Renault Alpine: Legende auf der Überholspur

Nach 30 Jahren baut Renault endlich wieder eine Alpine. Statt Retrovorstellungen zu folgen, ist das kleine Coupé ein moderner Sportwagen mit besten Absichten.
Renault Alpine A110
Ein legendärer Sportwagen kehrt auf die Straße zurück. Im Frühjahr werden die ersten Renault Alpine 110 zu sehen sein. © dpa

Mit Legenden tut sich die PS-Branche nicht leicht: Der VW Beetle ist ein Flop, der Fiat 500 ein Abklatsch seiner selbst, und über den PT Cruiser von Chrysler hüllt man besser den Mantel des Schweigens. Für Renault war die Rückkehr der Alpine eine schwere Geburt. Doch es war alle Wehen wert.

Die Franzosen schicken nach bald 30 Jahren im Frühjahr wieder eine A110 auf die Überholspur. Dann kommen sie dem Original ganz ohne verklärten Kitsch viel näher, als die allermeisten Retro-Modelle.

Form und Format beim Alpine sind wie früher

Das gilt nicht nur für die Form des Mittelmotor-Coupés. Das zitiert mit seinen LED-Knopfaugen, der flachen Haube, den verführerisch weit ausgestellten Kotflügeln und dem kessen Entenbürzel am Heck gekonnt das Original, das 1973 als erstes Auto die Rallye-Weltmeisterschaft gewonnen hat. Es kopiert es aber nicht plump.

Das gilt erst recht für das Format. Wo die neuen Autos immer größer werden, hat Renault tatsächlich Maß gehalten und die Alpine wieder zu einem Sportler für die Westentasche gemacht: Ohne dass es innen irgendwie eng wäre, ist der Zweisitzer nur 1,25 Meter hoch und 1,80 Meter breit. Vor allem ist er mit einer Länge von 4,18 Metern kaum länger als ein Clio.

Renault Alpine ist klein und leicht

Diese freiwillige Selbstbeschränkung dient nur einem einzigen Zweck - dem geringen Gewicht. Während Porsche und Co ihre Dynamik vor allem aus dem Dampf der Motoren schöpfen, fußt die Power der Alpine auf den wenigen Pfunden: Gerade einmal 1103 Kilogramm wiegt die «Premiere Edition», mit der im Frühjahr der Verkauf beginnt. Das Serienmodell «Pure» ist sogar einen halben Zentner leichter.

Auf solche Werte kommen sonst nur nackte Rennzigarren von Lotus oder Caterham. Konkurrenten wie der Audi TT, der Porsche Cayman oder der Alfa 4C sind alle deutlich schwerer.

Handlich und leichtfüßig durch die Kurven

Entsprechend handlich und leicht lässt sich die Alpine führen. Der Schwerpunkt niedrig, die Balance mit dem Motor direkt hinter den Sitzen perfekt, fühlt man sich dem Auto so nahe wie die Hand dem Handschuh und treibt es mit fast intuitiver Sicherheit durch die engsten Kurven.

Kein Radius ist dem Renault zu eng, keine Schikane zu haarig und keine Kuppe zu steil - so fühlt sich jede Landstraße an wie eine Sonderprüfung in den Seealpen hinter Nizza, wo die Legende in den Siebzigern geboren wurde. Falls Mademoiselle bei diesem heißen Tanz ihre Hüfte doch mal zu weit fliegen lässt, braucht es nur einen beherzten Ruck am griffigen Lenkrad, um sie auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.

Kleiner Motor, großer Spaß

Die Musik zu diesem heißen Tanz spielt ein Motor, dem man so viele Emotionen gar nicht zugetraut hätte. Denn quer hinter den Sitzen montieren die Franzosen einen fast schon bescheidenen 1,8-Liter-Vierzylinder, dem die Renault-Sportabteilung mit einem Turbo gerade mal 185 kW/252 PS und 320 Newtonmeter abringt - bei Porsche und Co würden sie darüber nur lachen.

Doch wenn die Alpine erst einmal Gas gibt, bleibt der Konkurrenz dieses Lachen im Halse stecken. Weil bei einem Sportwagen Leichtbau viel wichtiger ist als Leistung und Geschwindigkeit gefühlt statt gemessen wird, macht die Alpine mit großem Abstand den schnelleren Eindruck - selbst wenn die Messwerte mit 4,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h und 250 Sachen Spitze objektiv allenfalls gehobener Durchschnitt sind.

Keine Einbußen beim Komfort

Obwohl Renault beim Gewicht keine Kompromisse macht, muss man in der Alpine auf den nötigen Komfort nicht verzichten. Man sitzt zwar in festen Rennschalen aus Karbon, die sich nicht sonderlich gut verstellen lassen, die Becherhalter sind gut versteckt und der winzige Kofferraum verteilt sich auf die beiden Klappen im Bug und im Heck.

Doch es gibt eine Klimaanlage und elektrische Fensterheber, ein paar Assistenzsysteme, ein digitales Cockpit und einen großen Touchscreen, über den bei Bedarf bald mehr Telemetriedaten flimmern als im Kommandostand eines Formel-1-Teams.

Fazit: Nagelneu und doch die Alte

Sie sieht klasse aus, fährt knackig, ist leidenschaftlicher und leichter als die allermeisten Porsche und bei einem Grundpreis von später wenig mehr als 55 000 Euro auch noch bezahlbar. So ist die neue A110 ganz die alte geblieben und so eines der wenigen guten Beispiele für den Umgang mit automobilen Legenden. Dummerweise haben das auch die Alpinisten erkannt: Deshalb war die Startserie bereits nach fünf Tagen ausverkauft. Wer jetzt die Gipfel stürmen möchte, muss bis mindestens Herbst 2018 warten.

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Quelle: dpa
Aktualisierung: Mittwoch, 7. Februar 2018 11:45 Uhr

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