ein Infarkt sein. Und dieses Husten gerade - vielleicht Lungenkrebs?
So krank, wie viele Menschen denken, sind sie eigentlich nicht. «Ich bin ein Hypochonder», sagen sie dann. Doch selbst diese Diagnosestimmt oft nicht.
Denn was man umgangssprachlich unter Hypochondrie versteht, ist höchstens eine ganz leichte Form dieser Krankheit. Bei der ernsten Variante sprechen Experten von der hypochondrischen Störung - betroffen sind davon aber nur sehr wenige Menschen.
«Alltags-Hypochonder» gibt es viele
«Statistiken sprechen von 0,05 Prozent», sagt Julia Scharnhorst vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Andere Studien kommen auf 0,5 bis 3 Prozent, ergänzt Sven Steffes-Holländer, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Chefarzt an der Heiligenfeld-Klinik Berlin.
«Alltags-Hypochonder», wie er das nennt, gebe es aber sicher mehr - fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung vielleicht.
Varianten der eingebildeten Krankheit gibt es viele. Ein typischer Fall: Personen, in deren Bekanntenkreis jemand schwer erkrankt oder gar stirbt, erkennen bei sich manchmal ähnliche Symptome wie sie die Verstorbenen zeigten.
Eine Störung ist oft mit Angst vor dem Tod verbunden
«Das sind jedoch keine hypochondrischen Ängste», sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes für Psychiatrie und Psychotherapie.
Wer dagegen an einer hypochondrischen Störung leidet, entdeckt nicht nur Symptome - er befürchtet konkret, zum Beispiel an Krebs oder einem Herzleiden zu sterben.
Und meist braucht es dafür nicht viel: «Viele dieser Krankheiten beginnen mit unspezifischen Symptomen, die auch unter Stressbelastungen auftreten können», erklärt Steffes-Holländer. Etwa Sehstörungen, Schwindel, Brust- oder Bauchschmerzen und Übelkeit.
Das Internet verschärft das Problem
Doch anstatt die Beschwerden zum Beispiel mit Stress zu erklären oder anderen eher harmlosen Gründen, werden sie für die Betroffenen zum vermeintlich sicheren Todesurteil. «Das Denken kreist permanent um die Unversehrtheit des eigenen Körpers», sagt Steffen-Holländer.
Das Internet ist in dem Fall eher Fluch als Segen, sagt Scharnhorst - seltene Symptome und Krankheiten sind schließlich immer nur ein paar Mausklicks entfernt.
«Patienten suchen Erklärungsmodelle für ihre Beschwerden, wollen aber auch die Schwere ihrer Symptomatik beweisen», sagt Steffes-Holländer. Belastungen werden vermieden, um nicht noch schlimmer zu erkranken, die Tagesstruktur ist dahin.
Hormonstörungen können ein Grund sein
Ein Auslöser der echten Hypochondrie kann der plötzliche Verlust von nahe stehenden Personen sein. «Häufig beginnt die Störung schon zuvor, aber die Erfahrung ist dann der letzte Auslöser», erklärt Scharnhorst.
Auch Entzündungen oder Funktionsstörungen der Schilddrüse können Angsterkrankungen auslösen, sagt Roth-Sackenheim. Diese Variante lasse sich gut mit Medikamenten wie Cortison oder Schilddrüsen-Hormonen behandeln.
Verhaltenstherapie zusammen mit Angehörigen
Ansonsten kommen zum Beispiel Antidepressiva oder eine Verhaltenstherapie zum Einsatz. Man könne lernen, gut mit den Angstsymptomen umzugehen, sagt Scharnhorst.
In die Verhaltenstherapie werden oft die Angehörigen mit eingebunden, erklärt Steffes-Holländer. Man suche gemeinsam ein Erklärungsmodell: Gab es etwa Eltern, die ängstlich-überbehütend auf körperliche Symptome geachtet haben?
Auch die Frage nach der Rolle der Ängste spielt eine Rolle: Denn manchen gebe eine solche Angst auch die Legitimation, kürzer zu treten, im Beruf etwa, sagt Steffes-Holländer. Diese Menschen müssten vor allem lernen, legitime Gefühle und Wünsche nicht nur durch Symptome auszudrücken - und Hilfe anzunehmen.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Mittwoch, 29. Mai 2019 12:05 Uhr