Lotus Evora GT 430: Schnell, schön und ein bisschen schrullig

Der neue Evora GT 430 ist nicht nur der stärkste und schnellste Lotus mit Straßenzulassung. Neben ihm wirkt selbst der 911 GT2 RS irgendwie gewöhnlich.
Lotus Evora GT 430
Einmal Autotester sein: Das wünschen sich viele PS-Fans, wenn sie den neuen Lotus Evora GT 430 sehen. © dpa

Die früher so krisengeschüttelte englische Autoindustrie ist auf dem Wege der Besserung: Selbst von Lotus gibt es regelmäßig Lebenszeichen. Wer an der Vitalität der Marke zweifelt, dem sei eine Fahrt im neuen Evora GT 430 empfohlen. Der Evora GT 430 ist zu Preisen ab 139.000 Euro im Handel. Lebendiger als dieses Renncoupé mit Straßenzulassung kann ein Sportwagen kaum sein.

Vom Gran Turismo zum radikalen Renner

Wo der Evora sonst gerne einen für Lotus-Verhältnisse gemütlichen Gran Turismo gibt, wird er als GT 430 zum radikalen Rennwagen, bei dem alles nur einem Ziel untergeordnet wird: Tempo um jeden Preis.

Die Karosserie ist deshalb leichter, flacher und windschnittiger. Das Fahrwerk strammer, das Getriebe direkter und die Kabine haben die Engländer dafür so weit ausgeräumt, dass es nicht einmal mehr ein Radio, einen Becherhalter oder eine Ablage fürs Smartphone gibt. Von den Rücksitzen ganz zu schweigen.

Lotus Evora GT 430: Athlet unter Adipösen

Lohn der Mühe ist ein Gewicht von 1258 Kilogramm. Das liegt noch einmal zwei Zentner unter dem ohnehin schon leichten Evora und lässt jeden Sportwagen vom europäischen Festland plötzlich ziemlich adipös wirken.

Entsprechend leichtfüßig ist der Evora GT zu fahren: Gierig reißt er beim Kickdown an der Kette wie ein wütender Wachhund und explosiv schießt er davon, wenn man die harte Kupplung kommen lässt: Klack, klack, klack - wie Hammerschläge knallen die Gänge ins Getriebe und der Horizont kommt einem mit Vollgas entgegen.

Seiltanz mit verbundenen Augen

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte erlebt man in der Kurve. Von einem riesigen Flügel am Heck tief auf den Asphalt gedrückt und mit der Straße verbunden als wären die Reifen von Pattex statt von Pirelli und Co fühlt man sich im Evora beim Ritt auf der Ideallinie so sicher, wie ein Seiltänzer, der sich aus lauter Übermut die Augen verbinden lässt.

Egal wie eng die Kurve ist und wie viel zu schnell man sie angeht - als könne sich der Evorea von der Fliehkraft freimachen, hält er eisern seinen Kurs und zieht ganz cool bis zum Ende durch.

Der schnellste Lotus der Geschichte

So scharf, schnell und beherrschbar fühlt sich sonst allenfalls ein Mercedes AMG GT oder ein Porsche 911 GT2 RS an. Nur dass die alle ein paar Zentner schwerer sind und deshalb deutlich mehr Leistung brauchen. Dem Lotus reicht dagegen ein V6-Turbo mit 3,5 Litern Hubraum und gerade mal 321 kW/436 PS und 440 Newtonmeter. Selbst wenn das rund zehn Prozent mehr sind als beim Standardmodell, erntet der Evora GT 430 damit im Kreis der Supersportwagen allenfalls ein mildes Lächeln.

Doch in der Firmenwertung reicht das für Rekorde: Kein anderer Lotus mit Straßenzulassung war bislang stärker. Und keiner ist schneller: Von 0 auf 100 schafft es der Tiefflieger in 3,8 Sekunden und das Spitzentempo liegt erst bei 305 km/h. Und der Leichtbau hat noch einen weiteren Vorteil: Zumindest auf dem Prüfstand ist der Evora mit 9,8 Litern (CO2: 234 g/km) zufrieden.

Lotus Evora ist individuell konfigurierbar

Zwar hat Lotus schon das Maximum aus dem Minimalisten heraus geholt. Doch ein bisschen Spielraum bleibt noch für den Fahrer. Wie es sich für einen Rundstreckenrenner gehört, kann man den GT 430 individuell für jeden Kurs konfigurieren. Nur dass Lotus auch da wieder einen eigenen Weg geht.

Während man die fein abgestufte Traktionskontrolle noch mit den Knöpfen im Cockpit justiert und so die Nervosität des Hecks auf die Spitze treiben kann, werden Zug- und Druckstufe des vom schwedischen Spezialisten Öhlins beigesteuerten Rennfahrwerks noch nach alter Väter Sitte von Hand verstellt. Aber ein bisschen mechanisches Geschick hat bei Autos aus England ja noch nie geschadet.

Fazit: So müssen Autos aus England sein

Natürlich sind 139.000 Euro viel Geld. Erst recht für ein Spielzeugauto wie den Evora GT 430, der für den Alltag in etwa so viel taugt wie der Spikeschuh eines Sprinters für einen Stadtbummel. Doch wer so viel Fahrspaß von anderen Marken geboten bekommen will, muss deutlich tiefer in die Tasche greifen. Deshalb muss man fast schon dankbar sein, dass Lotus zwar noch immer am Leben ist, sich aber bislang noch nicht aus seiner schrulligen Nische heraus entwickeln konnte. Nur so bleibt der Evora GT 430 jener extreme Exot, der jeden anderen Supersportwagen langweilig werden lässt.

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Quelle: dpa
Aktualisierung: Donnerstag, 4. Januar 2018 12:27 Uhr

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