Telefonhotline zu Medikamentenskandal gestartet

Telefonhotline zu Medikamentenskandal gestartet

Im Brandenburger Pharmaskandal um möglicherweise gestohlene Medikamente ist am Freitag (20. Juli 2018) beim Gesundheitsministerium ein Informationstelefon geschaltet worden.

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© dpa

Täglich werden unter der Telefonnummer 0331 866-5020 zwischen 10.00 und 16.00 Uhr Anrufe von Betroffenen entgegengenommen, teilte das Gesundheitsministerium mit. Apotheker und medizinisches Personal stehen für Anfragen bereit. Seit Donnerstag werden im Ministerium zudem Akten der Staatsanwaltschaft intensiv geprüft. Vor kurzem war bekannt geworden, dass ein Brandenburger Pharmahändler gestohlene Krebsmedikamente mit unklarer Wirksamkeit von einer griechischen Apotheke vertrieben haben soll. Hinweise darauf soll es aber bereits seit längerem gegeben haben.
Im Pharmaskandal um möglicherweise in Griechenland gestohlene Krebsmedikamente hat die Potsdamer Staatsanwaltschaft am Donnerstag die Justizakten dem Brandenburger Gesundheitsministerium übergeben. «Sie werden jetzt intensiv geprüft», sagte Ministeriumssprecherin Marina Ringel der Deutschen Presse-Agentur. «Wir erwarten uns Aufschluss über verschiedene Vorgänge.» Unterdessen gibt es Forderungen nach personellen Konsequenzen. Zudem wurde eine Sondersitzung des Gesundheitsausschusses im Landtag beantragt. Unklar ist weiter, ob die Medikamente eine Gefahr für die Gesundheit waren.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit April 2017 wegen Hehlerei. Bereits im Dezember 2016 hatte es erste Hinweise auf Unstimmigkeiten gegeben. Doch erst im Juni 2017 hatten die Brandenburger Behörden der Firma den Handel mit dieser Apotheke untersagt.

Krebsmedikamente auch in Berlin verkauft

Die Berliner Gesundheitsverwaltung teilte am Donnerstag mit, dass die fraglichen Mittel auch an Patienten in Berlin gingen. Eine Überprüfung habe ergeben, dass eine Berliner Apotheke mit vier verschiedenen Medikamenten beliefert worden sei. Sie habe mit den Mitteln - in erster Linie Stoffe für die Chemotherapie - zwischen September 2015 und März 2017 sechs Arztpraxen und eine Reha-Einrichtung versorgt. Derzeit gebe es keine Erkenntnisse, dass in Berlin Patienten geschädigt worden seien.
Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) forderte vom Nachbarland Aufklärung. «Wir sind allerdings auf schnelle und lückenlose Informationen aus Brandenburg angewiesen. Ich gehe davon aus, dass diese nun auch erfolgt», erklärte sie.
Brandenburgs Vize-Regierungssprecherin Gerlinde Krahnert erklärte: «Ministerpräsident Dietmar Woidke erwartet selbstverständlich eine umfassende Aufklärung und geht davon aus, dass Ministerin Diana Golze alle offenen Fragen beantwortet. Die Landesregierung nimmt die bekanntgewordenen Vorgänge um den Handel mit gefälschten Medikamenten sehr ernst.» Viele Menschen im Land seien verunsichert, Patienten wollten zu Recht Klarheit. «Das zuständige Ministerium arbeitet daran mit Hochdruck. Bei aller gebotenen Sensibilität und Brisanz des Themas sind politische Schnellschüsse jedoch keine Lösung», so Krahnert.
Warum die Firma ihre Betriebserlaubnis behalten konnte, sei nicht nachvollziehbar, hatte Gesundheitsministerin Golze (Linke) am Mittwoch nach tagelangem Schweigen gesagt. Sie räumte Fehler und Versäumnisse ein.

Hotline ist von Montag bis Freitag besetzt

Am Donnerstag kündigte Golze an, dass ihr Ministerium ab Freitag ein Informationstelefon für Patienten anbietet. «Es soll zur Aufklärung beitragen und ist eine zusätzliche Möglichkeit, Nachfragen zu stellen», so Golze. Auch medizinischem Personal sowie Apothekern stehe die Hotline 0331 866-5020 täglich von 10.00 Uhr bis 16.00 Uhr zur Verfügung. Sie werde mit medizinischen und pharmazeutischen Experten besetzt sein.
Unklar ist vor allem, warum das Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG) nicht die Leitung des Ministeriums über ein Amtshilfeersuchen vom März 2017 des Landeskriminalamtes informiert hatte. In den Akten der Behörde soll es nur indirekte Hinweise auf das Dokument geben, das Papier selbst soll nicht auftauchen, wird aber in den Justizakten vermutet.
Noch offen ist der Termin für die geplante Sondersitzung des Gesundheitsausschusses. Die Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen und CDU hatten sie für nächste Woche beantragt. Darüber werde das Präsidium des Landtags entscheiden, wegen der Sommerpause des Parlaments allerdings schriftlich, teilte ein Sprecher des Landtags mit.
Die SPD-Landtagsfraktion unterstützt nach den Worten ihrer gesundheitspolitischen Sprecherin Britta Müller die Sondersitzung. «Leider sind noch viele Fragen offen.» Daher müsse das Verhalten der zuständigen Landesbehörden genau untersucht werden.

Zahl der Opfer noch unklar

Noch sei nicht abzuschätzen, wie viele Patienten Opfer der illegalen Krebsmedikamente geworden seien, sagte Steeven Bretz, Generalsekretär der Brandenburger CDU. Möglicherweise seien Schwerstkranke durch das eklatante Versagen des Gesundheitsministeriums zu Schaden gekommen. Von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) verlange er, in dieser Situation nicht zu schweigen. «Ich erwarte, dass er sich zu der schwerwiegenden Verletzung von Schutzpflichten in seinem Verantwortungsbereich äußert», sagte der CDU-Politiker.
Die AfD forderte den Rücktritt von Golze. «Wir erleben eine linke Ministerin, die mit letzter Kraft um das Überleben kämpft, der wir aber heute schon prophezeien können, dass dieser Kampf bereits verloren ist», sagte Fraktionschef Andreas Kalbitz.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Freitag, 20. Juli 2018 11:51 Uhr