Fetales Alkoholsyndrom: Schon ein Glas in der Schwangerschaft ist zuviel

Fetales Alkoholsyndrom: Schon ein Glas in der Schwangerschaft ist zuviel

Jedes Jahr werden hierzulande tausende Babys mit schweren Alkoholschäden geboren. Am Fetalem Alkoholsyndrom leiden sie ein Leben lang.

Sektgläser

© dpa

Schon ein Glas kann zuviel sein: Schwangere sollten auf Alkohol gänzlich verzichten.

In Deutschland kommen pro Jahr einige Tausend Babys mit Alkoholschäden zur Welt. Denn schon das vermeintliche "Gläschen in Ehren" ist für Ungeborene zu viel. Die Schätzungen schwanken zwischen 4000 und 10.000 Kindern pro Jahr, die teils schwere körperliche und geistige Schäden davontragen.

Berliner Beratungszentrum zu Fetalem Alkoholsyndrom

Ärzte warnen Schwangere: "Da wir nicht genau wissen, wann und wie stark Alkohol in der jeweiligen Phase der Schwangerschaft wirkt, sollten Frauen auf jedes Glas verzichten, sobald sie wissen, dass sie schwanger sind», sagt Kinderarzt Prof. Hans-Jürgen Spohr. Studien zufolge trinken 12 bis 15 Prozent der werdenden Mütter mindestens einmal pro Monat Alkohol.

Zusammen mit dem Gynäkologen Prof. Joachim Dudenhausen leitet Spohr an der Berliner Charité eines der wenigen Beratungszentren für Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom (FASD) in Deutschland. Initiator ist die «Stiftung für das behinderte Kind».

Behindert, geschädigt, benachteiligt

An der Berliner Charité versuchen die Ärzte zunächst, die Schädigung in einem aufwendigen Testverfahren zu diagnostizieren. «Es gibt mittlerweile dazu ein verlässliches Vier-Punkte-Untersuchungsprogramm», sagt Spohr, der seit über 20 Jahren mit Alkohol-geschädigten Kindern arbeitet. Das Spektrum der Beeinträchtigungen reicht von leichten Konzentrationsproblemen bis zu starken Schäden in der geistigen und motorischen Entwicklung, Wachstumsstörungen und Gesichtsfehlbildungen.

Auch als Erwachsene auf Betreuung angewiesen

«Mittlerweile liegen auch Langzeitdaten vor. Die sind ernüchternd. Denn aus stark Alkohol-geschädigten Kindern werden Erwachsene, die selten mit dem Leben klar kommen. Und junge Männer haben es besonders schwer», sagt Spohr. Eine Langzeituntersuchung stark geschädigter FASD-Kinder habe ergeben, dass 70 Prozent von ihnen auch als Erwachsene nicht ohne Betreuung leben konnten. 30 Prozent lebten allein oder in einer Partnerschaft. Neun von zehn waren ohne Job.

Risiko bei Adoptivkindern

Besonders gravierend ist das Problem in vielen Pflegefamilien: Eltern haben Kinder aufgenommen, die im Mutterbauch «mittrinken» mussten und die den leiblichen Eltern aus anderen Gründen vom Jugendamt entzogen wurden, ohne dass über den Alkoholmissbrauch Kenntnis bestand.

«Die Diagnose wird so gut wie nie direkt nach der Geburt gestellt, sondern manchmal erst Jahre später, wenn die Pflegeeltern verzweifelt zu uns kommen, weil sie sich nicht mehr zu helfen wissen», sagt Spohr. Oft müsse dann in Detektivarbeit über die Jugendämter die Geschichte der Mutter eruiert werden.

Rechts- und Unrechtsbewusstsein fehlt oft gänzlich

«Die größte Hilfe für die Familie ist meist, dass die Betroffenen endlich wissen, was los ist», sagt Spohr. Aussichten auf komplette Heilung gebe es jedoch keine, nur verschiedene Therapieansätze, um je nach Ausprägung der Behinderung den Alltag besser zu bewältigen: So hätten viele Kinder trotz eines normalen Intelligenzquotienten große Schwierigkeiten, in einer Regelschule mitzukommen, weil Konzentrations- und Merkfähigkeit gering seien.

Auch Rechts- und Unrechtsbewusstsein ist nach Erfahrungen von Spohr manchmal kaum vorhanden. «Die Kinder brauchen oft einen extrem festgefügten Rahmen, kleine Klassen, manchmal sogar Eins-zu-Eins-Betreuung.»

Homepage vom FASD-Zentrum Berlin:

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Montag, 5. Dezember 2011 18:04 Uhr

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