Auch Lenkräder sind Design-Objekte

Auch Lenkräder sind Design-Objekte

Es ist nicht kreisrund, sondern ragt beinahe sechseckig aus dem schlanken, digitalen Cockpit. Deshalb sorgt es immer wieder für überraschte Blicke bei den Passagieren von Johann Kistler.

  • Auch aus optischen Gründen© dpa
    Angeknabberter Alleskönner? Nein, Audi hat bei diesem Lenkrad aus dem Q4 E-Tron auch aus optischen Gründen oben etwas «abgefeilt», untergebracht sind dennoch rund 18 Funktionen.
  • Reduzierter Look© dpa
    Reduzierter Look: Tesla hat ein Lenkrad vorgestellt, das an Formel-1-Autos oder Verkehrsflieger erinnert.
  • Joysticks© dpa
    Lässig mit einer Hand? Das ist in der Studie Prophecy von Hyundai auch möglich, sie wird mit Joysticks manövriert. Der eine ist auf der Mittelkonsole, der andere in der Fahrertür.
  • Lenkrad mit Geschichte© dpa
    Rudimentäres Rund: Seit 1894 greifen Menschen ins überwiegend runde Lenkrad, um ihr Fahrzeug zu steuern - wie wird das in Zukunft sein?
  • Erste Automobilwettfahrt© dpa
    Racer mit Rundstück: Auf der ersten Automobilwettfahrt der Welt von Paris nach Rouen im Juli 1894 griff Alfred Vacheron zum ersten Mal in ein Lenkrad. Dieses hatte er seinen Panhard & Levassor mit Daimler-Motor eingebaut.
  • Zahlreiche Funktionen© dpa
    Technologieträger für die Handarbeit: Lange waren Lenkräder einfach nur runde Holzräder mit Metallspeichen. Heute sind sie längst sicherer umschäumt und mit Airbag bestückt zur Schaltzentrale für zahlreiche Funktionen geworden.
  • Sechseckiges Volant© dpa
    Das Runde wird zum Eckigen: Im BMW iX zeigt sich ein nahezu sechseckiges Volant.
  • Die Zukunft kommt ohne aus© dpa
    Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Zumindest kein klassisches Lenkrad mehr. Die Zukunft kommt zumindest in der Studie Prophecy ohne aus und wird mit Joysticks gelenkt.
  • Gar kein Lenkrad© dpa
    Runde Sache? Ja, außen vielleicht, innen verzichtet der Smart Fortwo Vision EQ als Robo-Taxi auf ein Lenkrad.
  • Abweichungen vom klassischen Konzept© dpa
    Design am Lenkrad: Manchmal weichen Hersteller wie Citroën früher mit Einspeichenlenkrädern oder jüngst Skoda mit zwei Speichen vom klassischen Konzept mit drei Speichen ab.
Der BMW-Ingenieur verantwortet die Entwicklung des neuen iX. Wenn das Elektro-SUV im November in den Handel kommt, will es ähnlich revolutionär und unkonventionell sein wie der i3 vor rund zehn Jahren - und dazu gehört auch das auffällige Lenkrad.
Das erste Auto der Welt hatte übrigens noch gar keines. Anstelle dessen gab es am Benz Patent Motorwagen von 1886 einen aufrechten Griff. Der ragte senkrecht aus einer Art liegendem Sextanten heraus. Je weiter man den nach links oder rechts geschoben hatte, desto enger nahm das Auto die Kurve. Erst knapp zehn Jahre später erfand der französische Ingenieur Alfred Vacheron das, was wir heute als Lenkrad kennen, berichtet Mercedes-Sprecher Ralph Wagenknecht.
Für das erste Automobilrennen der Welt im Juli 1894 habe er in seinen von einem Daimler-Motor angetriebenen Panhard & Levassor ein Lenkrad anstelle des üblichen Lenkhebels eingebaut. Davon habe er sich eine bessere Kontrolle des Wagens erhofft, weil sich die Lenkbewegung der Vorderräder aus einer neutralen Mittelstellung bis zum Anschlag auf mehrere Umdrehungen der Lenksäule verteilen ließ. Der Franzose fuhr zwar nur auf den elften Platz, muss Wagenknecht einräumen: Doch der sogenannte Volant setzte sich durch.
Ein Lenkrand war ganz lange nur rund und zum Lenken
Seitdem hat sich an der Gestaltung des Lenkrades zwar viel verändert, doch zumindest die Kreisform galt über Jahrzehnte als gesetzt. Bis sich die Designer irgendwann von Rennwagen inspirieren ließen. Für besonders sportliche Modelle haben sie den unteren Teil des Kranzes abgeflacht. Damit können ambitionierte Fahrer näher ans Cockpit rücken und schneller um die Kurven kurbeln.
Die Dämme sind offenbar gebrochen, und der Spielraum ist so groß geworden, dass es neben Kistler und seinem iX auch Tesla allein mit der Ankündigung eines neuen Lenkrads in die Schlagzeilen schafft. Als die Amerikaner vor einigen Wochen das Facelift von Model S und Model X angekündigt haben, waren die größeren Reichweiten und die stärkeren Motoren nur Nebensächlichkeiten.
Im Zentrum stand stattdessen das sogenannte Yoke-Lenkrad, das der US-Hersteller künftig als Option anbieten will. Das erinnert als liegendes Viereck nicht nur an das Steuer eines Formel-1-Rennwagens oder Verkehrsfliegers. Sondern es irritiert darüber hinaus durch das Fehlen fast aller Taster auf den Speichen und aller Hebel dahinter.
Denn wo andere Lenkräder buchstäblich zur Schaltzentrale aufgerüstet wurden und gespickt sind mit Drucktasten, Cursern, Walzen oder Sensorfeldern zur Bedienung von Assistenten, Infotainment und Bordcomputer, gibt es bei Tesla dann nur noch zwei Knöpfe und dafür viel künstliche Intelligenz. Die soll zum Beispiel selbständig das Blinken übernehmen und damit die üblichen Hebel überflüssig machen.
Lenken - und zahlreiche andere Funktionen
Marcel Bruch, der bei Audi die Entwicklung der Lenkräder leitet, musste dagegen für den neuen Q4 E-Tron neben der reinen Urbestimmung noch bis zu 18 Funktionen im Lenkrad integrieren - und hat obendrein ebenfalls an der Form gefeilt. Um dem Elektromodell einen frischen Look zu geben und zugleich den Blick auf die Straße zu verbessern, hat er das Lenkrad nicht nur unten, sondern auch oben etwas abgeflacht. Das war keine leichte Entscheidung, räumt der Entwickler ein: «Wir bewegen uns permanent in einem Spannungsfeld von Design und Ergonomie. Das Steuerrad soll ja handlich bleiben und definierte ergonomische Anforderungen erfüllen.»
Nicht nur bei der Form spielen die Designer, sondern auch bei der Zahl der Speichen, über die der äußere Kranz mit dem Mitteltopf und der Nabe verbunden ist. Denn auch wenn sich drei oder vier Speichen über die Jahre als Standard etabliert haben, gibt es immer wieder Ausreißer: Citroën zum Beispiel machte bisweilen mit einem Lenkrad mit nur einer Speiche von sich Reden. Und als Skoda bei der Premiere des aktuellen Octavia von drei auf zwei Speichen gewechselt hat, haben die Tschechen das wie eine Revolution gefeiert.
Aufwendige Entwicklungsarbeit
Aber egal ob rund oder eckig oder mit flachem Boden, ob mit drei, zwei oder gar nur einer Speiche: «Die Entwicklung eines Lenkrades ist extrem aufwendig», sagt Audi-Sprecher Tobias Söllner. Er berichtet dabei allein von 35 zu berücksichtigenden Gesetzen und Richtlinien.
Bald könnte dieser Aufwand kleiner werden. Die Branche arbeitet daran, das Lenkrad - zumindest zeitweise - überflüssig zu machen. Dafür soll der Autopilot zur Serienreife kommen. Auch Kistlers iX hat dafür die allermeiste Technik bereits an Bord.
Immer wieder gab es in den letzten Jahren Technologieträger und Showcars zu sehen. Bei denen waren die Lenkräder zum Einklappen oder Versenken oder sie wurden mit einem Joystick gesteuert. Modelle wie der Smart Fortwo Vision EQ sind als Robo-Taxi gar nicht mehr fürs Selbstfahren gedacht. Zumindest übers Lenkrad muss man sich dann keine Gedanken mehr machen.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Freitag, 2. Juli 2021 04:47 Uhr